Ärztesprecher Hans Tylla ist in Sorge: „Großer Teil der Hausärzte wird wegbrechen“

Von Petra Schlierf · 3. Juli 2023 um 05:00

Fehlender Nachwuchs, viele Mediziner, die kurz vor der Rente stehen, eine geplante Krankenhausreform mit vielen Schwächen – die Hausärzte im Landkreis Neumarkt plagen derzeit viele Sorgen. Trotzdem kann Hausarzt mit eigener Praxis immer noch ein Traumberuf sein, ist sich Hans Tylla sicher.

Er hat vor rund acht Jahren die vakante Hausarztpraxis in Berngau übernommen und ist inzwischen auch Sprecher vom Ärztenetz Neumarkt.

Herr Tylla, acht Hausarztsitze sind aktuell im Landkreis Neumarkt nicht besetzt. Trotzdem gilt der Landkreis als nicht unterversorgt. Wie kann das sein?

Hans Tylla: Die Kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB) teilt den Landkreis Neumarkt in zwei Bereiche ein und berechnet anhand der Einwohnerzahl den Bedarf. In Neumarkt sind derzeit sieben Sitze frei, in Parsberg einer. Das gilt noch als Regelversorgung. Neumarkt hat einen Versorgungsgrad von 99 Prozent, Parsberg sogar von 106.

Im Moment geht es gerade noch so, weil sehr engagierte Hausärzte die Patienten mitversorgen, die rechnerisch den freien Hausarztsitzen zufallen würden. Oder die Patienten, die keinen Hausarzt haben oder keinen finden, gehen in die Notaufnahme oder in die KVB-Bereitschaftspraxis.

Es gibt aber jetzt schon Gemeinden, wo es gar keinen Hausarzt mehr gibt. Zum Beispiel in Sengenthal. In Berngau bin ich der einzige. In Pilsach und Hohenfels gibt es auch nur einen. Noch ganz gut sieht es dagegen im Bereich Freystadt und natürlich in Neumarkt aus.

Es kann sich also jede Gemeinde glücklich schätzen, die noch einen Hausarzt hat. Das könnte sich aber schon bald ändern. Immer wieder schließen Praxen, weil sich kein Nachfolger findet.

Tylla: Das ist das eigentliche Problem. Das Durchschnittsalter ist hoch. Um die 40 Prozent sind 60 Jahre oder älter. In den nächsten vier bis fünf Jahren wird ein großer Teil davon wegbrechen. Wenn die alle keinen Nachfolger finden, wird es sehr problematisch. Es sind wirklich Ausnahmen, wenn ein Sitz erfolgreich übergeben werden kann.

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Und wie in vielen anderen Bereichen ist auch in der Medizin längst nicht mehr die Fünf-Tage-Woche Standard.

Tylla: Das kommt dazu, dass viele junge Ärzte Teilzeit arbeiten wollen. Als Einzelkämpfer mit eigener Praxis geht das als Hausarzt nicht. Wenn ich nicht arbeite, und sei es, weil ich krank bin, wissen die Patienten nicht, wo sie hingehen sollen. Gerade für Frauen, die Kinder haben oder bekommen wollen, ist das natürlich schwierig. Der Frauenanteil unter den Medizinern wird immer höher. Im Landkreis Neumarkt sind wir momentan um die 40 Prozent.

Ist es also nur die Work-Life-Balance, die junge Mediziner davon abhält, sich mit eigener Praxis niederzulassen?

Tylla: Viele scheuen auch die Verantwortung für das eigene Unternehmen, für die Mitarbeiter, und arbeiten lieber angestellt in der Klinik oder in einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ). Als angestellter Arzt kann ich mich krankmelden. Wenn ich krank bin, ist meine Praxis dicht. Im MVZ hat man feste Schichten und um 18 Uhr Feierabend. In der Praxis werde ich nicht nach Stunden bezahlt und bin deshalb auch bis halb acht und länger da, weil mir die Patienten wichtig sind. Wenn ich Arbeit heute nicht erledige, muss ich es am nächsten Tag machen.

Im MVZ haben die Kollegen feste Arbeitszeiten und machen pünktlich Feierabend – Der Betreiber muss ja jede Überstunde bezahlen. Bei mir als Hausarzt in der Einzelpraxis ist das nicht so. Wenn man in der eigenen Praxis sitzt, in die man ja auch investiert hat, ist das anders. Da arbeitet man auch mal, wenn man selbst kränker ist als derjenige, den man gerade krankschreibt.

Sie sind mit gutem Beispiel vorangegangen und nach vielen Jahren in der Klinik in die eigene Praxis eingestiegen, noch dazu auf dem Land. Wie kann man junge Medizin dazu motivieren, es Ihnen gleichzutun?

Tylla: Man kann viel reden, aber ich bin der Meinung, man muss ihnen zeigen, dass es ein sehr schöner Beruf ist. Und trotz viel Arbeit kann auch ich noch lachen und bin lebensfroh. Und auch ich habe noch Freizeit.

Es funktioniert schon. Aber viele junge Ärzte lernen die Arbeit in der Praxis gar nicht mehr kennen. Da ist der Weiterbildungsverbund Allgemeinmedizin zwischen dem Klinikum Neumarkt und dem Ärztenetz ein sehr guter Ansatz. Als Teil der Facharztausbildung zum Allgemeinmediziner arbeiten junge Kollegen ein halbes oder ein ganzes Jahr in einer Praxis mit. Auch ich werde künftig junge Kollegen als angestellter Arzt zu mir nehmen, damit sie den Alltag hier kennenlernen und die Weiterbildung zum Allgemeinmediziner abschließen können. Wenn sie wollen, können sie dann mit einsteigen und eventuell im Verlauf eine Praxis übernehmen.

Ich denke zwar noch lange nicht ans Aufhören, aber ich will, dass meine Patienten gut versorgt sind. Auf jeden Fall haben die Weiterbildungsassistenten dann einen echten Vergleich zwischen Klinik und Praxis, weil sie beides kennengelernt haben.

Man hat ja vor einigen Jahren ein Programm aufgelegt, bei dem schon Medizinstudenten eine Förderung bekommen, wenn sie sich verpflichten, nach dem Studium als Landarzt zu arbeiten. Ob das wirkt, kann ich nicht sagen. Bis jetzt merke ich davon noch nichts. Aber das kann auch daran liegen, dass diese Studenten mit der Ausbildung noch nicht so weit sind.

Manche Bereiche der Medizin scheinen ein so lukratives Geschäft zu sein, dass Investoren groß einsteigen und auch in Deutschland Arztsitze wegkaufen. Sie booten mit ihrer Finanzkraft oft andere Ärzte aus. Wie groß ist dieses Problem bei uns und was bedeutet das für die Patienten?

Tylla: Eine Facharztpraxis in Neumarkt ist auch schon aufgekauft worden, aber grundsätzlich ist es im Landkreis Neumarkt noch kein größeres Problem. Im Norden Deutschlands aber schon. Dort hat zum Beispiel eine Investorenkette über 700 Augenarztpraxen aufgekauft. Natürlich will und muss jede Praxis Geld verdienen, aber dort will auch der Investor noch mitverdienen. Man wird dort also versuchen, teure OPs zu machen, um Geld zu verdienen, und was kein Geld bringt, wird nicht gemacht. Da ist der Patient nicht mehr wichtig, sondern nur noch die Zahlen. Ich als Arzt ohne Investor im Hintergrund entscheide allein, was für den Patienten am besten ist. Natürlich muss ich auch Geld verdienen, aber einen Investor muss ich nicht mitfinanzieren.

Die Digitalisierung in den Praxen ist seit einigen Jahren ein Riesen-Thema. Die elektronische Patientenakte und die digitale Krankschreibung waren aus Sicht des Patienten die größten Veränderungen. Wie geht es da voran?

Tylla: Es gibt immer wieder neue Vorgaben, die wir in diesem Bereich erfüllen müssen. Und das ist oft gar nicht so leicht umzusetzen, auch technisch. Zuletzt haben wir ein System eingeführt, über das wir verschlüsselt Dokumente digital verschicken können, die früher per Fax versendet wurden. Das ist eine gute Sache, aber es war auch ein riesen Aufwand, bis das eingerichtet war.

Jetzt soll das E-Rezept und die elektronische Patientenakte kommen, wo noch niemand so genau weiß, wie das praktisch funktionieren soll. Das alles kommt zum normalen Job eben auch noch alles dazu. Da muss man sich erstmal einarbeiten und sich Zeit nehmen, die beim Patienten vielleicht besser investiert wären. Und umsetzen muss man die Vorgaben bis zum jeweiligen Stichtag, sonst gibt’s von der Kassenärztlichen Vereinigung einen Abschlag bei der Abrechnung. Aber trotz all der Zusatzaufgaben: Es ist ein sehr schöner Job. Ich möchte nichts anderes tun.