Mit 70 noch in der Praxis – es geht nicht anders: Ein Hausarzt erzählt

In der Region Neumarkt gibt es nicht genügend Hausärzte – und jetzt will der nächste zusperren: Heiner Schilling ist über 70 und sucht vergeblich einen Nachfolger für seine Praxis in Freystadt. Das sind die Schwierigkeiten.
Er behandelt sie alle: Kinder mit Fieber, Erwachsene mit unklaren Symptomen, Rentner mit Bluthochdruck: Heiner Schilling ist Hausarzt und er liebt seinen Beruf. Doch er ist auch über 70 – und würde gerne aufhören. Zumal sein Praxis-Partner genauso alt ist. Aber: Es findet sich kein Nachfolger. Ein Riesenproblem, denn die Patienten stehen in seiner Praxis in Freystadt Schlange. Sie kommen neuerdings auch aus Allersberg, Obermässing, Untermässing und Neumarkt – entweder, weil es dort keine Ärzte mehr gibt oder weil die dortigen Praxen einen Aufnahmestopp verhängt haben, sagt Schilling. „Es ist unglaublich.“ Ans Aufhören darf er daher eigentlich nicht denken.
Falsches Bild vom Job als Hausarzt
Verantwortlich für diese Situation macht er zwei Dinge: die Gesundheitspolitik und die Vorstellung vom Hausarzt-Job gerade bei jungen Kolleginnen. Denn: Ein Großteil der Studienabsolventen sei weiblich – und diese könnten sich in ihrer Lebensplanung oft keine Tätigkeit als Hausärztin vorstellen. „Die haben ein Bild im Kopf, das aus Fernsehserien stammt. Tag und Nacht einsatzbereit, bekannt und beliebt. Das wirkt eher abschreckend für jemand, der eine Familie gründen möchte.“ Dabei sei dieses Bild völlig verzerrt, sagt Schilling. Gerade in einer Gemeinschafts-Praxis gebe es „jede Möglichkeit“, Privatleben und Job unter einen Hut zu bringen.
In seiner Praxis etwa arbeitet seit drei Jahren eine Kollegin an drei Vormittagen pro Woche – mit der Möglichkeit, fließend aufzustocken. „Ich sage immer: Bei uns geht alles. Wenig, viel, alles ist möglich.“ Auch die eher unbeliebten Nachtschichten seien im Vergleich zu früher sehr gut geregelt und Bereitschaftsdienste selten. Außerdem würden sich immer Kollegen finden, die sich den zusätzlichen Verdienst nicht entgehen lassen wollten, so Schilling. Apropos Verdienst: In einer gut laufenden Hausarzt-Praxis bewege sich das Gehalt eines Hausarzts „deutlich über einem Oberarzt-Gehalt“, so Schilling.
Der größte Vorteil: Kein Oberarzt, kein Klinikapparat
Der größte Vorteil am Hausarzt-Dasein ist für ihn aber das selbstständige Arbeiten – ohne Oberarzt, ohne Verwaltungschef und den ganzen Klinikapparat. Auch die Arbeit an und für sich sei vielfältig und anspruchsvoll. „Allgemeinmedizin ist in meinen Augen die Königsdisziplin der ärztlichen Versorgung“, sagt Schilling. Schließlich landen die allermeisten Menschen mit Beschwerden erst einmal bei ihrem Hausarzt. Ob Belastungs-EKG oder Ultraschall, Lungenfunktionstests oder Hormonuntersuchungen wegen hohen Blutdrucks: All das übernehme er als Hausarzt, so Schilling. „Wir haben alle eine profunde Ausbildung.“
Die geht soweit, dass er auch Kinder behandelt oder kleinere chirurgische Eingriffe übernimmt – beispielsweise entfernt er Muttermale. Hat er bei sich selbst auch schon gemacht – und tatsächlich stellte sich bei einer Zweituntersuchung in einem speziellen Labor heraus, dass es sich um einen gefährlichen Hauttumor gehandelt hatte. Auch Patienten mit psychosomatischen Beschwerden kommen zu ihm – weil es quasi unmöglich ist, bei einem Facharzt einen Termin zu bekommen.
Dass sich die Spirale in dieser Richtung immer weiter dreht, lastet Schilling der Politik an. Schon mit den Gesundheitsreformen 2004 und 2007 habe sich das Medizinwesen völlig verändert, sagt Schilling. Tür und Tor sei profitorientierten Unternehmen geöffnet worden, die vor allem eines wollten: Gewinne erwirtschaften. Tausende Ärzte demonstrierten damals dagegen, auch er. Geholfen hat es nichts, sagt Schilling. Auch das Neumarkter Klinikum stand zu dieser Zeit übrigens am Scheideweg – der Helios Konzern wollte das Klinikum übernehmen, doch der Landkreis mit dem damaligen Landrat Albert Löhner winkte ab, beauftragte aber eine Managementfirma, die den früheren Geschäftsführer Peter Weymayr schickte.
Die Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) erschienen zwar auf den ersten Blick nicht schlecht, auf den zweiten aber würden dadurch Fachärzte ausgetrocknet, sagt Schilling. Er habe das Gefühl, die Intention sei es, Leistungen einzuschränken – entweder durch Vorgaben oder nicht angemessene Vergütung. Und damit die Menschen in Zentren oder Kliniken zu schicken, die immer stärker ambulant arbeiten.
Absurde Wartezeiten bei Fachärzten in Neumarkt
Dabei sei es ohnehin schon schwierig genug, für Patienten Facharzt-Termine zu bekommen. Beispielsweise beim Neurologen. Kürzlich habe er einen Patienten mit Karpaltunnel-Syndrom gehabt – dabei drückt Gewebe auf einen Nerv. Er wollte den Patienten zum Neurologen schicken, für einen einfachen Eingriff, erzählt Schilling. Sechs Monate mindestens hätte der Patient warten müssen. „Das ist absurd. Bis dahin ist der Nerv tot.“
Trotz der äußeren Umstände und trotz aller Skepsis beim Blick in die Zukunft: „Eine Lebensweisheit sagt ja: Man soll sich antizyklisch verhalten.“ Demzufolge wäre jetzt der perfekte Einstieg in eine Hausarzt-Praxis, findet Schilling. Dass das noch jemand so sieht, darauf hofft er. Bis dahin will er weitermachen, so lange es eben geht. „Da bin ich wie ein Landwirt, der nach dem 65. Geburtstag weitermacht wie vorher – bis altersbedingt reduziert werden muss.“
Das sagt die KVB:
Verwaiste Hausarztpraxen:Im Sommer 2022 waren nach Auskunft der KVB 7,5 Arztsitze nicht besetzt. Inzwischen konnten drei besetzt werden, demnach sind aktuell 4,5 Sitze frei. Nach Stand von August 2022 ist der Planungsbereich Neumarkt bei den Hausärzten regelversorgt – mit einem Versorgungsgrad von 98 Prozent, so die KVB. Im Frühjahr erwartet die KVB die neue Auswertung des Landesausschuss der Ärzte und Krankenkassen. Das Durchschnittsalter der Hausärzte im Planungsbereich Neumarkt liegt laut KVB knapp über dem bayerischen Durchschnitt. Im Bereich der Augenärzte, Orthopäden und Nervenärzte liege das Durchschnittsalter der Ärzteschaft teilweise deutlich darunter.
Freie Facharzt-Sitze:Aktuell gibt es in Neumarkt eine halbe Niederlassungsmöglichkeit im Fachbereich Frauenärzte. Außerdem gab es eine ganze Zulassung im Bereich Kinder- und Jugendärzte im Planungsbereich Neumarkt, der anders als der hausärztliche Planungsbereich Neumarkt den ganzen Landkreis umfasst. Auch diese wurde vom Zulassungsausschuss Ärzte Oberpfalz inzwischen wieder vergeben, so die KVB.
Nachfolge-Problem:Die regionale Arztsuche beziehungsweise Nachfolgebesetzung in der ambulanten Versorgung ist laut KVB im gesamten Gesundheitssektor ein Problem. Die KVB erklärt das unter anderem damit, dass die neue Generation an Medizinern heute vermehrt angestellt und in Teilzeit arbeite. „Für das Arbeitsvolumen, das früher ein Arzt geleistet hat, braucht es künftig gegebenenfalls zwei Ärzte in Teilzeit.“ Ein zweiter Trend sei der zur Anstellung. „Diese Option wird zunehmend wichtiger, weil junge Ärztinnen und Ärzte aus Respekt vor den Herausforderungen einer Niederlassung zunächst diesen Zwischenschritt wählen.“ Mehr Medizin-Studienplätze seien unbedingt nötig, wenn man eine hochwertige medizinische Versorgung gewährleisten wolle. Dies werde sich aber erst längerfristig positiv auswirken.
Niederlassungsfreiheit:Kassenarztsitze sind nicht stadt- oder gemeindegebunden. Das heißt, jede Hausärztin oder Hausarzt, der für den Planungsbereich Neumarkt eine Zulassung erwirbt, kann laut KVB innerhalb des Planungsbereiches den Sitz der Praxis frei wählen.
