Warum bis 2030 kein Ausbau der Windenergie im Landkreis Cham vorgesehen ist

Bayern möchte bis 2040 klimaneutral sein. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, muss noch einiges geschehen. Was genau, hat eine Studie der Forschungsstelle für Energiewirtschaft im Auftrag des Verbands der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft berechnet. Auf die Landkreise aufgeschlüsselt geben die Ergebnisse an, wo noch was passieren muss, mit überraschenden Anforderungen an den Landkreis Cham.
Obwohl es nur ein Windrad im Landkreis gibt, müsse laut der Forschungsstelle an dieser Situation nichts geändert werden. Es müssen keine neuen Windanlagen im Landkreis gebaut werden – obwohl das ein wichtiger Baustein der Energiewende sein solle.
Auch bei PV-Anlagen ist wenig Ausbau in Cham geplant
Die Studie betont auch, dass die ländlicheren Gebiete – zu denen der Landkreis gehört – die Ballungsräume mitversorgen müssen, da in großen Städten, wie etwa Regensburg, der Platz für Windräder und Freiflächen-Photovoltaikanlagen rar ist. Auch unter diesem Gesichtspunkt ist es verwunderlich, dass es in Cham kein Windrad und für PV-Anlagen lediglich eine Fläche in der Größe von neun Fußballfeldern pro Jahr brauche. Zum Vergleich: Im Landkreis Schwandorf braucht es laut der Studie 1,7 neue Windräder und 36 fußballfeldgroße Freiflächen-PV-Anlagen pro Jahr, im Landkreis Regensburg 3,4 Windräder und PV-Anlagen, die der Größe von 50 Fußballfeldern entsprechen. Außer kreisfreien Städten gibt es nur noch den Landkreis Cham, in dem es keine weiteren Windanlagen geben soll.
Der stellvertretende Landrat Markus Müller teilt auf Anfrage unserer Zeitung mit, dass sich der Landkreis und die Kommunen auf eine andere Studie berufen würden, um bis 2040 den Eigenbedarf an Energie mit Erneuerbaren abzudecken. Diese Studie stammt aus dem Jahr 2020 und sieht bis 2030 tatsächlich keinen Ausbau der Windenergie vor.
Das Windrad in Kalsing bei Roding soll laut der Vorhaben allein bleiben, allerdings soll sich die Menge an Strom aus Windenergie ab 2030 bis 2040 ungefähr versiebzigfachen. Bei den PV-Anlagen möchte der Landkreis schon früher mit dem Ausbau beginnen. Bis 2030 sollen etwa sieben Millionen kWh aus mit Modulen überdachten Parkplätzen kommen, aktuell gibt es davon keine. Der Strom aus PV-Freiflächen soll sich mehr als verfünfzigfachen, bis 2040 mehr als verhundertfachen. Vervierfachen soll sich bis 2040 der Strom, der über PV-Anlagen auf Dächern erzeugt wird. Damit ist diese Form der Hauptenergielieferant.
„Auch 2040 wird Bayern ein Drittel seines Strombedarfs importieren“, sagt der Geschäftsführer des Verbandes der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft Detlef Fischer. Wenn der Verbrauch gleich bleibe, könne das eher windarme Bayern nicht selbst für die Energie aufkommen, die es benötigt.
Dass es im Landkreis Cham nicht sinnvoll sei, weitere Windanlagen aufzustellen, erklärt er sich anhand der geografischen Verhältnisse. Die Region sei hügelig, und es gebe nur wenig Wind. Außerdem stünden durch die bergige Landschaft auch weniger Flächen für PV-Anlagen zur Verfügung. „Wenn es beispielsweise viel unzugänglichen Wald gibt, ist gar nichts zu machen“, so Fischer.
Auch insgesamt sei die Anzahl der neuen Windräder, die in Bayern jährlich aufgestellt werden müssten, mit 2000 überschaubar. „Der Norden Deutschlands wird auch weiterhin mehr Strom aus Wind erzeugen, aber Mia san mia-Gehabe ist in der Energieversorgung völlig fehl am Platz.“, so Fischer. Es müssten Trassen von Norden nach Süden gebaut werden, aber wenn alle einander alles neiden, funktioniere es nicht.
Autarkie wäre nur mit Ausfällen möglich
Fischer sieht ein Gerechtigkeitsproblem beim Ausbau erneuerbarer Energien. Oft würden landschaftlich reizvolle Gegenden verschont bleiben. In anderen Regionen kämen dagegen immer mehr Anlagen dazu. Fischer befürchtet, dass die Zustimmung der Menschen für infrastrukturelle Maßnahmen abnimmt, wenn diese zu Häufungen in bestimmten Gegenden führten.
Dass Cham keine neuen Windkraftwerke brauche, sieht er dem mangelnden Nutzen geschuldet, denn für die Betreiber lohne sich das Windrad erst ab einer Windgeschwindigkeit von sechs Metern pro Sekunde und das sei in Cham selten. Aber auch durch weniger Verbrauch könne man der Autarkie im Freistaat näher kommen. „Es kommt darauf an, worauf wir uns gesellschaftlich einigen“, sagt Fischer. „Wenn wir sagen würden, dass wir auch mal mit zwei Wochen deutlich weniger Strom oder sogar Ausfall klarkämen, dann könnte das Land natürlich autark sein. Aber das wollen die meisten nicht.“