Die dunklen Seiten der Stadt: Berching hat einen neuen Nachtwächter

Von Barbara Blaser · 20. August 2023 um 05:00

„Hört ihr Leut und lasst euch sagen“ ist das typische Lied des Nachtwächters, das es auch immer wieder in Berching zu hören gibt. In das Gewand des Ordnungshüters schlüpft neuerdings Martin Kleemann. Unserem Medienhaus hat er verraten, was seine Führungen so besonders macht und was die Gäste dabei erwartet.

Kleemann musste man nicht lange bitten, ob er diesen Part übernehmen will, denn er hat Geschichte studiert und ist gewohnt, vor vielen Menschen zu sprechen. Er spielt gerne Theater und ist darüber hinaus auch noch ausgebildeter Gästeführer. So trifft man Martin Kleemann auch bei der Schauspiel-Führung „Non sole amore“ als Darsteller an.

„Das Besondere an der Nachtwächterführung ist, dass man die Stadt ganz anders wahrnimmt“, so Martin Kleemann. „Türme und Stadtmauer sind ganz besonders beleuchtet und an manchen Stellen wird es auch etwas gruselig.“

Nachtwächterführung in Berching: Ein Mix aus heiteren Elementen und ernsten Geschichten

Bei der Nachtwächterführung geht es nicht nur um Vermittlung von historischen Fakten, Anekdoten und Launiges, sondern um eine gute Mischung aus heiteren Elementen und ernsten Geschichten, bei der auch die dunklen Seiten der Stadt beleuchtet werden. So unter anderem das Rintfleisch-Pogrom und die Hexenverfolgung.

Martin Kleemann ging einmal tagsüber mit seinem Vorgänger Heinrich Bauer durch die Stadt und hat sich dessen Stationen zeigen lassen und was er dazu gesagt hat. Eigene Ideen prägen nun die Führungen von Martin Kleemann – seine Handschrift ist deutlich zu erkennen. Außerdem sagt der Gästeführer, dass er noch nie die gleiche Führung gemacht hat, denn er überlegt sich jedes Mal etwas Neues. Er recherchiert viel im Internet, was die Aufgaben eines Nachtwächters sind. „Ich habe alles gelesen, was man dazu lesen kann und daraus ein grobes Gerüst für meine Nachtwächterführung erarbeitet“, erklärt Kleemann.

In seiner jüngsten Führung hatte der Studienrat beispielsweise ein Gedicht über Bacham vorgetragen. Dabei greift Kleemann die Idee von Josef Fechner auf und interpretiert es nach seiner Fasson.

Neuer Berchinger Nachtwächter will im Archiv zu seinen Vorgängern recherchieren

Die Dauer der Führung ist mindestens eineinhalb Stunden, aber es kommt immer auf die Gäste an, wie sie reagieren, mitmachen und Fragen stellen, erklärt Kleemann.

Am Bettelvogtturm, wo das ehemalige Gefängnis noch heute zu besichtigen ist, reichte der Nachtwächter dann bei seiner Führung den Gästen Wein. Er erzählte, wie die eingesperrten Straftäter damals behandelt wurden. Da waren sich alle Führungsgäste einig, dass es ihn lieber ist, in der heutigen Zeit zu leben.

In naher Zukunft möchte der geschichtsinteressierte Nachtwächter im Archiv recherchieren, ob es noch Unterlagen von damaligen Nachtwächtern gibt. Er möchte die konkreten Aufgaben, wo der Ordnungshüter lebte und was er damals verdiente, herausfinden.

Martin Kleemann, der einmal im Monat die Nachwächterführung anbietet, passt seine Führungen aber auch seinen Gästen an. Und sollte es mehr Anfragen nach Führungen geben, ist Kleemann keineswegs abgeneigt, mehr Nachtwächterführungen zu veranstalten. Und für die Advents- und Weihnachtszeit hat er sich schon viele Gedanken gemacht, da gibt es dann spezielle Führungen.

Der aus Berg stammende Studienrat Martin Kleemann lebt seit 2005 mit seiner Familie in Berching. Und er wohnt nicht nur in der Sulztalstadt, er ist auch in vielen Vereinen eifrig dabei. Darüber hinaus spürt man bei seinen Führungen die Freude, die er übermittelt. So bedankten sich in dieser Nacht auch seine zahlreichen Gäste mit großem Applaus bei ihm. Und die Gage, die Martin Kleemann erhält, will er Ende des Jahres der Nachbarschaftshilfe spenden.