Regensburgs Einzelhandel steht im Feuer – Experte kritisiert: „Man zieht nicht an einem Strang“

Von Christian Eckl · 18. August 2023 um 05:00

Noch schlägt das Herz Regensburgs für den Handel. Trotz einiger Leerstände ziehen immer wieder neue Geschäfte ein: Kürzlich wurde bekannt, dass Jack Wolfskin am Kohlenmarkt auf den Fachbuchhändler Freytag & Berndt folgt. Der Herrenbekleider Anson’s beerbt Zara, die in die Arcaden gezogen sind. Dennoch ist die Zahl der Einzelhandelsgeschäfte seit Jahren am Sinken. 2008 zählte die Stadt noch 1418 Einzelhandelsbetriebe, 2018 waren es nur noch 1252. Tendenz fallend.

„Regensburg konnte in Sachen Einzelhandel Dinge tun, die in anderen Städten unmöglich wären“, sagt Markus Wotruba, Leiter Standort- und Immobilienberatung bei der Firma BBE. „Als beispielsweise Hugendubel in die Wahlenstraße zog, ging das zwar nicht ewig gut und der Buchhändler zog schließlich in die Arcaden – aber in anderen Städten hätte es wohl so eine Standortentscheidung nie gegeben“, sagt der Diplom-Geograf. Regensburg landet in Handels-Rankings immer wieder auf den vorderen Plätzen, und doch „haben es manche Entscheider noch nicht auf dem Schirm“, meint Wotruba.

Das liege vor allem an der Lage Regensburgs. Während Städte wie Würzburg und Ingolstadt an gut frequentierten ICE-Strecken liegen würden, fristet Regensburg dahingehend noch ein Schattendasein. Die kürzlich zurückgenommene Ankündigung des Signa-Konzerns und seines Eigentümers Rene Benko sei ein solcher Fall gewesen: Erst nach und nach begriffen die Entscheider bei Galeria Karstadt Kaufhof, in welchem Juwel das Warenhaus eigentlich angesiedelt ist.

Warenhäuser im Wandel

Doch Wotruba glaubt, dass das Konzept Warenhaus so, wie es am Standort Neupfarrplatz betrieben wurde, keine Zukunft mehr hat. „Signa hat beispielsweise im sogenannten Hertie-Haus in München die Verkaufsfläche von 30000 Quadratmeter auf 8000 reduziert“, sagt der Immobilien-Experte. Auch in Regensburg ist eine Reduzierung der Verkaufsflächen geplant. „Hier werden Büroflächen angesiedelt“, schildert Wotruba. In Regensburg hat sich das Unternehmen Edurent um Flächen im Kaufhof bemüht, um hier unter anderem Co-Working-Spaces unterzubringen. „Gerade Start-ups suchen nach einer bestimmten Atmosphäre“, bestätigt auch Wotruba.

Nach wie vor nicht entschieden ist, wie die Gastronomie-Flächen im vierten Obergeschoss genutzt werden. Im Hintergrund laufen noch Verhandlungen. Dass eine Reduzierung der Handelsflächen von Kaufhof kommen wird, bestätigte Geschäftsführer Roman Kasimir bereits. Ab Anfang September wird umgebaut und mit neuem Sortiment gestartet.

Edeka bleibt geöffnet

„Wir werden den Edeka während dieser Umbauphase durchgehend geöffnet halten“, sagt Edeka-Sprecher Christian Strauß. „Edeka hat nach wie vor großes Interesse an einem Fortbestand des Marktes“, so der Sprecher. Ob die Flächen sogar noch ausgeweitet werden, das konnte Strauß noch nicht sagen.

Der Immobilienmakler Gerald Loers hat mit dem Herrenbekleider Anson’s kürzlich ein Handels-Schwergewicht auf den leerstandgeplagten Neu-pfarrplatz vermittelt. „Die Zeiten wie vor zehn Jahren, als ich die Expansionsleiter der bekanntesten Filialisten wöchentlich durch Regensburg führte, sind vorbei.“ Die aktuelle Lage auf dem Immobilienmarkt für den Einzelhandel sei eher ruhig. Gefragt seien in Regensburg derzeit Flächen für Gastronomie, Cafés, Imbisse und Feinkostladengeschäfte. „Derzeit gibt es aber in der Stadt Regensburg keine Möglichkeit für eine Nutzungsänderung von Einzelhandelsflächen in Gastronomie“, sagt Loers. Zudem würden viele der angefragten Konzepte „auch nicht zu dem Branchenmix passen“. Chancen hätten aber liebevolle Konzepte, die es in anderen Städten bereits gibt und deren Betreiber nun in die Domstadt expandieren wollen.

Hätte Handelsexperte Wotruba eine Glaskugel, wäre seine Vorhersage: „Regensburg wird auch in Zukunft besser dastehen als andere Städte.“ Das liege auch an der einzigartigen Atmosphäre und an den vielen Menschen, die sie genießen würden. „Aber ein Thema wird Regensburg eher auf politischer Seite haben: Dass es ein gegeneinander unterschiedlicher Interessensgruppen gibt und jede die Agenda ihrer Zielgruppe bedienen will.“ Das sei leider ein typisches Regensburg-Thema: Man zieht nicht an einem Strang. Er würde sich ein Innenstadt-Management wünschen, das die Interessen der Altstadthändler mit denen der beiden Einkaufszentren Arcaden und Donau-Einkaufszentrum verzahnt.

Keine Lösungen parat?

Armin Gebhard ist Vorsitzender des eigenständigen Altstadtkaufleute-Vereins. Er kann die Warnung Wotrubas nicht nachvollziehen. „Wir leben Gott sei Dank noch in einer Demokratie“, sagt der Einzelhändler, „und die lebt ja von unterschiedlichen Gruppierungen und Ansichten“. Gebhard sieht die Vielstimmigkeit der Vereine und Verbände „als Vorteil. Das ist in den anderen Städten auch so.“ Der Faszination Altstadt und dem Stadtmarketing spricht Gebhard die Unabhängigkeit ab, da sie ja von der Stadt finanziert werden. Doch welche Vorschläge hat er, dass es für den Handel wieder besser flutscht? „Endlich Konzepte: Wer beispielsweise Straßen sperrt, der muss vorher Alternativen anbieten.“ Das sei aber in Regensburg nicht der Fall. Beim Thema Stadtbahn bürstete Gebhard ja kürzlich gegen den Strich: „Ich hätte mir eine ausgereifte Stadtbahn gewünscht“, sagt der Einzelhändler. Dann würde sie auch dem Handel helfen.