Im Wald beim Pfahl liegen zwei riesige Granitbecken – Jetzt steht fest, wem sie gehören

Von Johannes Schiedermeier · 16. August 2023 um 17:00

Da hat der Bürgermeister Granitklötze gestaunt. Genau gesagt zwei. In dem kleinen Wäldchen am Pfahl unterhalb des Bergwachthauses haben wir Martin Stoiber den vergessenen Brunnen gezeigt, der dort schon ein halbes Jahrhundert liegt. Zum Glück vergisst das Staatsarchiv Amberg nichts. Dort haben wir mehr herausgefunden. Die wichtigste Erkenntnis: Der rund 100 Tonnen schwere Granitbrunnen gehört der Stadt.

Mehr als einen halben Meter hoch ist der Aktenstapel mit der Aufschrift „Flurbereinigung Penting“ im Staatsarchiv Amberg. Irgendwo da drin muss er sein, der vergessene Brunnen. Vier Stunden lang bewegt sich die Suche zwischen akribisch auf Mark und Pfennig abgerechneten Verwendungsnachweisen für Arbeitsgeräte und Sitzungsprotokollen des zehnköpfigen Vorstandes über die Wertminderungstabelle für Grundstücke in Hanglagen ... Vieles läuft glatt, ab und zu wird aber auch gestritten, dass die Fetzen fliegen. Auch MdL Franz Gruber muss vermitteln. Flurbereinigung und Pfahlaktivierung sind die Ziele des ganzen Aufwandes.

Die erste Spur: Die Pfahlaktivierung

Die Akten der Pfahlaktivierung führen erstmals zu einer Spur. Denn der Pfahl soll als Naturattraktion für die Bevölkerung erschlossen werden. Der teilweise illegale Steinabbau dort wird verboten, eine Wochenend-Siedlung gestoppt. „Ein Naherholungsgebiet, das seinesgeichen sucht“, prophezeit Bürgermeister Mich Zimmermann seinen Chamern. So dokumentiert es das Bayerwald-Echo in seiner Ausgabe vom 21. Februar 1975. Im Zuge der Erneuerung der 1969 erbauten B 85, die direkt am Pfahl zwischen Thierlstein und Penting vorbeiführt, entsteht ein Parkplatz. Hoch oben auf dem angrenzenden Hügel – so ist es beschlossen – wird das Kettersdorfer Waldlerhaus thronen, das von dort im Alter von 373 Jahren an den Pfahl versetzt wird. Auf 100 Quadratmetern, verteilt auf zwei Geschosse, sollte es später das Zuhause der Chamer Bergwacht werden.

Darunter in einem kleinen Taleinschnitt des Pfahls soll neben dem B 85-Parkplatz ein Brunnen gebaut werden. Später wird es beim vierspurigen Ausbau der Bundesstraße ins Abseits geraten und in Vergessenheit, überwuchert von der einst teueren Anpflanzung rundum.

Der allerdings ist wesentlich spärlicher dokumentiert als das Waldlerhaus, von dem es Abrechnungen gibt bis hin zu den einzelnen Schindeln, die ersetzt werden müssen. Nicht einmal ein Dutzend Seiten finden sich. Doch ihr Inhalt schafft zumindest über ein paar Dinge Klarheit: Eine Abrechnung taucht auf, die eine Brunnenanlage samt Zu- und Ableitung für 53 000 Mark ausweist. Die Stadt Cham verpflichtet sich, für 2000 Mark die notwendige Wasserleitung zu bauen und überweist 20 000 Mark für den Brunnen. Sie bezahlt für eine 450 Meter lange Wasserzu- und Ableitung. Das Wasser liefert die Chamer Gruppe. Außerdem stimmt der Chamer Stadtrat zu, dass der Grund für den Brunnen angekauft wird und lässt die Brunnenanlage für 6060 Mark begrünen.

Und dann taucht in den Akten erstmals ein Plan auf, der den Entwurf des Brunnens beinhaltet und einen Kostenvoranschlag. Unter den Strich kommen 53 000 Mark zusammen. Der Vater des Gedankens hat auch unterzeichnet: A. Ach.

Recherchen identifizieren den Brunnenplaner schließlich als Ambros Ach, der 1975 Kreisbaumeister in Vohenstrauß war, und in diesem Landkreis ein gutes Dutzend Brunnen hinterlassen hat. Das erklärt auch, warum auf dem Plan steht „Vohenstrauß 74“.

„Das war der Kreisbaumeister Ambros Ach!“ Da ist sich der Vohenstraußer Kreisheimatpfleger Peter Stanizcek sicher. Er selbst hat einen ähnlichen Brunnen Achs, der aus zwei großen Granitbecken bestand in seinem Landkreis gesehen: auf dem Gelände der ehemaligen Hosenfabrik Hölzl. Nach deren Schließung sei der Brunnen aber verschwunden, erzählt er. Irgendwann sei er in einem örtlichen Steinmetz-Unternehmen aufgetaucht. Die Spur dort führt aber ins Nichts. Der Kreisbaumeister war nach Schilderungen von Zeitgenossen ein sehr stattlicher, korpulenter Mann. Er hatte ein entsprechendes Auftreten und residierte im Schloss Friedrichsburg – im damaligen Landratsamt Vohenstrauß – angemessen in einem repräsentativen Raum. Bei der Landkreisreform hat er den Umzug nach Neustadt-Waldnaab bis zu seiner Pensionierung standhaft verweigert. Es ist der Ausspruch verbürgt: „Ich setze da keinen Fuß rein...“ Das Landkreisbuch für Vohenstrauß verbürgt rund 15 Brunnen des inzwischen verstorbenen Kreisbaumeisters. Allerdings teilen einige das Schicksal des Chamer Brunnens: Sie sind verschwunden oder überwuchert.

Comeback für den Brunnen?

Wer aber hat den Brunnen gebaut? An einem Eck des Brunnens ist eine Bronzetafel angebracht, die zwei ineinander verschränkte „F“ zeigt. Auch diese Spur führt in den Landkreis Vohenstrauß. Chamer Steinmetze kennen dieses Zeichen nicht. Aber rund um Flossenbürg – da wäre das „F“ wieder) – gibt es einige Steinmetz-Unternehmen, die auch große Granitbrunnen in ihrem Angebot haben. Unter anderem der Steinbruch des KZ Flossenbürg. Doch den Ursprung der beiden „F“ hat bisher noch niemand klären können.

Allerdings könnte der Besuch des Chamer Bürgermeisters für den vergessenen Brunnen einiges ändern. Stoiber möchte versuchen, ihn in die Sanierungspläne des Spitalplatzes einzubeziehen. „Im Wäldchen bleiben soll er nicht“, sagt Martin Stoiber.

Rund um den Brunnen gibt es eine sechs große polierte Steine, die unter einer dichten Moosschicht verschwunden waren, aber vermutlich als Sitzgelegenheiten dienten. Auch die Granitsteine der Platzumrandung sind inzwischen überwuchert.