ÖPNV: Studie sieht Kreis Cham auf hinteren Rängen – diese Argumente hat der Landrat

Eine Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung bescheinigt dem Landkreis die viertschlechteste Anbindung an Bus und Bahn – deutschlandweit. Dass diese Analyse nicht aussagekräftig sei und der Landkreis viel für den Ausbau des ÖPNV täte, hält das Landratsamt dagegen. Als „schwierig“ hingegen bezeichnet Günter Schmauder vom Verkehrsclub Deutschland die Lage des ÖPNV im Landkreis.
Aus einer Stellungnahme des Landratsamts Cham geht hervor, dass die Studie für einen Flächenlandkreis wie Cham nicht aussagekräftig sei. Die Analyse untersuchte unter anderem die Verfügbarkeit von Bahnhöfen oder Bushaltestellen im Radius von 600 Metern mit mindestens zehn und mindestens 20 Abfahrten pro Tag.
ÖPNV kaum verfügbar
„Die Kernfrage ist, ob ein Faktor von 20 Abfahrten für einen Flächenlandkreis der richtige Ansatz ist und die Menschen am Ende ein solches Angebot auch annehmen und zur Finanzierung bereit sind“, sagt das Landratsamt. Für die Planungen des Landkreises würden Haltestellen mit mindestens zehn Abfahrten zugrundegelegt, laut der Studie käme Cham damit auf einen Wert von 62 Prozent. Das bedeutet aber dennoch Platz 392 von 400 Landkreisen in der Analyse des Instituts. Die umliegenden Landkreise schneiden nicht viel besser ab: Der Landkreis Regensburg erzielt bei den Verfügbarkeit von Haltestellen mit 20 Abfahrten pro Tag einen Wert von 82 Prozent der Bürger und landet im Ranking damit auf Platz 249 von 400. Der Landkreis Schwandorf besetzt Platz 381, Regen Platz 392 und der Landkreis Straubing-Bogen mit einem Anteil von 34 Prozent der Bevölkerung, die eine erreichbare Haltestelle mit mindestens 20 Abfahrten pro Tag hat, landet gar auf dem letzten Platz.
Das Landratsamt nennt die dünne Besiedelung im Landkreis als Grund für den schlechten Stand beim ÖPNV-Ausbau. „Ein dünn besiedelter Flächenlandkreis wie Cham mit einer aus historischen Gründen starken Zersiedelung kann nie dieselbe Erschließungsdichte wie ein Ballungsraum haben. Diese Gegebenheiten waren nur mit dem Individualverkehr zu bewältigen. Ansonsten hätten 50-Sitzer-Busse auf wenig frequentierten Strecken ‘heiße Luft‘ umhergefahren“, heißt es vom Landratsamt. Mittlerweile habe man 16 Rufbus-Linien eingerichtet und sei in der Wohin-Du-Willst-App, um das Angebot auszubauen. Die Rufbusse lassen sich auch über die App buchen. „Gleichzeitig legen wir großen Wert darauf, dass die Menschen die Möglichkeiten des ÖPNV auch kennen, akzeptieren und nutzen, denn vielen ist das vorhandene Angebot noch gar nicht bewusst“, sagt Landrat Franz Löffler. Das sieht auch Günter Schmauder so. „Mit der Werbung für den ÖPNV ist es nicht so weit her“, sagt er.
Landrat Löffler formuliert die Ziele für den Öffentlichen Nahverkehr: „Wir wollen mit einem nachhaltigen ÖPNV-Angebot auch in einem Flächenlandkreis die Mobilität der Zukunft gestalten. Dafür sind passgenaue Lösungen für den Landkreis Cham erforderlich, die wir mit unserer Mobilitätszentrale kontinuierlich fortentwickeln.“ Dabei gebe es jedoch eine Reihe von Problemen mit dem ÖPNV, sagt Günter Schmauder. Da müsse man sich auch nicht wundern, wenn man bei solchen Rankings wie dem des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung regelmäßig auf den hinteren Plätzen landen würde, so Schmauder.
Veraltete Fahrpläne
Ein großes Problem sei die mangelnde Pünktlichkeit, sagt er. Wenn Busse oder Bahn nicht pünktlich fahren, verpasse man oft den Anschluss und komme dann nicht weiter. Und die App helfe nicht, gerade wenn die Informationen – wie es oft der Fall sei – verspätet eingestellt würden oder veraltet seien. Dass Haltestellen aufgrund von Baustellen zeitweise nicht angefahren würden, würde den Fahrgästen kaum kommuniziert, weder bei den Busanzeigen noch bei den Aushangfahrplänen oder in der App. „Zuverlässigkeit beim ÖPNV ist da nicht gegeben.“ Dann sei man als Fahrgast auf sich allein gestellt, wenn man mit den Öffentlichen im Landkreis unterwegs ist. Und das würde verärgerte Kunden bedeuten. „Ich kaufe eine Ware, die bezahle ich, aber ich kriege sie nicht“, urteilt Schmauder. Einheitliche, übersichtliche und aktuelle Fahrpläne, die auch in der Wohin-Du-Willst-App hinterlegt sind, das würde helfen, so Schmauder. Ein weiteres Problem: Vielerorts würden Bushaltestellen aufgrund von Baustellen verlegt oder komplett geschlossen, was dann zu einer schlechteren Abdeckung in einigen Orten führe. Mehr Haltestellen generell, mehr Haltestellen besonders für Rufbusse in kleinen Gemeinden fordert Schmauder. Der Blick auf die Studie bestätigt das. Nur knapp 83 Prozent der Landkreisbewohner hätten eine erreichbare Haltestelle, an der mindestens einmal pro Tag Bus oder Bahn halten. Das macht den Landkreis zum fünftschlechtest angebundenen Kreis im Ranking des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung.
Das Angebot mit Rufbussen solle weiter ausgebaut werden , sagt das Landratsamt. Das wäre bei einem Flächenlandkreis wie Cham eine Möglichkeit, ÖPNV anzubieten, ohne leer fahrende Busse zu produzieren. Bis es soweit kommt, muss man sich bei den Öffentlichen im Landkreis wohl in Geduld üben, oder, wie es Günter Schmauder formuliert: „Manchmal muss man hart im Nehmen sein, wenn man mit dem ÖPNV unterwegs ist. Aber es wird besser.“
Das BSSR
Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung ist eine Ressortforschungseinrichtung. Es unterstützt das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen durch wissenschaftliche Politikberatung bei Aufgaben des Wohnungs-, Immobilien- und Bauwesens sowie der Stadt- und Raumentwicklung. Seit 2009 werden zudem Förder- und Investitionsprogramme durch das BBSR fachlich vorbereitet.
