Die Geschichte vom vergessenen Brunnen, der 100 Tonnen schwer in einem Wäldchen bei Cham liegt

Er ist noch da! Unter Ahorn und Eiche haben ihn die Jahrzehnte verwittern lassen. Der alte Brunnen aus ewigem Bayerwald-Granit ist in Vergessenheit geraten. Versteckt in einer Senke hinter dem Troadkasten der Chamer Bergwacht am Pfahl bei Cham, hat er seit einem halben Jahrhundert auf seine Wiederentdeckung gewartet. Wieso liegt er da? Warum wollte ihn keiner?
Die Geschichte des vergessenen Brunnens ist auch eine über die Vergänglichkeit des Ruhms. Einst war er mit seinem Wasserspiel und den beiden riesigen Granitschalen ein Prunkstück der Pfahl-Aktivierung. Stadt und Landkreis hatten damals gemeinsam mit der Regierung im Rahmen der Flurbereinigung beschlossen, den Steinabbau am Pfahl zu beenden und daraus einen geologischen Lehrpfad zu machen mit Anziehungspunkten für Touristen und Einheimische. Ein kleiner Badesee entstand, dazu der Pfahlspielplatz. Als Informationszentrum wurde der Troadkasten aus Kettersdorf wieder aufgebaut, der dort der neuen Ortsdurchfahrt im Wege stand. Er war 1602 errichtet und von Offersdorf bei Rimbach 1746 nach Kettersdorf gebracht worden.
Vergessener Brunnen bei Cham: Prunkstück aus 1975
Eines dieser Prunkstücke sollte der neue Brunnen zu Füßen des Troadkastens werden, der heute als Chamer Bergwachthaus dient. Für damalige Verhältnisse hat er ein Vermögen gekostet: 50 000 Mark. So hat es das Bayerwald-Echo am 21. Februar 1975 festgehalten. Das passt auch zur Jahreszahl auf der Bronzeplatte: 1975. Fast 100 Tonnen dürfte der Brunnen samt Unterbau auf die Waage bringen.
Als am 26. April 2007 der Bauausschuss im Rahmen des Neubaus der B 85 zwischen Cham und Untertraubenbach das Gelände besichtigte, sagte Stadtbaumeister Franz Pamler zu Bürgermeister Leo Hackenspiel und den Stadträten: „Wenn wir den Brunnen da jetzt nicht wegbauen, kommen wir vielleicht nie wieder ran, wenn die neue Straße da ist.“ Der Brunnen blieb und wurde vergessen. Auch deswegen, weil damals niemand so recht wusste, wohin mit den 100 Tonnen.
Bei unseren Recherchen war lange nicht klar, ob der Brunnen beim Bau der neuen B 85 versetzt worden ist, oder ob er schon immer dort gestanden hat. Alte Zeitungsbilder zeigen einen freistehenden Brunnen, dort, wo heute das Wäldchen über den Granittrögen wächst.
Brunnen stand also immer schon an dieser Stelle
Auf eine richtige Spur hat uns schließlich Manfred Stock gebracht. Der Chamer war einst zuständig für die Wasserversorgung in den Stadtwerken und damit auch für den Brunnenbetrieb innerhalb der Stadtgrenzen. Er erinnerte sich daran, dass unter der neuen Bundesstraße hindurch keine Wasserleitung führen sollte. Also wurde die Versorgung des Brunnens auf der Thierlsteiner Seite kurzerhand gekappt.
„Die Bergwacht hatte das Problem, dass sie sich nur alle 14 Tage in dem Häuschen getroffen hat. So lange durfte das Wasser aber nicht in der Leitung stehenbleiben“, berichtet Stock. Bürgermeister Mich Zimmermann habe damals den Stadtwerken angeordnet, die Versorgung der Bergwacht sicherzustellen. Wir haben dann eine kleine Leitung zu dem Brunnen runtergelegt, durch die das Wasser für die Bergwacht immer ganz langsam durch die Leitungen ablaufen konnte.
Eine Nachsuche beim Brunnen ergab, das sich unter einer dicken Laub und Erdschicht tatsächlich beim Überlauf heute noch ein Kanalschacht mit Gullideckel befindet. Der Brunnen stand also immer schon an dieser Stelle. Stadtbaumeister Franz Pamler hatte zunächst vermutet, er sei dorthin vielleicht nur ausgelagert gewesen.
An den Brunnen erinnert sich auch Hermann Leipold, ein alter Bergwachtler mit einen ausgeprägtem Hang zur Geschichte. Er bestätigt, dass der Brunnen 1975 im Zuge der Flurbereinigung errichtet worden sei. Das Bergwachthaus sei nach dem Neubau der B 85 von Knötzing her mit Wasser versorgt worden und der Brunnen seitdem stillgelegt.
Auch im Rathaus sind die riesigen Granittröge nur noch wenigen im Gedächtnis. Bürgermeister Martin Stoiber ist überrascht von den Bildern. Er saß erst seit 2014 im Stadtrat, sieben Jahre nach der beschriebenen Sitzung des Bauausschusses. Er könnte sich vorstellen, die Granitschalen aus dem Wäldchen zu holen und einen schönen Platz für den Brunnen in der Stadt zu finden.
Wem gehört der Brunnen?
Derzeit versucht unsere Zeitung die Voraussetzungen dafür zu schaffen durch die Recherche der Eigentums-Verhältnisse beim Amt für ländliche Entwicklung Oberpfalz in Tirschenreuth. Dort werden gerade die Unterlagen der Flurbereinigung von 1975 gesichtet. Dann wir eventuell auch die Frage zu beantworten sein, wer den Brunnen damals gefertigt hat. Das Urteil von Angela Riederer vom Steinmetzbetrieb Menacher steht aber heute schon fest: „In der Form ist das heute praktisch unbezahlbar und ganze Blöcke in dieser Größe sind kaum noch zu bekommen.“

