Spritzenautomat in Schwandorf sorgt für Zündstoff – Fachambulanz der Caritas erklärt den Zweck

Im Netz sorgt der Spritzenautomat unter der Adenauerbrücke in Schwandorf wieder einmal für Diskussionen. Besorgte User kommentieren auf Facebook: „Für Kinder und Jugendliche ist das doch eine reine Einladung.“ Was sagt die Suchtambulanz dazu?
„Für Kinder und Jugendliche ist das doch eine reine Einladung.“ Oder: „Damit wächst die Neugierde auf Drogen und darauf, sie auszuprobieren.“ Das sind Stimmen, die sich auf Facebook unter einem Post zum Spritzenautomaten in Schwandorf melden. Die Verantwortlichen der Fachambulanz für Suchtprobleme in Schwandorf, die das Gerät installiert haben, kennen diese Bedenken. Doch sie wissen auch: Der Spritzenautomat wird dringend gebraucht – und muss rund um die Uhr zugänglich sein.
Seit Anfang Juni 2022 gibt es in der Großen Kreisstadt einen sogenannten Spritzenautomaten. Das Gerät, das auf den ersten Blick wie ein Zigarettenautomat daherkommt, enthält kleine Päckchen. Darin befinden sich sterile Kanülen, eine Spritze, ein Alkoholtupfer, ein Löffel, Zitronensäure, ein Filter und Kochsalzlösung. Es sind Utensilien, wie sie Drogenabhängige zum intravenösen Konsum benötigen, weiß Karin Schmittner, Leiterin der Fachambulanz für Suchtprobleme der Caritas im Landkreis Schwandorf. Ganze 969 Päckchen wurden in 13 Monaten ausgegeben, das sind etwa 18 Stück pro Woche.
Der Automat dient dem Zweck, Suchtkranken rund um die Uhr steriles Spritzbesteck zur Verfügung stellen zu können, sagt Schmittner. „Safer Use“ ist das Stichwort. „Wenn schon konsumieren, dann zumindest so, dass die Betroffenen durch Folgeerkrankungen nicht noch kränker werden, als sie es wegen ihrer Sucht eh schon sind“, betont Sozialarbeiter Helmut Würzel, der ebenfalls in der Drogenberatungsstelle in Schwandorf tätig ist. „Es ist wohl bekannt, dass Drogenabhängige Spritzbesteck wegen ihres Suchtdrucks auch mehrfach verwenden und so Infektionen mit Hepatitis C, Hepatitis B, HIV und anderen Erkrankungen riskieren.“
Spritzenautomat regt nicht zum Konsum an
Würzel sagt, dass Spritzenautomaten entgegen gängiger Befürchtungen nicht den Konsum anregen oder steigern würden, sondern weltweit ein gängiges Mittel seien, um die Gesundheit von Abhängigen bestmöglich zu erhalten. Dabei beruft er sich auf über 200 Studien der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die diese These wissenschaftlich belegen.
Die Praxis, Abhängigen steriles Spritzbesteck zur Verfügung zu stellen, ist übrigens deutlich älter, als der Automat in Schwandorf. Seit Anfang der Neunzigerjahre wird so in der Aids- und Drogenhilfe verfahren. Das Angebot in Schwandorf solle laut Schmittner dazu beitragen, Personen, die bisher wegen ihrer Sucht nicht in Behandlung sind, dorthin zu bekommen. Deswegen seien auf jeder Packung sowie auf dem Automaten selbst Hinweise auf die Beratungsstelle mit Kontaktdaten angebracht.
Weiter gebe das Gerät nicht nur steriles Besteck aus, sondern benutzte Spritzen könnten dort auch entsorgt werden. „Der Behälter ist sicher. Es kann nicht hineingefasst oder etwas herausgeholt werden“, sagt Schmittner. Selbst wenn Kinder in den Ausgabeschlitz greifen würden, sei ausgeschlossen, dass sie dort mit benutzten Spritzen in Berührung kämen.
Standort wurde mit Sorgfalt ausgewählt
Entgegen einiger Befürchtungen in den sozialen Medien sei der Standort des Automaten mit großer Sorgfalt ausgewählt worden, so die Therapeutin. Daran beteiligt waren unter anderem das Ordnungsamt der Stadt Schwandorf und die örtliche Polizei. Für die Standortwahl gab es strenge Kriterien: In unmittelbarer Umgebung durften sich weder Kindergärten noch Schulen befinden. Außerdem sollte es eine Gegend sein, in der kleine Kinder in der Regel nicht alleine unterwegs sind, zwar zentral, aber nicht prominent platziert, so Schmittner.
Weiter gebe es eine Nutzungsvereinbarung mit der Stadt, die besagt, dass die Verantwortlichen der Beratungsstelle den Automaten einmal wöchentlich kontrollieren müssten. Dass Jugendliche neugierig auf den Automaten sein könnten, will Schmittner nicht bestreiten. „Darin ist aber nichts Schädliches“, betont Schmittner, „und in der Regel wissen junge Leute, dass man sich an einer Kanüle piksen kann“. Das Interesse an dem Automaten sollten Eltern laut der Suchttherapeutin eher zum Anlass nehmen, um ihre Kinder über die Gefahren des Drogenkonsums aufzuklären.
Suchtdruck hält sich nicht an Öffnungszeiten
Die Spritzen statt über den Automaten nur in der Beratungsstelle auszugeben, ist für die Fachleute keine Option. „Suchtdruck hält sich nicht an Öffnungszeiten, Wochenenden und Feiertage“, sagt Würzel. Das Angebot müsse zudem so niedrigschwellig wie möglich sein. „Sonst erreichen wir die Betroffenen nicht.“
Drogen sind in der Gesellschaft angekommen, sagt Würzel. „Viele wollen das nicht wahrhaben. Aber am Automaten wird der Konsum sichtbar.“ Darin sieht der Sozialarbeiter am Ende auch die eigentliche Angst der Leute vor dem Gerät begründet.
Hier finden Betroffene Hilfe
Angebot: Die Beratungsstelle in Schwandorf hilft in allen Fragen rund um Abhängigkeit und Suchtverhalten. Sie unterstützt bei Kontakten zum Jugend- oder Sozialamt, zur Arbeitsagentur, zu Krankenkassen und Rentenversicherungsträgern. Auch bei der Auswahl einer Klinik für die stationäre Entgiftung und Entwöhnung hilft die Beratungsstelle. Zum Angebot der Fachambulanz gehören Einzelberatung, Selbsthilfegruppen und Kurse.
Kontakt: Die Fachambulanz für Suchtprobleme der Caritas in Schwandorf ist in der Ettmansdorferstr. 2 bis 4 in 92421 Schwandorf und erreichbar unter (09431) 9980680, E-Mail: beratung@suchtambulanz-schwandorf.de oder im Internet: www.suchtambulanz-schwandorf.de. Die Öffnungszeiten sind Montag bis Donnerstag, 8 bis 12 Uhr und 13 bis 17 Uhr, sowie Freitag, 8 bis 12 Uhr und 13 bis 16 Uhr, und nach Vereinbarung.
