Pflege braucht Kraft: Nicole Lindner kümmert sich in Lappersdorf mit ihrem Vater um ihre Mutter

Von Bernadette Niedermeier · 9. August 2023 um 05:00

Gemeinsam mit ihrem 77 Jahre alten Vater versorgt Nicole Lindner ihre Mutter in Lappersdorf (Landkreis Regensburg). Über ihre Erfahrungen hat sie ein Buch mit dem Titel „Gute Pflege braucht Kraft“ geschrieben.

Es ist 16.20 Uhr an einem sonnigen Freitag als der Fahrdienst des Bayerischen Roten Kreuzes zum Stehen kommt. In Windeseile klappt der Fahrer die silberne Euro-Rampe aus und wird bereits freudig von Dieter Zeitler mit den Worten: „Sie bringen uns unser bestes Stück zurück“, begrüßt. Er und seine Tochter Nicole Lindner warten auf Ingeborg Zeitler, die nun von dem Fahrer aus dem Wagen geschoben wird.

Die 73-Jährige sitzt, seit sie 2017 während einer OP einen Schlaganfall erlitten hat, im Rollstuhl. Nach diesem greift Dieter Zeitler, sobald seine Frau sich von ihrem Fahrer verabschiedet hat. Dieter Zeitler manövriert sie routiniert auf einem schmalen Weg an dem gemeinsamen Haus vorbei. Auf der seitlichen Terrasse blühen zahlreiche Blumen und Zeitler dreht den Rollstuhl nun um, damit er seine Frau rückwärts über die Türschwelle in das Haus schieben kann.

Buch mit viel Herzblut geschrieben

Ingeborg Zeitler ist eine von rund fünf Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland. Ebenso wie vier von fünf Pflegebedürftigen wird sie zu Hause durch ihre Angehörigen versorgt. Den Großteil der Pflegearbeit leisten ihre Tochter und ihr Mann. Zusätzlich ist Ingeborg Zeitler dreimal wöchentlich von 8 bis 16 Uhr in der Tagespflege, von der sie gerade nach Hause kommt. Außerdem kommt einmal in der Woche eine Pflegekraft zu ihr. Direkt nach ihrer Ankunft muss Ingeborg Zeitler auf die Toilette. Nicole Lindner löst ihren Vater ab und fährt sie in das weißgekachelte Bad. Dort hebt sie ihre Mutter auf das Klo und wartet draußen, bis diese wieder ihre Hilfe braucht.

Über ihre Erfahrungen als pflegende Angehörige hat die 45-Jährige ein Buch mit dem Titel „Gute Pflege braucht Kraft“ geschrieben. Heute konzentriert sie sich auf die Pflege ihrer Mutter, früher war sie als Seniorenbetreuerin tätig und hat eine Weiterbildung zur Pflegeberaterin gemacht. „Dadurch kenne ich viele Einzelfälle und kann von meinen Erfahrungen berichten. Das ist kein theoretisches Buch, sondern eines mit Herz“, sagt Lindner. Sie will damit Angehörigen helfen, die sich mit einer neuen, herausfordernden Situation arrangieren müssen.

Haus in Rekordzeit umgebaut

Ihr Vater erinnert sich: „Wir wussten damals gar nicht, was die Diagnose für uns bedeutet.“ Er ergänzt: „Das Haus haben wir im Rekordtempo umgebaut. Ursprünglich waren Bad und Schlafzimmer im ersten Stock und natürlich nicht barrierefrei.“ Auch das frühere Wohnzimmer hat sich verändert. Hier steht heute ein Pflegebett wie man es aus dem Krankenhaus kennt. Über dem Bett hängen mehrere Familienfotos, ein Schutzengel und der Spruch: „Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden.“ Im Raum steht ein großer Fernseher und Medikamente stapeln sich in einer Kiste. Außerdem liegt ein schwarzer Piepser neben dem Bett. „Das ist ein Funkgerät, damit sie mich auch nachts alarmieren kann, wenn sie Hilfe braucht“, sagt Dieter Zeitler, der weiterhin im ersten Stock schläft.

Seine Frau ist mittlerweile im Bad fertig und wird von ihrer Tochter in den Raum geschoben. „Die Gymnastik war heute wieder anstrengend“, erzählt sie. In der Tagespflege gefällt es ihr aber gut: „Wir sind 14 Leute. Da kann man sich austauschen und einander helfen.“ Nach der Tagespflege legt sie sich hin, bevor gemeinsam zu Abend gegessen wird.

Dieter Zeitler fährt das Bett herunter und schlägt die Decke zurück. Vorsichtig zieht er seiner Frau, mit der er seit 50 Jahren verheiratet ist, die Schuhe aus und hebt sie mit einem Schwung ins Bett. Sorgfältig deckt er sie zu und gibt ihr ein Kissen in die Hand, damit sie sich von ihrem Tag erholen kann.

Ingeborg Zeitler hat den Pflegegrad vier. Je nach Schwere der Beeinträchtigung sowie Fähigkeiten und Selbstständigkeit der zu pflegenden Person wird einer von fünf Pflegegraden zugewiesen, wobei bei fünf der größte Hilfebedarf besteht.

Eine Art Rollentausch

„Mein Vater ist 77. Wie lange er das noch physisch und psychisch schafft, wissen wir nicht“, sagt Nicole Lindner, die mehrmals in der Woche in ihr Elternhaus kommt. Ab September steht ihre Mutter deshalb auf der Warteliste eines Pflegeheims. Einen Platz zu bekommen ist aber nicht einfach und kostspielig.

Sehen Sie hier ein Video zum Thema: Zuzahlungen nochmals gestiegen – Pflege im Heim immer teuer

Im ehemaligen Kinderzimmer der 45-Jährigen stapeln sich heute zwölf Flaschen Desinfektionsmittel, Windeln und Handschuhe. „Es fühlt sich an als hätten wir die Rollen getauscht“, sagt Lindner. „Ich füttere meine Mutter, wechsele ihre Katheter und wasche sie.“ Sie betont, dass man aber auch an sich denken müsse: „Im Flugzeug braucht man auch zuerst selbst die Sauerstoffmaske, bevor man anderen helfen kann.“ Besonders wichtig ist Nicole Lindner: „Inmitten des ganzen Leids mit der Pflege vergessen wir nie, wie kostbar jeder gemeinsame Moment ist und sind froh, einander zu haben.“