Das einzige Regensburger Demenzheim schließt: „Mama, wir werden umziehen“

Hanna Buhmann hofft, dass ihre betagte Mutter die Veränderung gut überstehen wird. Sie kritisiert, dass der Regensburger Caritasverband beim einzigen Regensburger Demenzheim die Politik nicht mit ins Boot geholt und die Angehörigen spät informiert habe.
Hanna Buhmann schlägt den Garten der Konditorei Pernsteiner als Treffpunkt vor, denn dieser liegt unweit des Marienheims. Vor dem Interview muss sie etwas in dem Caritas-Haus erledigen, in dem seit mehr als acht Jahren ihre Mutter lebt. Zurzeit gibt es viel zu tun, denn die Einrichtung für Menschen mit schwerer Demenz wird Ende Januar 2024 wegen Personalnot schließen. 33 Bewohner müssen umziehen.
Hanna Buhmanns Mutter ist bettlägerig. In der letzten Phase der Demenz kommen zu Alterserkrankungen wie Arthrose noch spastische Lähmungen hinzu. Der rechte Arm der 86-Jährigen ist starr, das linke Bein immer angewinkelt, ob sie sitzt oder liegt. „Dadurch entstehen Schmerzzustände“, sagt Buhmann. Deshalb erhält die alte Dame starke Medikamente. Verständliche Worte kann sie nicht mehr artikulieren. „Aber durch die Reaktion, den Augenausdruck sehe ich, dass sie mich erkennt“, sagt die Tochter. „Sie nimmt unsere Verbindung wahr.“
Folgt ein Demenzschub?
Dass ihre Mutter noch einmal umziehen muss, belastet die 52-Jährige aus Bad Abbach. „Für das Krankheitsbild der Demenz heißt das in der Regel Verschlechterung um eine Stufe“, weiß sie. Emotionaler und körperlicher Stress führten laut Forschung häufig zu einem Schub. Hanna Buhmann denkt auch an die anderen Bewohner. „Für die, die sich in der letzten Phase ihrer Erkrankung befinden, also palliativ behandelt werden, gilt es abzuwarten, wie und ob sie den Umzug überstehen.“ Sie bedauert, dass die Gemeinschaft auseinandergerissen wird. Das trifft nicht mehr für ihre Mutter zu, aber für rüstige Senioren.
Das Marienheim der Caritas ist eine so genannte „beschützende Einrichtung“. Das Pflegekonzept setzt auf Sicherheit und Geborgenheit. Dazu gehört auch, dass der Eingang durch einen Zahlencode verschlossen ist. Es ist das einzige reine Demenzheim in der Region. Andere Häuser haben nur beschützende Bereiche. „Ich hätte mir gewünscht, dass eine spezialisierte Einrichtung erhalten bleibt“, sagt Buhmann. „Meine größte Angst ist, dass meine Mama nicht in Ruhe sterben darf.“
„Vielleicht hätte man die Politik ins Boot holen können“
Die Demenz nehme zu, Gesellschaft und Politik schauten weg. „Ich habe kein Verständnis dafür, dass wir Angehörigen und die Öffentlichkeit nicht früher ins Boot geholt wurden“, kritisiert sie. „Denn wer weiß, vielleicht hätte man die Politik ins Boot holen können und für das Marienheim wäre eine andere Lösung möglich gewesen.“ Schließlich mache sich der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek ohnehin für eine Springer-Lösung in der Altenpflege stark.
Dabei will Buhmann die Personalnot gar nicht wegdiskutieren. Für das Marienheim werden die gefragten Pflegekräfte mit gerontopsychiatrischer Weiterbildung benötigt, die es auf dem Arbeitsmarkt so gut wie nicht mehr gibt. Hanna Buhmann ist dem Caritasverband dankbar, dass ihre Mutter einen Platz in einem anderen Altenheim bekommt, wohl im Fritz-Gerlich-Haus im Stadtwesten, das bettlägerige Bewohner in der „Pflegeoase“ unterbringt, einer modernen Demenz-Umgebung.
Die Autorin von E-Learning-Programmen lobt das Marienheim. Die Pflegekräfte seien toll und zeigten ein bewundernswertes Engagement. Sie hätten das Demenzkonzept mitgetragen. Im Marienheim gibt es ein Nachtcafé mit Imbiss, besondere Beschäftigungsformen, von einfachen Rechenspielen bis zu einer Wand mit Schrauben, die festgezogen werden müssen. Gemeinsames Kochen gehört ebenso zum Alltag wie Aromatherapie, bei der die Senioren zur Ruhe kommen. Im Erdgeschoss lädt ein Café im Stil der 50er-Jahre zum Verweilen ein.
Kündigungen gingen voraus
Mechthild Hattemer, Geschäftsführerin der Caritas Wohnen und Pflege, betont: „Wegen der schwierigen Personalsituation ist die Schließung die einzige und bestmögliche Lösung für die Bewohnerinnen und Bewohner.“ Der Personalchef des Diözesan-Caritasverbands, Stefan Schmidberger, versichert, die Verantwortlichen hätten viel unternommen, um das Angebot aufrechtzuerhalten. „Und doch haben schließlich Kündigungen Tatsachen geschaffen.“ Trotz großer Anstrengungen sei es nicht möglich gewesen, ausreichend Personal zu rekrutieren.
Die Entscheidung wird schrittweise umgesetzt. „Jeder Umzug wird mit pflegerischer Expertise begleitet. Es verstehe sich von selbst, dass Palliativpatienten mit besonderer Umsicht in die neue Umgebung gebracht würden. Die Pflegeoase im Fritz-Gerlich-Haus sei ein herausragendes, innovatives Angebot für Bettlägerige mit fortgeschrittener Demenz.
Für Menschen mit einem richterlichen Unterbringungsbeschluss für eine beschützende Einrichtung bietet die Caritas ihr Pflegeheim in Bruck im Landkreis Schwandorf an. Wer den Anfahrtsweg scheut, wird unterstützt, einen nahen Platz bei einem anderen Träger zu finden. „Was die Kommunikation der Entscheidung betrifft, hat man dies zum frühestmöglichen Zeitpunkt getan“, betont Schmidberger. Informiert worden sei, als feststand, dass der Personalstand nicht zu erhalten sein würde. „Und als klar war, dass für alle Bewohner und Beschäftigten gute bis sehr gute Folgelösungen angeboten werden können.“
Hanna Buhmann hat vor wenigen Tagen zu ihrer Mutter gesagt: „Mama, wir müssen umziehen.“ Die alte Dame hat mit einem intensiven Blickkontakt reagiert. Was es für sie bedeutet, kann sie nicht aussprechen.