Kelheims Ärzte-Sprecher Faltermeier sieht regionales Krankenhaus-Netz in Gefahr

Welche Themen treiben derzeit den Ärztlichen Kreisverband (ÄKV) Kelheim und Sie als ÄKV-Vorsitzenden um?
Hubert Faltermeier: Erstens die Krankenhaus-Reform. Zweitens die Reform, und drittens… So wie die Reform jetzt geplant ist – mit Leistungsgruppen, die darüber entscheiden, was ein Krankenhaus anbieten darf – würde sie auf dem Rücken der Patienten ausgetragen. Das müssen wir verhindern!
Weshalb?
Faltermeier: Bisher haben wir [malt eine Pyramide auf ein Blatt Papier] eine breite Basis aus niedergelassenen Haus- und Fachärzten, einen Mittelbau aus vielen Grundversorgungs-Krankenhäusern und einigen Maximalversorgern. Wie die Krankenhäuser künftig aufgestellt sein werden, ist noch unklar. Aber [malt eine Birne neben die Pyramide] der Mittelbau wird deutlich schmäler: Die bisherigen ,Kreis-Kliniken‘ werden wohl weniger, und damit die wohnortnahe Behandlung. Dabei sind die großen Maximalversorger eh schon mehr als ausgelastet und auch gar nicht darauf ausgelegt, alle ,kleineren‘ Fälle zu übernehmen. Auch dem Haus- und Facharzt-Bereich droht eine Überlastung. Und ,am Land‘ wird dort wohl der ,Nachwuchs‘ verloren gehen, wenn es die Krankenhäuser vor Ort nicht mehr gibt.
Wieso?
Faltermeier: Viele junge Kolleginnen und Kollegen kehren nach Kelheim zurück, weil sie hier am Krankenhaus in der Chirurgie oder Inneren gearbeitet, ihre Facharzt-Ausbildung absolviert haben. Würde das alles wieder in die großen, zentralen Kliniken zurückverlagert, würden die jungen Ärzte eben auch hinterher dort, in den Großstädten, bleiben. Damit wäre längerfristig auch der ,kurze Dienstweg‘ unter uns Niedergelassenen in Gefahr.
Was verstehen Sie darunter?
Faltermeier: Unser Landkreis ist überschaubar; man kennt sich eben oft aus der gemeinsamen Zeit am Kelheimer Krankenhaus. Da sprechen sich Haus-, Fach- und Klinikarzt bei Bedarf ganz unkompliziert am Telefon zu einem komplexen Fall ab. Künftig hätten wir im ,worst case‘ nur noch die jetzt schon überlasteten Regensburger Kliniken als Ansprechpartner. Die Folge wäre eine anonymisierte, unpersönliche Medizin mit weiteren Anfahrtswegen und noch geringerer persönlicher Vernetzung zwischen ambulant und stationär. Bislang heißt das Landkreis-Motto doch „Wir sind Landkreis Kelheim“ Soll es wirklich in ein paar Jahren im medizinischen Bereich lauten: „Andere sind Landkreis Kelheim“?!
Also lieber keine Krankenhaus-
Reform?
Faltermeier: Doch, Reformbedarf gibt es: Das jetzige System der Fallpauschalen ist das falsche – aber das frühere Vergüten nach „Liegezeit“ war auch nicht richtig. Wir brauchen einen Mittelweg zwischen der jetzigen Kostenexplosion und dem Versuch, die ungedeckten Kosten auf Null zu reduzieren. Krankenhäuser sind notwendig; deshalb dürfen sie auch Kosten verursachen! Wir müssen unsere top Gesundheitssystem in Deutschland pflegen; all die über die Jahre aufgebauten Strukturen.
Aber im Haus- und vor allem im fachärztlichen Bereich klagen viele, dass man schwierig an Termine kommt.
Faltermeier: Bei einigen Fachärzten werden die Wartezeiten auf Termine in der Tat schon etwas länger; ein Grund könnte der Fachkräfte-Mangel sein, der auch beim Praxis-Personal durchschlägt. Aber generell sehe ich diese Problematik bei uns im Landkreis noch nicht so. Bei uns in der Praxis sind es zum Beispiel unverändert maximal zwei Wochen.
Ein Thema in Kelheim sind auch die Lücken in der notärztlichen Versorgung.
Faltermeier: In der Tat ist die Notarzt-Situation im südlichen Landkreis problematisch. Aber es scheint, als wäre der Handlungsbedarf bei der Politik angekommen. Perspektivisch wird auch der künftige ,Tele-Notarzt‘ helfen. Für den Rettungsdienst wäre ein digital zugeschalteter Notarzt am Einsatzort eine immense Erleichterung.
Wie weit ist die Digitalisierung in den Praxen?
Faltermeier: Dinge wie elektronisches Rezept und elektronisches Attest laufen gut, wenn das System läuft. Also etwa 99 Prozent der Zeit. Nur wenn das System streikt, dann steht die ganze Praxis. Das ist auch ein Grund, warum viele so zögerlich sind, das E-Rezept in ihrer Praxis einzuführen.
Haben Sie’s in Ihrer Praxis?
Faltermeier: Nein. Die beiden bisherigen Methoden zur Übertragung an die Apotheken überzeugen mich noch nicht recht.
Was halten Sie von Video-Sprechstunden?
Faltermeier: Mir persönlich reicht der Augenschein via Handykamera nicht aus - ich halte es da mit der Devise meines früheren Chefs: ,Durch Hemd und Hose stellt man keine Diagnose!‘ Aber es gibt sicherlich Fälle, wo die Video-Sprechstunde Sinn macht: Erkältungskrankheiten zum Beispiel.
Was hat Sie motiviert, den ÄKV-Vorsitz zu übernehmen?
Faltermeier: Wir sind stolz auf unsere Ärztinnen und Ärzte hier im Landkreis - sowohl ambulant als auch stationär wird hervorragende Arbeit geleistet. Wir wollen und werden im Landkreis Kelheim persönliche, ortsnahe und individuelle Medizin machen.
Zur Person
Privat: Hubert Faltermeier (48) ist gebürtiger Kelheimer und lebt hier mit seiner Frau und den zwei Kindern im Teenager-Alter.
Beruf: Nach Studium und Promotion in Regensburg hat der Mediziner die Facharzt-Weiterbildungen für Orthopädie und Unfallchirurgie sowie Allgemeinchirurgie absolviert und war zwei Jahre als Unternehmensberater bei McKinsey tätig. Mehrere Jahre war er als Leitender Notarzt im Landkreis tätig. Seit 2013 ist er Mitbetreiber der Orthopädie Praxis Kelheim.
Ehrenamt: Zum 1.1. 2023 hat Faltermeier den Vorsitz im Ärztlichen Kreisverband übernommen, dem mehr als 500 Ärztinnen und Ärzte im Kreis Kelheim angehören. Er ist Nachfolger des langjährigen Vorsitzenden und nun Ehrenvorsitzenden Karl-Friedrich Seidl. Der ÄKV ist eine berufsständische Vertretung, die sich u.a. um Fortbildung und Überwachung der Erfüllung ärztlicher Berufspflichten kümmert sowie in der öffentlichen Gesundheitspflege mitwirkt.