Der Kämmerer des Stadtgründers war ein Job mit Macht und zum Fürchten

Die Geschichte der Stadt ist untrennbar mit Herzog Ludwig von Oberbayern, genannt der Strenge, verbunden. Doch was wäre Herzog Ludwig ohne seinen Kämmerer, den Grill von Marching, gewesen? Mike Hartl kennt sich bestens aus. Er spielt den Grill von Marching im Theaterstück „Stadt der Seligen“.
Nicht nur die Geschichte Neustadts, sondern auch die des Herzogs ist untrennbar mit dem Grill von Marching verbunden. „Ihn hat es wirklich gegeben“, sagt Hartl. „Er war der Kämmerer des Herzogs.“ Er sorgte dafür, dass der Herzog immer genug Geld hatte und er stand dem Herrscher am nächsten. „Er kümmerte sich den ganzen Tag um den Herzog und war immer bei ihm.“ Gemeinsam waren sie das absolute Herrscherpaar.
Aber damit war das Leben des Kämmerers, der richtig Ulrich der Grill hieß, keineswegs sorgenfrei. Der Herzog will König werden, der Grill will ihn unterstützen. Aber er hat auch seinen eigenen Betrieb, den Steinbruch. Da geht es in der Zwischenzeit drunter und drüber zu.
Die Frau des Grill hat sogar die Arbeiter verkauft, um ihren Lebenswandel zu finanzieren und der Betriebsleiter hat sich um nichts gekümmert. „Gleichzeitig ist der Grill dem Herzog verpflichtet und weiß um die Unbeherrschtheit des Herzogs. Der hat sogar seine Frau enthaupten lassen. Damit ist klar: Es kann jeden treffen, niemand ist sicher.
Es war eine brutale Zeit
„Das Mittelalter war brutal, nicht nur der Herzog“, stellt Mike Hartl fest, der seit Monaten für die Rolle als Grill im Theaterstück „Stadt der Seligen“ übt. Hartl hat sich über die Rolle hinaus mit dem historischen Hintergrund des Stückes beschäftigt und ist überzeugt: „Der Herzog herrschte absolut. Er hat seine Regeln gemacht, er war an niemanden gebunden.“ Er vollzog auch die Gerichtsbarkeit.
Und daneben gab es den Kämmerer, den Mike Hartl, der schon über zehn Rollen in Theaterstücken in seinem Heimatort Schwaig gespielt hat, bewusst etwas kratzbuckelig angelegt hat. Kuschen gegenüber der Obrigkeit gehörte auch für die „rechte Hand“ schon früher zum Machtsystem.
Die Parallelen zu anderen Herrschern quer durch die Geschichte drängen sich auf, sagt Hartl. Für ihn ist die Rolle des Grills von Marching deshalb mehr als eine Rolle. Es ist Auseinandersetzung mit Geschichte und Politik. Als Schauspieler gehe es jedoch um mehr. „Ich lebe mich in den Menschen, den ich spiele, rein. Ich muss fühlen, was er gefühlt hat.“
Das schlägt sich sogar im Privatleben nieder. Da ist der 60-Jährige in der Qualitätskontrolle eines großen Zuliefererbetriebs der Automobilindustrie tätig. „Aber manchmal“, sagt Hartl, „holt einen die Rolle ein. Es sind ganze Textpassagen, die mit einem Mal im Gespräch im normalen Leben wieder da sind.“ Dann spricht Mike Hartl mit Freunden wie der Grill von Marching. Vermutlich bleibt das nicht aus, wenn man seit drei Monaten an dem Stück übt. „Ich gehe jeden Tag einmal den gesamten Text durch“, sagt der 60-Jährige. Und er gesteht: „Man lebt mit dem Theater.“ Das ganze Privatleben werde derzeit dem einen Ziel untergeordnet.
An Grenzen geführt
Dazu kommt, dass Steffi Kammermeier, Autorin des Stücks, bei den Proben anwesend ist und auch kleine Abweichungen sofort korrigiert. Dabei geht es auch darum, wie Sätze gesprochen werden. „Sie legt auch viel Wert auf Kleinigkeiten“, sagt Mike Hartl. Das führt wiederum dazu, dass die Darsteller an ihre Grenzen geführt werden.
Der Grill und der Herzog – sie gibt es bei den Proben im Marchinger Steinbruch gewissermaßen doppelt: auf der Bühne als Rollen und unerbittlich am Regiepult mit der Autorin und Günter Schweiger als ihrem Assistenten. Trotz allem ist die „Stadt der Seligen“ weit mehr als eine historische Abhandlung. Geschichte wird nämlich auf pointierte und witzige Weise erzählt.

