Familie aus Mexiko spielt im Neunburger Festspiel viele Rollen – und fühlt sich in der Region wohl

Von Ralf Gohlke · 21. Juli 2023 um 05:00

Im Festspiel „Vom Hussenkrieg“ in Neunburg wird Oberpfälzer Mundart und Tschechisch gesprochen. In der Neuinszenierung gibt es aber nun einen Obsthändler, der den jungen Milo auf Spanisch beschimpft. Dahinter steckt eine besondere Familiengeschichte, die 2014 in Neunburg ihren Anfang genommen hat.

Zu dem Zeitpunkt kamen Antonio und Carolina Covarrubias-Valades mit ihrem Sohn Bruno aus Mexiko nach Neunburg. Antonio ist Roboter-Experte und für das Neunburger Unternehmen F.EE tätig. Das Ehepaar hatte vor seiner Ankunft in Deutschland schon einige Stationen im Dienste der Firma hinter sich. China, die Türkei, USA und Ungarn gehörten dazu.

Um ihren Mann begleiten zu können, hat Carolina sogar ihren Beruf als Architektin aufgegeben. Eigentlich sollte der Aufenthalt auf zwei Jahre beschränkt bleiben, daraus wurden mittlerweile neun Jahre und die Familie hat mit ihren Söhnen Carlo und Dario weiteren Zuwachs erhalten. Die erste Entscheidung musste getroffen werden, als Bruno mit vier Jahren in den Kindergarten kommen sollte. Zur Auswahl stand, zurück nach Mexiko zu gehen oder länger hierzubleiben. Die Entscheidung fiel auf Neunburg.

Seit 2017 sind die Mexikaner beim Festspiel dabei

In ihrem Haus in Oberviechtach, das sie 2017 erworben haben, erzählen beide, wie sie zum Festspiel gekommen sind. Seit 2017 gehören sie dem Ensemble an. Von der damaligen Stadträtin Margot Weber erhielt die Familie Karten für eine Festspielpremiere. „Ich weiß noch gut, dass uns Bürgermeister Martin Birner extra als internationales Publikum begrüßt hat“, erzählt Antonio mit einem Schmunzeln.

Carolina erinnert sich, dass Bruno mit seinen vier Jahren ganz begeistert war, insbesondere von den Kostümen. Sich zu verkleiden, als Ritter oder Pirat, habe ihm schon davor immer Riesenspaß gemacht. Er gab nicht nach und wollte unbedingt mitspielen.

Das ging natürlich nicht ohne Begleitung, also musste die Mama mit, weil Antonio auf Baustellen unterwegs war. So musste sie auch den kleinen Carlo und später sogar Dario als Baby mitnehmen. Sie agierte als Bürgerin und die Kleinen als Bürgerkinder. Bruno bekam eine Rolle als Page des Pfalzgrafen. Antonio spielte 2018 erstmals als Hussit mit.

Was beiden gefallen hat, war die Herzlichkeit, mit der sie von Beginn an im Ensemble aufgenommen wurden. „Es war fast so, als hätte uns der Verein adoptiert“, schildern die Eltern übereinstimmend.

Der Vater spielt gleich zwei Rollen – einen Obsthändler und einen Hussiten

Als die Festspiele wieder neu geplant wurden, war es keine Frage, dass die Familie wieder mitmachen würde. Mit den beiden jüngeren Söhnen spielt Carolina erneut eine Bürgerin. Sie könnte sich zwar eine Textrolle vorstellen, hadere aber noch mit ihrem Akzent. Der inzwischen dreizehnjährige Bruno schlüpfte in die Rolle eines Hussiten.

Für Papa Antonio hatten Regisseurin Karin Michl und ihre Assistentin Verena Forster nach einem Workshop gleich eine Doppelbesetzung parat: Als Obsthändler sollte er im ersten Bild Tristrams Sohn Milo in seiner Muttersprache beschimpfen. „Weil sie sagte, wir sollen beim Spiel unsere Emotionen herauslassen, habe ich das auch so gemacht“, sagt er. Allerdings gab es für die dabei getroffene Wortwahl einen Rüffel von der Gattin. „Der konnte doch nicht vor seinen Kindern solche Worte benutzen, die haben ihn schließlich verstanden“, wandte sie ein. Intern habe man sich daher auf etwas „moderatere Formulierungen“ geeinigt.

In der zweiten Rolle spielt er den Hussiten Petr, der wegen eines Regelverstoßes zum Tode verurteilt und hingerichtet wird, jetzt aber nur noch im „Off“. Sein Schrei verursache bei ihr dennoch regelmäßig Gänsehaut.

Im Prinzip fühlt sich die Familie hier sehr wohl, aber vor allem Carolina vermisst ihre Familie sehr. Mexikaner seien eng untereinander verbunden und sie bedauere es, dass die Enkel so wenig Kontakt zu ihren Großeltern hätten. Wegen der hohen Flugkosten sei mehr als ein Besuch pro Jahr kaum möglich. Im Falle einer Rückkehr würde auch sie gern wieder arbeiten. „Man muss halt die Vor- und Nachteile ständig neu abwägen“, sind beide überzeugt. Eine Entscheidung stehe momentan jedoch nicht an.

Festspielsommer neigt sich dem Ende entgegen

Letzte Aufführungen: Nach zwei Festspielwochenenden endet dieses Wochenende mit den verbliebenen beiden Aufführungen der Burgfestspiele „Vom Hussenkrieg“ schon der Festspielsommer 2023, teilt die Stadt Neunburg mit. Die beiden Aufführungen am Freitag und Samstag sind alle restlos ausverkauft. Es gibt deshalb für die Aufführungen keine Abendkasse.

Ausstellung: Alle Gäste, die keine Karte ergattern konnten, haben aber vor der Vorstellung die Möglichkeit, das abwechslungsreiche Vorprogramm zu nutzen. So kann unter anderem die Ausstellung zu den Hussiten in der Fronfeste sowie die Sonderausstellung zum Neunburger Festspiel im Schwarzachtaler Heimatmuseum, das von 19 bis 20 Uhr geöffnet ist, besucht werden.

Biergarten: Die Burggasterey lädt mit Getränken und Schmankerln im Biergarten zum Verweilen ein – hier können alle, die keine Karte erhalten haben, ein Stück vom Festspielsommer erleben und genießen. Die Gasterey ist frei zugänglich.

Sie lauschen den grausamen Geschichten der Märchenerzählerin (mit Drache): Bruno (links daneben) und seine beiden Brüder (an der Treppe). Foto: Agnes Jonas
Carolina und ihre Söhne Carlo und Dario sind Teil der Bürger beim Markttreiben. Foto: Agnes Jonas
Antonio spielt Petr, der von den eigenen Hussiten hingerichtet wird. Foto: Agnes Jonas