Spannende Felsengänge: In der Further Unterwelt gibt es viel zu entdecken

Von Alexander Frimberger · 19. Juli 2023 um 11:00

Mitten in der Stadt Furth im Wald, oder besser gesagt, darunter, befindet sich eine Welt, die man durch ein altes Holztor betreten kann. Dort unten ist es spannend, lustig und lehrreich, an manchen Stellen aber auch traurig machend und schaurig schön.

Die Rede ist von den Further Felsengängen in der Kramerstraße. Im Mittelalter schon als Vorrats- und Bierkeller angelegt, waren sie später auch Luftschutzbunker, haben dann nach dem Krieg und weil modernere Kühlmethoden auf den Markt kamen, ihre Bedeutung verloren. „Es waren einmal zehn Kilometer Gänge auf drei Etagen im Further Untergrund verborgen. Als rund um die Altstadt noch Bauernhöfe standen, hatte praktisch jeder Hof einen solchen Keller“, sagt Uli Stöckerl, Inhaber des Wildgartens, der die Felsengänge zusammen mit Rolf Schüler (Erlebniswelt Flederwisch) zumindest zum Teil gerettet hat.

Aus den Felsenkellern Schutt und Unrat entfernt

Als sie Ende der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts auf den Eingang in der Kramerstraße aufmerksam wurden, konnten sie verhindern, dass er vollends zugeschüttet wurde. Genau dieses Schicksal hat die allermeisten der nutzlos gewordenen Keller ereilt. Er und Schüler machten sich daran, nach und nach Schutt und Unrat aus den Kellern zu entfernen. Geschätzte 100000 Eimer Dreck haben sie zum Teil mit Helfern ans Tageslicht geschleppt und abtransportiert.

Stöckerl erinnert sich: „Das war eine spannende Zeit. Rolf hat sich mit einem Seil, das wir ihm um den Bauch gebunden haben, durch einen Schutthaufen gekämpft, die zum Teil bis zur Decke aufgetürmt waren. Wenn er dahinter eine Höhle entdeckt hat, haben wir weitergegraben.“ Insgesamt fünf Keller, die untereinander verbunden und einige hundert Meter lang sind, haben die beiden Enthusiasten so aus ihrem schmutzigen Dornröschenschlaf geweckt und vieles zum Vorschein geholt.

Problem Altstadt: Stadtplatz Furth im Wald ist für Menschen mit Handicap selbstständig kaum zu erreichen

Im Jahr 2000 war es dann soweit, die Further Felsengänge wurden der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Wenn man die steile Treppe nach unten gestiegen ist, erreicht man einen erstaunlich großen Raum, 2,5 Meter breit und ebenso hoch. Auf der einen Seite endet hier ein Schacht, durch den Gemüse und Kartoffeln von der Straße durch eine Öffnung nach unten geworfen wurden. Auf der anderen Seite stehen alte Bierfässer. „Die haben wir von der Brauerei Späth bekommen, als diese geschlossen wurde“, sagt Stöckerl. Eigentlich wurde das Bier dort aber in großen Kannen gelagert. Zum einen konnte es in der konstant rund acht Grad kalten Umgebung reifen, zum anderen blieb es schön kühl und wurde nicht sauer. „War das Bier sauer, war der Papa sauer“, sagt Stöckerl und lacht. Wenn das Bier fertig war, hat man es selbst getrunken oder mit einer Anzeigetafel am Kellereingang, dem „Zoigl“, darauf hingewiesen, dass es zum Verkauf steht. Wer übrigens glaubt, diese unwirtliche und dunkle Umgebung biete keinen Raum für Leben, der täuscht sich. Im Eingangsbereich halten sich Höhlenkreuzspinnen auf, die ihren Nachwuchs in kleinen weißen Säckchen an die Kellerdecke hängen, und vor allem im Winter suchen auch Fledermäuse hier Schutz. Ganz erstaunlich: An einer Kellerwand, die vier Stunden am Tag von einer Lampe angestrahlt wird, ist ein dicker Moos-Teppich gewachsen.

Wenn man - mal aufrecht, mal gebückt - durch das Höhlenlabyrinth schlendert, entdeckt man in Ecken und Nischen vor allem Alltags-Gegenstände, die Stöckerl und Schüler gefunden und ausgestellt haben. „Die Menschen im Bayerischen Wald waren nie reich, aber alles ist original und gibt einen Einblick in die damalige Lebensweise.“ An manchen Stellen haben die beiden „Höhlenmenschen“ mit eigenen Ideen nachgeholfen. So liegt in einem Schutthaufen ein Skelett, an anderer Stelle wurde eine Hexenküche aufgebaut. Da wird in Hexennächten allerlei Schabernack getrieben, der den Gästen einen Schauer über den Rücken jagt. Auch Hochzeiten, Kindergeburtstage, Halloween und andere Feste hat man im Untergrund schon gefeiert. Was laut Stöckerl ziemlich einmalig ist: Man muss sich keiner Führung anschließen, kann die Höhlenwelt eigenständig erforschen. „Herausgefunden hat noch jeder“, verspricht er.

Nachdenklich macht der Bereich, in dem die Keller im 2. Weltkrieg als Luftschutzbunker gedient haben. „Wir haben Bänke, Tische, Stühle, Feldbetten, sogar ein Klo und eine Stromleitung gefunden.“ Es kann einem bei dem Gedanken an den aktuellen Ukrainekrieg den Hals zuschnüren, wenn man auf einer der Holzbänke sitzt und über Lautsprecher Fliegerangriffe mit Bombenhagel abgespielt werden. „Kein schönes Gefühl, wenn man sich in die Situation hineinversetzt.“ Man kann sich vorstellen, wie die Wände gewackelt haben müssen und Staub aus den Mauerritzen die Luft vernebelt hat. Allerdings, schränkt Stöckerl ein, ist Furth von Luftangriffen weitgehend verschont geblieben.

Es wartet ein gewaltiger Schrecken

Immer wieder stößt man im Vorbeigehen auf Schutthaufen, oder Mauern, die den Weg versperren. Weiter als Maulwurf betätigen, wollen sie sich aber nicht mehr. Es war genug Anstrengung bis zum Status quo. Noch eine Warnung zum Schluss: Einmal jagt Ihnen Stöckerl bei seiner Führung einen gewaltigen Schrecken ein. Wo, wird natürlich nicht verraten, aber seien Sie gefasst.

Die Hexenküche hat man natürlich nachträglich eingebaut.
Ein Skelett, ganz schön spooky