Diskussion in Neumarkt: Kinder und Jugendliche leiden unter den Folgen der Pandemie

Dass die Pandemie mit ihren Beschränkungen klare Verlierer hatte, darüber waren sich alle Beteiligten einig. Kinder und Jugendliche waren besonders durch die Schulschließungen betroffen – mit verheerenden psychischen Folgen.
Das voll besetzte Jugendzentrum G6 mit einem Publikum aus Lehrern, Erziehern, Schulleitern, Mitarbeitern des Jugendamtes und Verantwortlichen aus Lehrbetrieben, zeugte von der Dringlichkeit der Thematik. Jeder konnte aus der Praxis Beispiele der schwierigen Situation nennen. „Wir wollen heute nach Lösungen und nicht nach Schuldigen suchen“, setzte Sigi Müller, der Vorsitzende des Fördervereins G6, den Schwerpunkt des Abends.
Mehr psychische Probleme bei Kindern und Jugendlichen
Gunther Moll, der Leiter der Kinder- und Jugendabteilung für psychische Gesundheit am Uniklinikum Erlangen, gab zu Beginn eine Übersicht, was junge Menschen für ihre psychische Gesundheit brauchten. Unter zwölf Punkte, die dafür zentral seien, fielen zum Beispiel Bewegung, Berührung, Eigenaktivität und Sicherheit – Dinge, die durch die Einschränkungen während der Pandemie gefährdet waren.
Michael Husarek, der Chefredakteur der Nürnberger Nachrichten, erklärte daraufhin, dass Kinder und Jugendliche in dieser Zeit von der Gesellschaft vernachlässigt worden seien. Er habe das als Vater von sechs Söhnen selbst erlebt und als Journalist beobachtet. In erster Linie wurde sich – zu Recht – um die älteren Mitmenschen gesorgt, wobei aber die Bedürfnisse der jungen Generation teilweise vergessen wurden, so Husarek.
Die Folge dieser Entwicklungen: Ein riesiger Anstieg an psychischen Leiden, bis hin zu Suizidgedanken bei Kindern und Jugendlichen. „Ich habe nach der Pandemie dreimal den Hilferuf erhalten, dass Kinder Selbstmordgedanken geäußert haben. Zuvor habe ich das neun Jahre lang nie erlebt“, sagte ein Mitarbeiter des Kreisjugendrings Neumarkt.
Was kann aber getan werden, wenn Fachkräfte fehlen und Kinderpsychologen oft monatelang keine freien Termine haben? Molls Analyse: Es sei möglich den psychisch erkrankten Jugendlichen zu helfen, aber es erfordere sehr viel Energie, Aufmerksamkeit und Zeit. Davon zeugten auch viele Diskussionsbeiträge aus dem Publikum. So zog Bernhard Schiffer, Direktor des Willibald-Gluck-Gymnasiums in Neumarkt, auch eine bestärkende Lehre aus der Pandemie. Man hätte gemerkt, welch große Bedeutung die Schulen hätten.
Die Ungleichheit wurde durch Homeschooling größer
„Das schlimme ist, dass die Kinder, die die Unterstützung am meisten gebraucht hätten, allein gelassen wurden“, so der Pädagoge. Dadurch sei die Ungleichheit zwischen den Schülern noch größer geworden, die die Schule jetzt wieder auffangen müsse.
„Die schwerwiegenden Lücken nach dieser Zeit liegen nicht im Wissen“, veranschaulichte Schiffer weiter. Die sozialen Kompetenzen hätten nachgelassen und das sei viel schwieriger nachzuholen. „Vor Kurzem haben mehrere Elftklässler einen Siebtklässler verprügelt. Das war mir nie zuvor untergekommen.“
Auch wenn der Fachkräftemangel am gestrigen Abend nicht gelöst werden konnte, gab es Ansätze der Krise der Jugend entgegenzuwirken. Zentral ist dabei laut Moll, den Kindern ein psychisch gesundes Umfeld zu bieten. „Man sollte sich selbst betrachten und ein Vorbild sein“, so der Psychiater. Denn am Ende würde all die Erziehung wenig bringen, die Kinder machten einem eh alles nach.
