Zahl seelisch kranker Kinder im Landkreis Neumarkt steigt sprunghaft

Es ist ein besorgniserregendes Bild, das Jugendamtsleiter André Schilay da zeichnet. Während 2019 noch 48 Kinder und Jugendliche aus dem Landkreis Neumarkt auf stationäre Hilfe zur Erziehung angewiesen waren, waren es im Jahr 2022 schon 98. Die Pandemie hat alles nur noch schlimmer gemacht.
Und bis Mai 2023 sind bereits mehr als 70 Kinder registriert. Ängste, Zwänge, suizidale Tendenzen, Mediensucht, Depressionen, Essstörungen, schulische oder berufliche Probleme, Konflikte in der Familie – es ist die ganze Bandbreite, mit denen die Mitarbeiter des Jugendamts und alle in der Jugendhilfe arbeitenden Personen derzeit zu tun haben.
Auch die Zahlen bei den ambulanten Hilfen und bei den Frühen Hilfen haben sich teils mehr als verdoppelt. So haben die Mitarbeitenden der sozialpädagogischen Familienhilfe und bei den Erziehungsbeistandschaften 2019 noch 99 Fälle bearbeitet, im vergangenen Jahr schon 203. Bei den Frühen Hilfen – präventiven, niederschwelligen Angeboten – spricht Schilay von mindestens einer Verdoppelung.
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Dass Kinder offenbar in der Pandemie nicht systemrelevant genug gewesen seien, habe diese Krise ausgelöst. Dessen ist sich Andre Schilay sicher – und das macht ihn wütend. Kinder seien in dieser Zeit zu lange nur aus zwei Blickwinkeln betrachtet worden. Zum einen als potenzielle „Superspreader“, zum anderem als Hindernis für die Eltern, trotz Kontaktbeschränkungen und Schließungen weiter produktiv zu arbeiten.
Schwerwiegende Diagnosen belasten Jugendliche
Die Folgen der Tatsache, dass die Jugendhilfe in der Pandemie eines Großteils ihrer Möglichkeiten und Kompetenzen beraubt gewesen sei, träten erst jetzt so richtig auf. Familien, in denen es ohnehin schon nicht einfach gewesen sei, seien vom Radar verschwunden und erst später als echte Problemfälle wieder aufgeploppt.
Was Schilay so große Sorgen macht, ist nicht allein die schiere Anzahl der Kinder und Jugendlichen, für die ein stationärer Aufenthalt nötig ist – sondern das Ausmaß ihrer Leiden. Während noch vor einigen Jahren für einen Großteil dieser Kinder die klassische Hilfe zur Erziehung ausgereicht habe, hat sich heute das Blatt gewendet. Zwei Drittel der betroffenen Kinder sind sogenannte „35a-Fälle“ nach dem Sozialgesetzbuch 8. Das bedeutet nichts Geringeres, als dass sie von einer seelischen Behinderung bedroht sind. Auch die Intensität, mit der Jugendamtsmitarbeiter die Jugendlichen und ihre Familien betreuen, habe sich verstärkt.
Zehn bis 13 Prozent hatten Suizidgedanken
Von den rund 100 stationären Fällen aus dem Jahr 2022 hätten zehn Kinder suizidale Gedanken geäußert oder sogar schon entsprechende Handlungen ausgeführt, weitere drei hätten dadurch nicht nur sich selbst gefährdet, sondern hätten auch fremdgefährdendes Verhalten gezeigt. Für alle diese Kinder und Jugendlichen reicht es nicht mehr nur, einen Aufenthalt in einer heilpädagogischen Einrichtung in der Region zu suchen. Für diese Kinder braucht es eine Diagnose durch einen Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie – und einen Therapieplatz in einer spezialisierten Einrichtung.
Und da liegt schon das nächste Problem. Einen Platz in einer stationären Einrichtung für ein Kind oder einen Jugendlichen zu bekommen, ist nicht so einfach. Laut Schilay sind Wartezeiten von mehreren Monaten heute keine Seltenheit. Gesucht werde bayernweit.
Die Bereitschaft der Beteiligten ist da, das Personal fehlt
Aus allen Einrichtungen, mit denen Schilay und seine Mitarbeiter regelmäßig Kontakt haben, weiß er, dass es Pläne gibt, zu erweitern – mehr Plätze anzubieten. Doch in den meisten Fällen scheitere es nicht an der Bereitschaft aller Beteiligten – oder am Geld. Es scheitere am Personal. Es sei einfach niemand mehr da, der sich um die zusätzlichen Kinder und Jugendlichen kümmern könne.
Die genauen Gründe dafür, warum diese Kinder und Jugendlichen so leiden, könne man nicht pauschal nennen. Grundsätzlich seien Kinder und Jugendliche mit gefestigten Beziehungen und Ansprechpartnern auch gut durch die Pandemie gekommen. „Wenn Beziehungen funktionieren, ist das schon mal die halbe Miete“, sagt Schilay. Wo Kinder und Jugendliche ohnehin schon Schwierigkeiten mit sozialen Kontakten aller Art gehabt hätten, hätte die Isolation der Coronazeit die Probleme noch verstärkt.
Traumatisierte minderjährige Flüchtlinge
Nicht nur, dass die Ansprechpartner im Freundeskreis gefehlt hätten – es hätten auch Erlebnisse und Erfahrungen gefehlt, die keines dieser Kinder mehr aufholen könne. „Wenn dir als Erwachsener mal zwei Jahre fehlen, ist das nicht so tragisch. Wenn du als Jugendlicher von 15 bis 17 Jahren zwei Jahre isoliert warst, kannst das eben nicht mehr nachholen.“ Die Krisen der jüngeren Vergangenheit wie Krieg, Energieknappheit und Inflation hätten die Unsicherheit noch verstärkt.
Und sie hätten den Mitarbeitern der Jugendhilfe weitere Klienten beschert, die es sonst gar nicht gäbe: die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge – Kinder und Jugendliche, die oft monatelang auf der Flucht gewesen seien, Misshandlungen ausgesetzt gewesen seien und völlig traumatisiert seien. „Von denen trägt jeder seinen individuellen Rucksack mit sich herum – und die Sprachbarrieren machen die Sache nicht einfacher“, sagt Schilay.
Für die Zukunft traut sich der Amtsleiter keine Prognose abzugeben. Er könne nur hoffen, dass die Spitze nach der Pandemie nun endlich erreicht ist. Dass das bestehende System von Prävention, Früherkennung, Beratung und Behandlung durch die Erfahrungen aus der Pandemie widerstandsfähig genug geworden ist, um weitere Krisen zu überstehen. Und dass Kinder und Jugendliche dann so eingestuft werden, dass der Gestaltungsspielraum der Jugendhilfe so groß wie möglich bleiben kann: als unbedingt systemrelevant.