Ein Mitarbeiter spricht: Hiobsbotschaft zum Dolan-Aus in Kelheim kam mitten im Urlaub

An die 100 Frauen und Männer stehen seit der Kündigung durch Dolan in Kelheim auf der Straße. Ein Mitarbeiter berichtet, wie er den gescheiterten Verkauf, Kündigung und Co. erlebte und worauf er nun setzt.
Kaum in Kroatien angekommen, kam der Schock. Zu Pfingsten wollte Clemens Staudinger mit der Familie ein wenig ausspannen. Da erreichte ihn die alles entscheidende Mail. Der Verkauf von Dolan ist gescheitert, die Anlage wird stillgelegt, stand darin. Der 50-Jährige arbeitete 23 Jahre bei dem Kelheimer Unternehmen – mit Herzblut und aus Überzeugung, wie er sagt. Mit unserer Zeitung spricht er über das Auf und Ab der Emotionen, das seither anhält, und worauf er nun hofft.
„Keiner hätte gedacht, dass das so endet“
Selbst zu Kurzarbeitszeiten vor einem Jahr habe „keiner gedacht, dass das so endet“, sagt Staudinger. Vor zwei Wochen war ihm und seinen circa 100 Kollegen gekündigt worden.
Alle hegten die große Hoffnung, dass der geplante Verkauf Unternehmen und Arbeitsplätze retten würde. Die Mitarbeiter hätten sogar auf ihre Jahresleistungen, auf Weihnachts- und Urlaubsgeld verzichtet. Doch an Pfingsten platzte der Traum wie eine Seifenblase.
Finanzielle Zukunftsängste
An Erholung war bei Clemens Staudinger ab Tag 2 seines Kroatien-Kurzurlaubs nicht mehr zu denken. Stattdessen fuhren die Gedanken des 50-Jährigen Karussell. „Da machen sich finanzielle Zukunftsängste breit.“ Clemens Staudinger stand bei Dolan schon einmal auf der Straße. Kurz nach seinem Einstand vor mehr als 25 Jahren. Damals hatte es eine Teilschließung gegeben. Der Kelheimer heuerte bei Audi an. Doch als klar war, es gibt wieder eine Option – kehrte er zurück.
Die ganze Familie war Dolan verbunden
Der 50-Jährige fühlt sich Dolan verbunden, sagt er. Das hat auch mit seiner Familie zu tun. Als Mitte der 1930er Jahre das erste Spinnfaser-Werk gebaut worden war, packte sein Großvater mit an. Später arbeitete er in der Fabrik. Auch Staudingers Vater tat es dem Opa viele Jahre gleich, Onkel und Cousine waren ebenfalls bei Dolan.
Bei einer Schulaktion zeigte Clemens Staudinger seinem Sohn die Firma. Wäre es bei Dolan nicht Schluss, wer weiß, vielleicht hätte sein Filius die Familientradition fortgeführt.
Seine Arbeit war immer abwechslungsreich und verantwortungsvoll, sagt der Anlagenfahrer und Schichtmeister-Vertreter. Und er habe immer sehr gut verdient, so Staudinger. Im Schichtdienst gab es Zulagen. Zudem war er Mitglied der Werkfeuerwehr und Sicherheitsbeauftragter.
Kündigung am Messstand
Ende Juni läutete ein Anruf während der Arbeit in der Messwarte das Finale ein. Wenig später hatte der Produktionsleiter Clemens Staudinger die Kündigung übergeben. Andere Kollegen, die zuhause waren, erhielten sie per Expressboten.
Dolan war die Firma bei der sich Clemens Staudinger einmal in Rente gehen sah. Doch daraus wird nichts. Dolan überlebte die Energiekrise nicht, so begründet die Geschäftsführung das Aus von Dolan.
Noch Arbeit bis Ende September
Drei Monate beträgt Staudingers Kündigungsfrist. Bis Ende September wird er noch im Schichtbetrieb arbeiten. In der Polymerisation, wo er tätig ist, entsteht längst nicht mehr das Vorprodukt für die Spezial-Acrylfaser, für die sich Dolan lange Zeit Weltmarktführer nennen konnte.
Über all die Jahre habe in der Dolan eine familiäre Atmosphäre geherrscht, die sie hier alle immer so schätzten. „Ich habe mich mit Dolan identifiziert“, sagt Staudinger. „Das war mein Arbeitgeber, die Arbeit, die Kollegen, das Ganze einfach.“
Letzter Auftrag: Anlagen spülen und leeren
Nun liegt Traurigkeit in der Luft, wenn sie zum „Abstellen“ der Produktion täglich die Drehkreuze zum Firmengelände passieren. „Es tut einfach weh“, sagt Staudinger. Den Kollegen gehe es genauso.
Ihr letzter Auftrag ist es, die Anlagen zu spülen und zu leeren. Weil die Dolan ein Störfallbetrieb ist, in dem chemische Gefahrstoffe genutzt wurden, geht auch das „Herunterfahren“ nur im Rund-um-die-Uhr-Schichtbetrieb. Auch wenn sich mittlerweile die Zahl der Kollegen pro Schicht reduziert hat. Staudingers Überwachungsjob geht weiter bis zum letzten Tag.
Bewerben und hoffen
Parallel müssen nun alle selbst aktiv werden, sich bewerben. Grundsätzlich gebe es viele offene Stellen am Markt, sagt Staubinger. Er hatte kürzlich ein Bewerbungsgespräch beim Verbund-Partner Kelheim Fibres. Die Antwort steht noch aus. Doch er hofft sehr, dass er dort in einem anderen Verfahren, als Anlagenfahrer einsteigen kann.
Viele junge Kollegen bewerben sich extern, schwierig werde es für die Älteren. Von der Politik würde sich Staubinger wünschen, dass sie „mehr für Industriestandort Deutschland tut“.
So erlebt der Betriebsrat die letzten Tage von Dolan
Betriebsrat: Der Betriebsrat führte in den vergangenen zwei Wochen viele Einzelgespräche mit den Kollegen, so Josef Rummel, der Vorsitzende des Gemeinschaftsbetriebsrats von Kelheim Fibres und Dolan. „Nicht alle waren daran interessiert.“ Für Rummel ist dies „verständlich, denn zu Zahlungen aus dem Sozialplan konnte ich keine Angaben machen, weil nicht bekannt ist, ob dafür Geld übrig bleibt“.
Job-Optionen: Bei Kelheim Fibres (KF) wurden seit Jahresbeginn keine Stellen mehr besetzt, sagt Rummel. Aktuell könnten diese mit Bewerbern von Dolan besetzt werden.
Bewerbertag: Deswegen sei auch der angekündigte Bewerbertag noch nicht geplant. Allerdings kämen Stellengesuche umliegender Firmen an und werden gesammelt. Der Bewerbertag dürfte bis September stattfinden.
Klagen: Bislang gebe es keine Klagen gegen die Kündigung, so Rummel. Bis Mitte kommender Woche wären diese theoretisch möglich.
Verhandlungen: Die Geschäftsführungen von KF und Dolan verhandeln laut Rummel um einen Anlagenteil, den KF auch nach der Stilllegung braucht. Für einen Teil der dort beschäftigten Mitarbeiter könnte der Arbeitsplatz durch einen Kauf erhalten werden.
