Neutraublinger Leerstände: Neue Visionen für den Schlangenbau

Thomas Kästle bastelt für das Projektbüro Stadtentwicklung im Auftrag der Stadt Neutraubling an neuen Ideen für die Stadtmitte. Bei einigen Objekten sind ihm die Hände gebunden. Der Eigentümer, die Dawonia, äußert sich zu den Gründen für den Stillstand.
Schon eine Tür neben seinem Büro begrüßen Thomas Kästle die ersten leeren Schaufenster in der Sudetenstraße. Das Neutraublinger Projektbüro Stadtentwicklung, das der Immobilienfachwirt leitet, ist selbst im Schlangenbau angesiedelt. In der unmittelbaren Nachbarschaft stehen immer mehr Geschäfte leer und geben so ein tristes Bild in der Stadtmitte ab. Kästle soll als Bindeglied zwischen Hauseigentümern und Stadt fungieren und vermitteln. Doch an den Leerständen in der Stadtmitte beißt er sich schon lange die Zähne aus.
Das Problem: Die Stadt ist bei den betroffenen Gebäuden nicht der Eigentümer. Dem bayerischen Immobilienunternehmen Dawonia gehören insgesamt 92 Wohnungen in der Sudetenstraße sowie zahlreiche Gewerbeflächen im Erdgeschoss. Nach Informationen der Stadt seien die Objekte für die nächsten Jahrzehnte per Erbpacht vom Freistaat an die Wohnungsbaugesellschaft vergeben. Während die Wohnungen darüber größtenteils vermietet sind, stehen mehrere Geschäfte leer. Eine Mitschuld an den Leerständen bestreitet die Dawonia. „An diesem Standort gibt es eine sehr geringe Nachfrage nach Gewerbefläche“, sagt Unternehmenssprecherin Maren Holtermann. Man sei seit längerer Zeit um eine Vermietung der Geschäfte bemüht. „Es ist ein schwieriges Marktumfeld mit niedrigen Mieten und einer sozial schwachen Mieterstruktur“, sagt Holtermann.
Gespräche mit der Dawonia liefen ins Leere
Auch im Stadtrat waren die Leerstände zuletzt Thema. „Wir haben in Neutraubling nicht das Problem des Mieters, sondern des Vermieters“, erklärte Bürgermeister Harald Stadler bei einer Sitzung. Fördermittel im sechsstelligen Bereich habe die Stadt nicht abrufen können, weil Anfragen an die Dawonia bisher ins Leere liefen. Der Stadt seien laut Stadler die Hände gebunden.
Nach einem Ortstermin vor einigen Monaten sei laut Thomas Kästle wieder Funkstille eingekehrt. „Es gab unverbindliche Gespräche mit der Stadtentwicklung Neutraubling für eine Zwischenmiete oder Zwischennutzung als Ausstellungsraum“, erklärt Sprecherin Maren Holtermann. Ein offizielles Mietangebot liege nicht vor.
Neutraublinger Schlangenbau „ein verstecktes Juwel“
Kästle übernahm das Neutraublinger Projektbüro vor gut einem Jahr. Eine seiner Kernaufgaben liegt im sogenannten Sanierungsgebiet Stadtmitte. „Wir haben gar nicht so viele Leerstände in Neutraubling. Im Schlangenbau aber begegnen sie uns sehr geballt“, sagt Kästle. Er sieht dort ein verstecktes Juwel. „Ich war von Anfang an total begeistert von der Architektur des Schlangenbaus“, erklärt er. Der Name Schlangenbau ist der langgestreckten Grundform geschuldet – schon zu Flugplatzzeiten wurde das Gebäude so genannt. Durch die Konkurrenz des Kaufparks tue sich der Einzelhandel dort aber erfahrungsgemäß eher schwer. Kästle könne sich stattdessen beispielsweise einen Seniorentreff oder auch Räumlichkeiten für Vereine vorstellen. „Kleine Geschäfte und Start-ups könnten auch frischen Wind in die Stadtmitte bringen“, sagt er. Vorbilder könnten Konzepte wie die Zwischenzeitzentrale in Bremen sein. Dort werden leerstehende Objekte zur Zwischennutzung für eine befristete Zeit und zu günstigeren Konditionen an kreative Interessenten vermietet. So entstehen zum Beispiel Ausstellungsräume und Kunstalteliers oder Pop-up-Läden für Selbstständige. „Ein solches Konzept könnte ich mir auch in Neutraubling gut vorstellen. Wir haben in der Stadt viele kreative Köpfe“, sagt Kästle. Und der Profi könnte zudem seine Unterstützung beim Erstellen eines Konzepts oder eines Businessplans anbieten. Doch Voraussetzung für so ein Projekt sei immer die Gesprächsbereitschaft der Eigentümer. „Wir hoffen, dass sich da in Zukunft etwas tut“, sagt Kästle.
Mit Bannern in den leeren Schaufenstern will Kästle Lust machen auf den Schlangenbau. Das Projektbüro will mit gutem Beispiel vorangehen und in den nächsten Wochen die eigenen Schaufenster aufpeppen.
„Eine bunte Nachbarschaft“ im Neutraublinger Schlangenbau
Auch die Geschäftsinhaber in der Nachbarschaft ärgern sich über die Leerstände. „Mehr Läden würden neue Laufkundschaft bedeuten“, sagt Anca Surdei-Rojner. Seit Mai 2021 betreibt sie mit ihrem Mann in der Sudetenstraße das rumänische Feinkostgeschäft Banatul. Sie entschieden sich damals bewusst für den Standort in der Stadtmitte. „Es ist hier eine sehr bunte Nachbarschaft. Wir wurden sehr gut aufgenommen“, sagt die Geschäftsinhaberin.
Es sei für sie am Anfang nicht einfach gewesen, einen Mietvertrag mit den Eigentümern zu schließen. „Immer wieder wechseln die Ansprechpartner. Es war ein Kampf über mehrere Monate.“ Dann renovierten die Geschäftsleute in Eigenregie die Räumlichkeiten. Ein neuer Boden, ein neuer Anstrich der Wände und die Reparatur der Elektrik beschäftigten sie gut einen Monat lang. Die gebürtige Rumänin sei froh, diesen Schritt gegangen zu sein. „Viele unserer Kunden – nicht nur aus Rumänien – wohnen in der Nachbarschaft. Es ist ein tolles Miteinander“, sagt Surdei-Rojner.
Kommentar: Die Neutraublinger Innenstadt will leben
Der Schlangenbau hätte das Zeug zur Flaniermeile. Eine Eisdiele, Imbisse und Restaurants sowie Naherholung am See in direkter Nachbarschaft bieten ideale Voraussetzungen für einen entspannten Spaziergang. Doch leere oder teils sogar zugeklebte Schaufenster in der Sudetenstraße vermiesen die Stimmung beim Bummeln. Diese Schönheitsfehler gilt es zu bekämpfen, wenn man die Innenstadt beleben möchte.
Zahlreiche Pendler zieht es wegen der großen Firmen zum Arbeiten nach Neutraubling. Doch nach Feierabend suchen viele schnell wieder das Weite. Ein attraktiver Stadtkern würde vor allem im Sommer zum Verweilen einladen. Die aktuellen Leerstände sind weder im Sinne der Stadt, noch der Eigentümer. Wie wäre es mit frischen Ideen für die Nutzung? Für die Umsetzung der Pläne müssen aber alle an einem Strang ziehen. Sowohl der Eigentümer als auch die Stadtverwaltung sollten sich an einen Tisch setzen – um die Neutraublinger Innenstadt so schnell wie möglich wieder mit Leben zu füllen.