Ein Sanierungsfall in bester Lage
Der Schlangenbau in Neutraubling ist eines der wenigen historischen Gebäude der Stadt, noch dazu in zentraler Lage. Doch der langgezogene Bau am Neutraublinger See ist alles andere als ein Schmuckstück, ganz im Gegenteil: Das Gebäude ist heruntergekommen, die leeren Ladenflächen wirken trostlos. Mieter klagen über den „jämmerlichen Zustand“. „Eigentlich sollte der Schlangenbau ein Aushängeschild sein“, findet Bürgermeister Harald Stadler (Freie Wähler). Doch die Stadt hat keinen Zugriff, das Gebäude gehört ihr nicht. Der Schlangenbau ist per Erbpacht vom Freistaat Bayern an das Wohnungsunternehmen Dawonia vergeben. „Uns sind die Hände gebunden“, sagt Stadler.
Zusammen mit den Offiziersbauten und dem Klosterbau bildet der Schlangenbau in der Sudetenstraße den historischen Kern der Stadt. „Daraus ist Neutraubling entstanden“, sagt Stadtarchivarin Petra Aichinger. Einst wohnten in den zwei Stockwerken die Mannschaften des ehemaligen Flugplatzes. Im Krieg wurde das rund 290 Meter lange und fast 14 Meter breite Gebäude nur teilweise zerstört und konnte so weiter genutzt werden. Zunächst sei aber Raubbau betrieben worden, berichtet Aichinger. Mauersteine, Dachziegel, Fenster: „Man hat sich bedient.“ Ab 1948 sei das Gebäude dann nach und nach wiederaufgebaut worden. „Das Dach war zur Hälfte kaputt, da wurden sogar Ziegen gehalten.“
Keimzelle der späteren Stadt
In den Nachkriegsjahren bot der Schlangenbau aber nicht nur Wohnraum, sondern entwickelte sich zur Keimzelle der späteren Stadt: „Alles war dort untergebracht, von der Nähstube bis zur Polizei, von der Arztpraxis bis zur Schule“, erzählt die Stadtarchivarin. 19 Betriebe habe es dort 1951 gegeben. „Mit 529 Bewohnern war es damals außerdem das größte Wohngebäude im Landkreis.“ Der Name Schlangenbau ist der langgestreckten Grundform geschuldet – schon zu Flugplatzzeiten wurde das Gebäude so genannt.
Heute gibt es nach Angaben der Dawonia insgesamt 80 Wohnungen und 19 Gewerbeeinheiten im Schlangenbau. Das Gebäude ist noch für weitere 40 Jahre per Erbpacht an das Unternehmen vergeben. Alle Wohnungen seien komplett vermietet, von den Gewerbeflächen stehe „eine kleine Anzahl leer“, teilt das Unternehmen mit. Zu Neuvermietungen der Gewerbeflächen könne man aktuell keine Aussage treffen, so die Auskunft. Schlendert man am Schlangenbau entlang, wirkt – grob geschätzt – etwa ein Drittel der Ladenfläche verwaist.
Dieser Leerstand ist Bürgermeister Stadler ein Dorn im Auge. Er habe den Eindruck, dass sich die Dawonia nicht genug um die Vermietung kümmere.
Neubauprojekt an der Bayerwaldstraße
Auch bei einem anderen, unschönen Fleck in Neutraubling ist die Dawonia mit im Spiel: beim alten Netto-Areal an der Bayerwaldstraße. Dort soll es nach Auskunft des Unternehmens aber bald vorwärts gehen. 35 neue Wohnungen sind demnach geplant, Baustart ist für Herbst 2022 anvisiert. 2024 sollen die Wohnungen voraussichtlich bezugsfertig sein.
Wiederaufbau: Nachfolge:
Die Landeswohnungsfürsorge Bayern GmbH beteiligte sich nach Auskunft des bayerischen Bauministeriums am Wiederaufbau zerbombter Städte. 1961 wurde ihr demnach unter anderem eine Fläche vom Freistaat Bayern in Neutraubling im Wege eines Erbbaurechts bis ins Jahr 2062 überlassen. Damit verbunden war das Recht und die Pflicht, das auf dem Grundstück befindliche „luftkriegsgeschädigte ehemalige Kasernengebäude (sogenannter Schlangenbau)“ für Wohnzwecke zu ertüchtigen.Rechtsnachfolger der Landeswohnungsfürsorge Bayern GmbH war laut Bauministerium die Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft GmbH. Nach deren Verkauf 2013 wurde die Dawonia GmbH Inhaberin des Erbbaurechts. Grundsätzlich bestünde die Möglichkeit, dass die Stadt Neutraubling das Erbbaurecht von der Dawonia erwirbt. Weitere Erbbaurechtsverträge des Freistaates, die Gebäude in Neutraubling betreffen, gibt es demnach nicht.
Darüber hinaus plant die Dawonia nach eigenen Angaben in den Höfen der Wohnanlage in der Schlesischen Straße 4 bis 26 insgesamt 98 neue Wohnungen in sechs Gebäuden. Der Bauvorbescheid dafür wurde bereits vor einiger Zeit erteilt. Ein Bauantrag liegt nach Auskunft der Stadt aber noch nicht vor. Außerdem hat die Dawonia vor, weitere 105 Bestandswohnungen in dieser Wohnanlage energetisch zu modernisieren. Das Projekt befinde sich aber noch in der Planungsphase, teilt das Unternehmen mit. Insgesamt wolle man am Standort Neutraubling einen „mittelgroßen, zweistelligen Millionenbetrag“ investieren.
Eine Modernisierung des Schlangenbaus ist laut Dawonia derzeit aber nicht geplant. Bürgermeister Stadler befürchtet, dass sich der Zustand des Gebäudes in Zukunft noch weiter verschlechtern wird: „Wenn das noch 40 Jahre so weiter geht, wäre das eine Katastrophe.“