Kühe füttern statt Kleben fürs Klima: Aktivisten arbeiteten auf Hof in Oberndorf mit

„Hof mit Zukunft“ heißt ein Format, bei dem Aktivisten in einem landwirtschaftlichen Betrieb mitarbeiten. Einer von 30 Höfen in Deutschland war in diesem Jahr der Betrieb von Familie Heigl aus Oberndorf bei Miltach. Das Fazit fiel am Ende gemischt aus.
Geht es ums Thema Landwirtschaft, sind sich die meisten einig: Den Tieren soll es gut gehen; die Bauern sollen von ihrer Arbeit leben können; und gewirtschaftet werden soll nicht auf Kosten, sondern im Einklang mit der Natur. Wie aber dieses Ideal leben, wie diese Ziele erreichen? Da driften die Vorstellungen häufig auseinander – zum Beispiel bei Klima-Aktivisten und Landwirten.
Hier setzt „Hof mit Zukunft“ an, bei dem Aktivisten in einem landwirtschaftlichen Betrieb mitarbeiten. Einer der deutschlandweit 30 Höfe, die in diesem Jahr mitmachten, war der Betrieb von Familie Heigl aus Oberndorf. Vom 15. bis 18. Juni waren Simone Rath aus Hutthurm (41, Germanistin, früher engagiert bei GermanZero, jetzt Letzte Generation) und Johannes Kiefl aus Berlin (33, Projektkoordinator bei der Kampagne Meine Landwirtschaft) zu Gast auf dem Hof. Am Ende stand die Erkenntnis: „Wenn jeder ein Stück auf den anderen zugehen würde, würde es funktionieren“ (Andreas Heigl).
„Hof mit Zukunft“: Viel gefragt und diskutiert
Wer bei „Hof mit Zukunft“ dabei sein will, muss sich bewerben. Lucia Heigl wollte unbedingt dabei sein. Die 52-Jährige, die den Milchviehbetrieb (80 Kühe, 70 Hektar Anbaufläche) mit Ehemann Sepp und dem ältesten Sohn Andreas führt – die anderen drei Kinder haben beruflich einen anderen Weg eingeschlagen – engagiert sich in der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), arbeitet in einem Notariat, hat die Selbsthilfegruppe Brustkrebs gegründet.... ist kurzum in vielen Bereichen engagiert. Mit Themen wie der Zukunftssicherung der Landwirtschaft setzt sie sich intensiv auseinander.
Unvoreingenommen seien beide Seiten aufeinander zugegangen, sagt Lucia Heigl im Rückblick. Simone Rath und Johannes Kiefl seien sehr bemüht und interessiert gewesen, hätten mit angepackt und viel gefragt, aber auch bei „allen Gelegenheiten diskutiert“. Weil das Heu schon eingefahren war – „wenn du den ganzen Tag auf’m Bulldog sitzt, hast keine Zeit zum Reden“ –, gab es dafür genügend Zeit. Die beiden richteten das Futter für die Kühe her oder halfen bei der Instandsetzung eines Zufahrtswegs. Kiefl gehört dem Organisationsteam von „Hof mit Zukunft“ an, die Arbeit auf einem Hof war ihm nicht fremd. Simone Rath stammt aus einem Gemüseanbau-Betrieb, ist Mitglied eines Solawi-Betriebs (Solidarische Landwirtschaft), hatte aber keine Hof-Erfahrung. Sie ist Vegetarierin, trinkt keine Kuhmilch und bewarb sich bewusst für einen konventionellen Hof. Bei einem Biohof gehe man davon aus, dass dort „anders gearbeitet“ werde. Jetzt wisse sie: „Es gibt so viele Zwischenstufen zwischen Bio und konventionell. Es ist schwierig, das dem Verbraucher klar zu machen.“ Bio sei nicht zwangsläufig besser, und auch konventionelle Betriebe könnten umweltfreundlich arbeiten. „Wir brauchen einfach die kleinbäuerliche und mittelgroße Struktur.“
Nachfragen, warum die Heigls nicht auf Bio umstellen, gab es trotzdem. Andreas Heigl erklärte Simone Rath, dass der Betrieb – ohne Flurbereinigung – viele kleine, nicht zusammenhängende Flächen habe. Eine Weidehaltung sei dadurch nicht möglich. Diskussionen gab es auch bei anderen Themen. Zum Beispiel Monokultur. Heigl jun.: „Ich baue auf meinen kleinen Feldern nicht auch noch verschiedene Getreidesorten an. Außerdem arbeiten wir mit Fruchtfolge, das ist keine Monokultur.“ Oder Insektensterben. „Die Bremsen in der Wiese waren dann aber auch nicht willkommen.“ Als die Feuerwehr-Sirene losging, fragte die Aktivistin nach, ob damit zu jeder Tages- und Nachtzeit alarmiert werde? Lucia Heigl: „Ständig wird vom Solidargedanken geredet. Ein Hof ist tatsächlich auch fürs Dorfleben wichtig, und sei es nur, weil ein Landwirt tagsüber mit der Feuerwehr ausrücken kann; oder den Hoflader für den Aufbau eines Festes hat. Das Soziale, der ideelle Mehrwert eines Bauernhofs lässt sich nicht monetär abbilden.“
„Hof mit Zukunft“: Reden oder davon leben
Simone Rath weiß, dass es ein Unterschied ist, „ob ich von der Landwirtschaft leben muss oder wie ich eine andere Sicht drauf haben kann“. Dass sich „das große Ganze ändern“ müsse, darüber sind sich beide Seiten einig. Aber, sagt Lucia Heigl: „Vom Idealismus kann ich nicht runterbeißen. Ein Hof ist auch ein Wirtschaftsunternehmen. Aber jeder kann seinen persönlichen Beitrag für eine positivere Zukunft leisten – wo auch immer er im Leben steht. “ Den Vorgaben der Aktion „Hof mit Zukunft“ gemäß, formulierten die Aktivisten und die Familie unter anderem diese Forderungen: Agrar-Gelder an Umwelt- und Gemeinwohlleistungen statt an Flächen koppeln; Kennzeichnungspflicht von gentechnisch veränderten Lebensmitteln erhalten; Bildungsinhalte an Schulen und in der Ausbildung von Landwirten reformieren. Für Simone Rath war es eine „wertvolle Erfahrung“. Man müsse miteinander reden, „wir haben alle dasselbe Ziel“. Die Familie will im nächsten Jahr wieder mitmachen – auch wenn sie sagt: „Wir hätten nicht gedacht, dass unsere Einstellungen und Lebensgestaltungen so weit auseinander liegen.“
Hintergrund
Die Aktion: „Hof mit Zukunft“ ist eine Aktion des „Wir haben es satt!“-Bündnisses, das zur Kampagne „Meine Landwirtschaft“ gehört. Dabei verbringen Aktivisten für eine klimagerechte und nachhaltige Welt ein Wochenende auf einem – konventionellen oder Bio – Bauernhof und arbeiten im landwirtschaftlichen Betrieb mit.
Das Ziel: Während der gemeinsamen Zeit soll über die Zukunft der Landwirtschaft diskutiert werden: Wie sieht die Realität auf einem landwirtschaftlichen Betrieb aus? Wie kann der Umbau der Landwirtschaft klappen und was muss sich politisch ändern, damit die Höfe eine gute Zukunft haben? Wie können wir Landwirtschaft, Artenvielfalt und Klimaschutz wieder in Einklang bringen? Welche Verantwortung haben die Konsumenten? Diese und andere Fragen besprechen Aktivisten für Klimagerechtigkeit, Umwelt- und Tierschutz und für gutes Essen für alle bei Hof mit Zukunft mit Bäuerinnen und Bauern.
Das Bündnis: Im „Wir haben es satt!“-Bündnis engagieren sich konventionelle und Bio-Landwirte, Lebensmittelhandwerker, Natur-, Umwelt- und Tierschützer, Aktive der Entwicklungszusammenarbeit, Jugendliche und Bürger. Seit 2011 organisiert das Bündnis zum Auftakt der Agrarmesse „Grüne Woche“ in Berlin eine Demo für bäuerliche Betriebe und eine ökologischere Landwirtschaft (Quelle: wir-haben-es-satt.de). Zum Trägerkreis des Bündnisses gehört auch die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), der auch Familie Heigl aus Oberndorf angehört. Lucia Heigl war „bestimmt schon zehn Mal“ bei der Demo in Berlin dabei.

