Raubüberfall in Undorf nach vier Jahren geklärt: Kinder gaben entscheidende Hinweise

Die zehn und zwölf Jahre alte Zeugen hatten die Tat im Landkreis Regensburg beobachtet und konnten wichtige Informationen liefern, doch entscheidende Teile im Puzzle fehlten zunächst – auch die Sendung Aktenzeichen xy brachte die Ermittler nicht weiter. Doch irgendwann war klar: Hier hatte jemand Insiderwissen. Zwei Personen sitzen jetzt in Untersuchungshaft.
Der Raubüberfall auf den Netto-Verbrauchermarkt in Undorf vor vier Jahren hatte bundesweit Schlagzeilen gemacht – denn die Polizei suchte auch die Hilfe der Zuschauer der ZDF-Sendung „Aktenzeichen xy ungelöst“. Doch ans Ziel führten neben intensiver Ermittlungsarbeit vor allem zwei damals zehn und zwölf Jahre alte Augenzeugen. Sie hätten, so formulierte es am Donnerstag Oberstaatsanwalt Thomas Rauscher bei einer Pressekonferenz, „extrem wichtige und wertvolle Beobachtungen“ weitergegeben. Die beiden Täter sitzen seit wenigen Tagen in Untersuchungshaft, gab stellvertretender Kripo-Chef Andreas Rußwurm den Ermittlungserfolg bekannt.
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Mit einer Waffe und einem Brecheisen ausgestattet, hatte sich der mutmaßliche Haupttäter – unter dringendem Tatverdacht steht ein damals 19-Jähriger aus dem Landkreis Kelheim – am 26. Juli 2022 kurz vor Ladenschluss in den Supermarkt am Ortsrand von Undorf einschließen lassen. Er bedrohte zwei Angestellte und ließ sich in den Tresorraum führen. Dort musste ein Angestellter mit dem Brecheisen den Tresor aufstemmen. Später sei noch eine Metzgereiverkäuferin hinzugekommen, die ebenfalls bedroht worden sei. Dass es sich bei der Waffe um eine Schreckschusspistole handelte, hätten die unbeteiligten Opfer nicht gewusst. „Sie sahen den Lauf einer Waffe“ und entsprechend schwer habe das Ereignis auf ihnen gelastet, fasste Rußwurm die nachhaltigen Auswirkungen für die Belegschaft zusammen. Der Einwurf „unbeteiligte Mitarbeiter“ spielt in diesem Zusammenhang allerdings eine wichtige Rolle, denn wie sich nun herausstellte, war wohl eine heute 34-jährige Angestellte des Supermarkts Tatkomplizin.
Mobilfunkdaten führten auf Spur der Mitarbeiterin
Sie habe kurz vor Ladenschluss mit dem jungen Täter telefoniert, wie nun Mobilfunkdaten offenbarten. Sie wusste wohl auch, dass sich im Tresor die Einnahmen aus vier Öffnungstagen befanden. Rund 18 000 Euro, die der Täter in einen Rucksack packen ließ und damit flüchtete. Ein Auszubildender verfolgte ihn noch, doch dieser gab drei Schüsse aus der Waffe ab und schaffte es, sich vom Tatort zu entfernen. Auch ein sofort angeforderter Polizeihubschrauber brachte keine Spur mehr zum Täter.
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Doch der junge Mann wurde von den beiden Kindern beobachtet. Sie konnten eine detaillierte Personenbeschreibung abgeben, konnten einen Toyota Yaris mit einer Frau am Steuer als möglichen Fluchtwagen identifizieren und sich auch noch teilweise an das Kennzeichen erinnern. Zudem hatten sie den Tatablauf außerhalb des Marktes als Augenzeugen verfolgt. Trotz der intensiven Maßnahmen hätten sich aber zunächst dadurch keine ausreichenden Hinweise auf einen Tatverdächtigen ergeben. Der Fall sei 2023 zur „kalten Akte“ geworden. Auch der Aufruf bei Aktenzeichen xy im darauffolgenden Jahr habe zwar einen sehr guten Hinweis erbracht, aber auch dieser habe die Ermittler „erneut auf eine falsche Fährte“ geführt, sagte Rußwurm.
Durchsuchungsantrag bei Toyota Belgien eingereicht
Weil Raubüberfälle mit Schusswaffengebrauch erheblich das Sicherheitsempfinden der Bevölkerung beeinträchtigen, habe man aber weiterhin versucht, nach neuen Ansätzen zu suchen, so Rauscher. Dabei ging man auch ungewöhnliche Wege. Weil das Unternehmen Toyota sich weigerte, die in den Fahrzeugen verbauten SIM-Karten auslesen zu lassen, habe man eine Anordnung auf Durchsuchung von Toyota in Belgien gestellt. Daraufhin habe der Autobauer eingelenkt, berichtete der Oberstaatsanwalt.
Wie sich nun herausstellte, hatten die Kinder von einem R-Kennzeichen gesprochen. Tatsächlich war der Yaris aber unter einem „RID“ für Riedenburg zugelassen. Als sich der Verdacht auf Insiderwissen erhärtete, ging alles ganz schnell: Am 6. August wurden Durchsuchungsbeschlüsse der Staatsanwaltschaft vollzogen und dabei mehrere Mobiltelefone sichergestellt. Deren Auswertung sowie die Analyse weiterer Daten und Chatverläufe führten zu neuen Erkenntnissen über den Tatablauf und die Tatbeteiligten, erläuterte Rußwurm. Die Fahrerin des Fluchtfahrzeugs konnte identifiziert werden. Die zum Tatzeitpunkt 18-jährige Frau bestätigte bei ihrer Vernehmung wesentliche Ermittlungshypothesen. Noch am selben Tag wurde die Netto-Mitarbeiterin verhaftet und in eine Justizvollzugsanstalt überstellt. Der heute 23-jährige Haupttäter meldete sich am 10. August mit einem Rechtsbeistand bei der Polizei in Regensburg. Auch er sitzt in Untersuchungshaft. Die Schreckschusswaffe sei bei der Durchsuchung nicht gefunden worden, aber das damals benutzte Mobiltelefon, sagte der stellvertretende Kripochef.
Die beiden Hauptbeschuldigten hätten bislang keine Angaben zur Tat gemacht, sagte Rauscher. Der ehemaligen Netto-Mitarbeiterin droht im Falle einer Anklage wegen besonders schwerer räuberischer Erpressung eine Freiheitsstrafe zwischen fünf und 15 Jahren, der Haupttäter fällt als Heranwachsender noch unter das Jugendstrafrecht. Beide Beschuldigten seien bislang nicht relevant vorbestraft. Die drei Tatbeteiligten seien in einer „Bekanntschaft“ zueinander gestanden.
Mehrfach hoben Rauscher und Rußwurm die Rolle der Kinder hervor. „Auch wenn uns die Beobachtungen anfangs nicht weiterbrachten: Die jungen Zeugen waren für die positive Wendung in dem Fall verantwortlich.“