Im vergessenen Klettergebiet des Altmühltals: Redakteurin im Selbstversuch bei Essing

Jeden Dienstag erkundet der Klettertreff des Deutschen Alpenvereins der Sektion Kelheim das vergessene Klettergebiet des Altmühltals. Mit dabei: unsere Stipendiatin Lilly Mantel. Sie begibt sich mit der Gruppe auf ein kleines Abenteuer bei Essing (Landkreis Kelheim).
Noch ein kleines Stück. Zentimeter für Zentimeter schiebe ich mich weiter nach oben. Dann umschließen meine Finger endlich den Stein. Erleichterung. Ich atme aus. Und nun? Ich schüttele den linken Arm aus, greife hinter mich in meinen Chalk-Beutel und bereite mich auf den nächsten Zug vor.
Jeden Dienstag trifft sich die Klettergruppe von Matthias Flotzinger (36). Er ist ehrenamtlich beim Deutschen Alpenverein (DAV) in der Sektion Kelheim als Sportklettertrainer tätig und klettert selbst seit 12 Jahren. Heute geht es mit dem Klettertreff nach Essing (Landkreis Kelheim) ins untere Altmühltal. Dort will die Truppe die Routen am Wildwechsel ausprobieren. „Das ist ein richtig guter Anfängerfelsen“, sagt Christian Bodem (39). Er ist ebenfalls Leiter einer Klettergruppe beim DAV – für Eltern und Kinder.
Altmühltal: Ein Vergessenes Klettergebiet
Gut für mich. Am Felsen war ich selbst noch nicht unterwegs. Nur in der Halle habe ich mich beim Klettern schon ausprobiert. Allerdings nicht am Seil, sondern an der kurzen Wand beim Bouldern. Ein bisschen aufgeregt bin ich schon.
Das Altmühltal sei ein großes, aber eher vergessenes Klettergebiet, sagt Bodem. Viele moderne Routen gäbe es hier nicht. „Man muss schon wissen, was man macht“, so der DAVler. Klettern dürfe hier eigentlich jeder. „Es empfiehlt sich trotzdem, dass man bei einer Sektion wie bei unserer einen Kletterkurs macht“, sagt Bodem. Klettern sei ein Sport, bei dem wenig Fehler passieren. „Kein hohes Verletzungsrisiko. Aber wenn was passieren würde, wäre es schlimm“, so Bodem.
Vom Parkplatz aus geht es zuerst über den Tatzelwurm. Nach ein paar Metern auf dem Kiesweg, biegt die Truppe auf einen kleinen, unscheinbaren Trampelpfad ein. „Fast verpasst“, sagt Bodem. Dann geht es zwischen Gebüsch und Bäumen nach oben. Noch einmal ums Eck und dann offenbart sich das massive Felskonstrukt vor uns. Es ist vielleicht 17 Meter hoch – für mich als Anfängerin sieht das gigantisch aus.
Im Altmühltal: Vereinbarung zwischen Naturschutz und Kletterern
Dass wir hier entspannt inmitten der Natur klettern dürfen, war nicht immer ein Selbstverständnis. In den 1980er Jahren kam es zwischen Kletterern und Naturschutzbehörden häufiger zu Konflikten. Daraufhin wurde eine Kletterkonzeption entwickelt, sagt Flotzinger. Zu beachten: vorhandene Parkplätze und Zustiege aus Kletterführern nutzen, alles wieder mitnehmen sowie Felssperrungen beachten.
Nach einer kleinen Runde aufwärmen, geht es los. Am angeschrägten Hang, steige ich vorsichtig in den Klettergurt, schnalle mir meinen Chalk-Beutel um und ziehe den Helm fest. Chalk ist übrigens Magnesium. Auch Turner benutzen die Kreide, um einen sicheren Griff zu garantieren. Bevor ich meine Hände um den ersten Felsgriff lege, checkt Flotzinger nochmal, dass auch alles gesichert ist.
Beim Partnercheck fragen sich der Sichernde und der Kletterer, ob alles rund um die Sicherung passt. Sitzt der Gurt richtig, passt das Sicherungsgerät, ist am Ende des Seils ein Knoten? Ja? Dann kann es losgehen.

Beim Klettertreff: Nette Leute, Spaß und Sicherheit
Ich lege beide Hände an den Felsen, atme noch einmal durch und platziere dann auch meine Füße. Doch bei der ersten Route komme ich nicht weit. Nach ein paar Metern ist Schluss. Da helfen auch die Anweisungen von Bodem nicht, der in meiner Nähe auf einem Felsvorsprung steht. Ich finde einfach keine Position für meine Füße, die sich sicher anfühlt.
Seit 2023 organisiert Flotzinger den Klettertreff. Den hat er von seinem Kollegen Bodem übernommen, der ihn vor 13 Jahren gegründet hatte. Vor allem die Sicherheit sei für Flotzinger essenziell. „Es ist wichtig, dass es Spaß macht und nichts passiert“, sagt Flotzinger. Für Bodem stehe auch im Fokus, „dass man rauskommt, nette Leute trifft“.
Stück für Stück: Klettern im Altmühltal
Ich wage einen zweiten Versuch an einer anderen Route. Lange brauche ich, bis ich um die Crux, die schwierigste Stelle einer Route, gekommen bin und merke, dass die größte Hürde nicht die Kraft oder Technik, sondern der Kopf ist. Doch dann läuft es ganz gut. Immer wieder nehme ich mir Zeit, um mir Sicherheit zu geben. Bodem, der mich unten sichert, spannt das Seil. So kann ich mich in den Gurt legen, durchatmen. „Super machst du das“, ruft Bodem von unten.
Im Kopf denke ich jeden Zug mit. Den rechten Fuß ein bisschen höherstellen und dann das Gewicht nach drüben verlagern. Wieder ein Griff nach oben. Stück für Stück schiebe ich mich so den Fels entlang. Die nächste Öffnung zwischen dem Gestein ist voll mit Blättern. Ich streiche darüber, versuche sie herauszubekommen, damit meine Hand etwas mehr Platz hat. Noch ein Zug und dann hab ich es geschafft. Es ist ganz schön hoch hier oben. „Zu“, rufe ich nach unten. Während mich Bodem langsam abseilt und der sichere Boden unter meinen Füßen immer näher kommt, denke ich: Das könnte man öfter machen.
