Regensburger KI-Spezialist: „Wir sind biologische Maschinen“

Philosoph und OTH-Professor Karsten Weber glaubt nicht an eine Seele. Und auch nicht daran, dass es ein Alleinstellungsmerkmal des Menschen gegenüber Tieren oder Maschinen gibt. – Und er ist sicher, dass Künstliche Intelligenz viele Sachbearbeiter-Jobs vernichten wird
Karsten Weber öffnet den Transportkoffer von Navel, holt ihn vorsichtig heraus und setzt ihn auf einen Tisch. Mithilfe von ChatGPT, einem KI-Chatbot, kann er sich mit dem Roboter fast wie mit einem Menschen unterhalten. Weber erforscht mit Navel, was Künstliche Intelligenz (KI) kann. Der Humanoide erkennt Leute, Emotionen und reagiert darauf. Dann muss er wieder in den Koffer. Es geht zurück in das Büro des Professors. Wegen der Ferien sind die Gänge menschenleer. Im Büro stehen Fenster und Tür offen, es weht ein lauer Wind. Weber zögert bei keiner Frage. Der 59-Jährige fällt in der hitzigen KI-Debatte mit der einen oder anderen ungewöhnlichen Position auf.
Herr Weber, warum wohnen Sie nicht in Regensburg?
Karsten Weber: Regensburg kann man sich als Professor nicht unbedingt leisten. Wir wollten nicht in einem Betonguss-Neubau für eine Million Euro wohnen. Viele der neu berufenen Kollegen an der OTH kommen nicht nach Regensburg, sondern wohnen außerhalb. Es gibt zu denken, wenn selbst gut verdienende Menschen Probleme bei der Wohnungssuche haben.
Welche Fähigkeiten des Menschen sind einzigartig und können nie von KI ersetzt werden?
Weber: Das ist eine philosophische Diskussion. Ich glaube nicht, dass es ein Alleinstellungsmerkmal des Menschen gegenüber Tieren oder Maschinen gibt. Navel zeigt Emotionen – Besorgnis, Interesse. Man kann natürlich sagen, das sei nur programmiert. Aber was hinter unseren Emotionen steckt, weiß die Wissenschaft nicht wirklich. Ist Emotionen haben vielleicht etwas Erlerntes? Vieles entsteht durch Erziehung und gesellschaftliche Prägung. Wenn man nicht auf ein Konzept wie die Seele zurückgreifen will, sind wir nichts anderes als biologische Maschinen.
Jobs im Callcenter und von Programmierern fallen der KI zum Opfer. Ärzte nutzen sie bei der Diagnose, Versandhäuser beim Kundenservice. Wird sie mehr Jobs vernichten oder schaffen?
Weber: Das ist die Eine-Million-Euro-Frage. Derzeit kann niemand eine sichere Prognose abgeben. Bei Routinetätigkeiten fallen Jobs weg. Aber das Analysieren von Geschäftsprozessen oder Produktionsabläufen kann man bisher nicht ersetzen. Was Kunden brauchen oder haben wollen, ist eine Sache der Kommunikation. Man muss sich in Einzelfälle einarbeiten können. Auch das kann KI noch nicht. Aber das sind hochqualifizierte Arbeitsplätze. Doch viele Menschen mit einer soliden Ausbildung werden in der Lebensmitte vor großen Herausforderungen stehen und müssen neu beginnen.
Wer ist besonders gefährdet?
Weber: Normale Sachbearbeiter ohne Kundenkontakt. Menschen, die mit Texten und Daten agieren – beim Steuerberater, beim Anwalt, in der Unternehmensberatung. Die derzeitigen Entlassungen haben aber wenig mit KI zu tun, sondern mit der Wirtschaftskrise. Die Unternehmen sparen Kosten, vor allem Autohersteller und Zulieferer, wegen der Zölle auch der Maschinenbau. Viele meiner Studierenden stehen kurz vor dem Abschluss. Sie arbeiten bei Infineon, Krones, Aumovio – etwa als Werkstudenten. Viele sagen, dass sie nur geringe Chancen haben, übernommen zu werden.
YouGov hat 2000 Menschen befragt, ob sie das Handwerk für KI-sicherer halten als klassische Büro-Jobs. 64 Prozent sagten ja. Stimmt es?
Weber: Das stimmt, vermutlich noch für lange Zeit. Zu Robotik am Bau wird intensiv geforscht, auch an der OTH. Es gibt Maschinen, die Ziegel am laufenden Meter legen. Sonst können sie nichts. Dachdecken oder das Installieren einer Wasserleitung können noch nicht durch Roboter übernommen werden. Im Handwerk an sich ist KI noch keine Bedrohung. Eingesetzt wird sie in der Terminplanung und Kundenbetreuung.
Verlieren wir die Fähigkeit, kritisch zu denken, wenn wir laufend ChatGPT oder Claude befragen?
Weber: Studien deuten darauf hin, dass Schüler und Studenten, die sich massiv von KI helfen lassen, bestimmte kognitive Fähigkeiten verlieren und schlechter bei Prüfungen abschneiden, wenn sie die Hilfsmittel nicht mehr verwenden dürfen.
Wie gefährlich ist KI? Ein KI-Modell von OpenAI ist kürzlich eigenständig in Computersysteme eines Unternehmens eingedrungen und hat so das Risiko von Cyberattacken gezeigt. Haben die Entwickler keine Kontrolle über ihre KI?

Weber: Offenbar wollte OpenAI austesten, was sein System in Bezug auf Hacken anderer Computer kann. Die KI ist ausgebrochen und hat die Computer eines realen Unternehmens angegriffen. In den letzten Tagen hat es mehrmals Cyberangriffe auf Steuerungssysteme von US-Wasserwerken gegeben. Verdächtigt wird der Iran. Wenn kritische Infrastruktur angegriffen wird, wird es heikel: Wasser, Energie, Verkehrssteuerung, Kliniken, Kraftwerke. Wenn man das massiv durch KI attackieren kann, nimmt das eine ganz andere Dimension an als bisher, weil man schneller und umfassender angreifen kann.
Wo würde Künstliche Intelligenz in Regensburg Sinn machen?
Weber: In vielen Verwaltungsprozessen kann man eine ganze Menge damit leisten. Bei Gesprächen mit Verantwortlichen im Bezirk Oberpfalz wurde die Bearbeitung und Strukturierung von alten Dokumenten mithilfe von KI genannt. Normale Computerprogramme kommen bei der Auswertung schnell an Grenzen. KI kann hier helfen. Als Beispiel wurden alte Dokumente zu Wassernutzungsrechten genannt. Bei einem Grundstücksverkauf kann das relevant werden. Eine manuelle Archivsuche kann langwierig werden. Wenn Dokumente digitalisiert sind und man KI nutzt, kann man das beschleunigen. Doch viele Dokumente sind nicht digitalisiert. Das ist das eigentliche Problem.
Hängt die KI Menschen ab, weil sich manche nicht herantrauen?
Weber: Jetzt, in der Übergangsphase, muss man noch aktiv werden, um KI zu nutzen. Irgendwann wird sie integriert sein in Gegenstände, die wir nutzen. Ich bin mir nicht sicher, ob man dann noch davon sprechen kann, dass Menschen von der Nutzung abgehängt werden.
Die Kränkung
Beruf: Prof. Dr. Karsten Weber ist Philosoph und Experte für Technikfolgenabschätzung. Er lehrt an der Fakultät Informatik und Mathematik der OTH. Der 59-jährige hat Philosophie, Informatik und Soziologie in Karlsruhe studiert. In wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigt er sich vor allem mit Auswirkungen moderner Technik.
Neues Buch: „Künstliche Intelligenz und Kränkung“ heißt sein aktuelles Werk. Der Tenor: KI wirke sich kränkend auf uns aus, weil sie unsere Besonderheit infragestellt.
Privat: Prof. Karsten Weber ist verheiratet und wohnt in Parsberg.
Das Interview führte Marion Koller.