Nonnen auf virtueller Weltreise: Warum ein Neumarkter Seniorenheim VR-Brillen einsetzt

„Ui, die Berge!“ Schwester Edigna ist begeistert. Den Mariahilfberg meint die bald 90-Jährige damit nicht. An dessen Fuß liegt zwar das Seniorenheim im Neumarkter Kloster St. Josef, Edigna schaut aber auf tausende Kilometer entfernte Berge in Kanada. Nicht am Fernsehen, vielmehr ist die Nonne mittendrin. Dank Virtual-Reality-Brille. Was macht eine Nonne mit derartiger Technik?
Heimleiterin Eva Maria Andraschko ist es an der Stimme anzuhören. Sie ist kaum weniger begeistert als die an sich zur Zurückhaltung erzogenen Nonnen. Drei dieser Brillen hat das Alten- und Pflegeheim St. Alfons von einer Beilngrieser Firma angeschafft. Wer sie über den Kopf streift, findet sich schnell an einem anderen Ort wieder.
Man hat einen Rundum-Blick, egal ob man an Deck eines Schiffs steht auf der Fahrt über die Moldau an Prags Sehenswürdigkeiten vorbei, Riesenschmetterlinge in Mexiko beobachtet oder durch Notre-Dame in Paris läuft. Wenig überraschend berichtet Betreuerin Montana Salvini: „Kirchen sind bei den Nonnen sehr beliebt.“ Die Auswahl ist groß. Das Angebot an Filmen, aus dem die Schwestern wählen können, wechselt zudem regelmäßig.
Neumarkter Nonne reist virtuell von den kanadischen Bergen zum Marienplatz
Der Renner unter den Schwestern ist der Bummel über den Marienplatz in München. „Der Marienplatz, die Frauenkirche. Oh, schön. Dass man sich das nochmal im Alter so anschauen kann. Als wäre man mittendrin“, freut sich Schwester Edigna, die vorher noch in den kanadischen Bergen war.
Ihre Mit-Schwester Helmine arbeitete mehrere Jahre als Kindergärtnerin in der Landeshauptstadt und kehrt immer wieder gerne dorthin zurück – und sei es virtuell. „Der blaue Himmel über München. So schön“, sagt sie, während sie den Kopf mit dem Brillengehäuse vor den Augen in den Nacken legt, den Blick auf die weiße Decke gerichtet.

Der virtuelle Spaziergang setzt nicht nur bei Schwester Helmine positive Gefühle frei. Nicht jeder der Heimbewohner ist noch so rüstig wie sie. „Wir haben auch Bewohner, die an Demenz erkrankt sind und manchmal recht unruhig sind. Mit den VR-Brillen haben wir bei ihnen ganz erstaunliche und erfreuliche Erfahrungen gemacht“, sagt Andraschko.
Der virtuelle Ausflug an einen See mit Wassergeräuschen und Vogelgezwitscher beruhige diese Bewohner. „Und auch danach, wenn wir die Brille abnehmen, sind sie viel entspannter und glückselig.“
Die VR-Brillen haben zudem weitere Nebeneffekte, die die Heimleiterin bei der Anschaffung mit eingerechnet hat. „Wir wissen sehr wohl, was für einen anstrengenden Job unsere Mitarbeitenden hier machen“, sagt Andraschko. Die VR-Brillen ermöglichten den Mitarbeitern eine kurze Auszeit vom bisweilen auch anstrengenden Arbeitsalltag zu nehmen. Montana Falvini entspannt beispielsweise gerne am Meer beim Anblick eines Sonnenuntergangs, wie sie erzählt.
Ein weiterer Nebeneffekt: Die VR-Brillen senden die Botschaft an potenzielle junge Mitarbeiter, dass sie in St.Alfons einen Arbeitsplatz vorfinden, der gar nicht so angestaubt ist, wie er dem Namen nach klingt und angesichts der Nonnen von außen vielleicht wirkt.
Altersitz in Neumarkt für viele Niederbronner Schwestern
St. Alfons ist kein Alten- und Pflegeheim wie jedes andere. Im Kloster St. Josef angesiedelt, ist es der Alterssitz für viele Niederbronner Schwestern aus dem süddeutschen Raum. Der Orden mit dem offiziellen Titel Schwestern vom Göttlichen Erlöser betreibt auf der ganzen Welt Kindergärten, Schulen und andere Bildungseinrichtungen, Krankenhäuser sowie Alten- und Pflegeeinrichtungen. Dort haben an verschiedenen Orten auch viele der 61 Ordensschwestern gewirkt, die derzeit ihren Lebensabend in St. Alfons verbringen.
Die VR-Brillen tragen ihren Teil dazu bei, dass es ein möglichst glücklicher ist. Bei Schwester Helmine hat der virtuelle Ausflug nach München große Freude hinterlassen. „Danke. Vielen Dank für das tolle Erlebnis.“