Extravagant, bairisch und karibisch: Schwandorfer Kultursommer riss Besucher von den Sitzen

Ein hochklassiges und abwechslungsreiches Musikprogramm gab es in diesem Jahr beim Schwandorfer Kultursommer: Rund 400 Besucher erlebten im Spitalgarten an drei Konzertabenden hochkarätige Künstler aus unterschiedlichen Genres, die das Publikum mit ihren Darbietungen von der ersten bis zur letzten Minute in ihren Bann zogen.
Das Kulturamt der Stadt Schwandorf, das die kleine Veranstaltungsreihe organisiert hatte, zeigte dabei der Mainstream-Musik eindeutig die Rote Karte. Es wurden Künstler engagiert, die sich vom Massengeschmack deutlich abheben: „Die Nowak und die Leute von der Raucherpause“, der niederbayerische Liedermacher Matthias Kellner und die kubanische Sängerin Yeni Toro mit ihrer Afroson Band. Die erhofften lauen Sommerabende blieben zumindest an den ersten beiden Konzerttagen allerdings aus.
Das Publikum übte erst einmal die Schnappatmung
„Die Nowak und die Leute von der Raucherpause“ nötigten das Publikum am Donnerstagabend mit ihrer bizarren und exzentrischen Darbietung gleich mehrmals zur Schnappatmung. Schon vor der eigentlichen Show hatte Rebekka Maier alias „Die Nowak“ in einer weiteren Bühnenfigur, diesmal als Anita Schwendner, diese Art des Luftholens vorsichtshalber mit den Zuhörern eingeübt.
Anlass dazu dürfte möglicherweise bereits die schrille Bühnendeko gegeben haben, die den Zuhörern überwiegend in Blau, Lila und Grün und darüber hinaus auch noch mit viel Glitzer ins Auge stach. In ähnlicher Weise präsentierten sich die Musiker, insbesondere die Nowak selbst, die sich in einem blauen Glitzerkleid samt Turban zeigte.
Und auch die Texte, die in einen Mix aus Chanson, Jazz, Indie, Pop und Punk verpackt waren, hatten es in sich. Die charismatische Sängerin präsentierte dem Publikum mit viel Selbstironie und einer Prise Spott zwei Stunden lang Auszüge aus ihrem „deprimierten Lebenszyklus“ und stellte dabei meisterhaft ihre künstlerische Vielseitigkeit unter Beweis.
Appell: Sich treffen und Zeit schenken
Die Texte waren nicht unbedingt leichte Kost: Da ging es um Trennungsgeschichten, den Ablösungsprozess ihrer pubertierenden Kinder, Erlebnisse aus ihrer angepassten Kindheit im Zwangsdirndl oder den grauen Alltag bei einem Kuraufenthalt auf Norderney. In einem ganz persönlichen Weihnachtslied erzählte die Nowak, wie sie nachts durch die winterliche Stadt spaziert und ihre Einsamkeit im Glühwein ertränkt. „Leben ist wie Warten beim Lotto auf die Superzahl“, so ihre Erkenntnis. Ihren letzten Song widmete die Nowak ihrer Oma, die sie als sehr lebensbejahende Frau beschrieb. Vielleicht ein Appell an das Publikum, wie wichtig es im Leben ist, sich zu treffen und Zeit zu schenken.
Am Freitag war der niederbayerische Liedermacher Matthias Kellner zu Gast im Spitalgarten mit seinem aktuellen Programm „Can you Boarisch, please?“ Darin übersetzt er bekannte Rock- und Popsongs von berühmten Musikern ins Bairische. Obwohl es ihm ein Anliegen sei, die Texte so original wie möglich wiederzugeben, stoße er bei manchen Passagen immer wieder an seine Grenzen, weil es nicht für alle englischen Ausdrücke ein bairisches Pendant gebe, erklärte der Musiker augenzwinkernd.
So auch beim Song von Bobby McFerrin, „Don?t Worry, Be Happy“. „Mach dir keine Sorgen sagt man in Bayern nicht. Das wäre viel zu nett“, wie Kellner anmerkte. Und den Ausdruck „Sei glücklich“ verwende hierzulande auch keiner. „Bei uns sagt man eben ‚Dou di net owe, geh, g’frei di’“. Ins Bairische übersetzte er unter anderem Songs wie „To Love Somebody“ („Du woaßt niad wia des is’, auf ebban zum Steh’“) von den Bee Gees, „It’s A Heartache“ („Da duat da ?s Herz weh“) von Bonny Tyler und „Wish You Were here“ („I hätt’ di gern da“) von PInk Floyd.
Welthits im Dialekt und eine unvergessene Mofa-Tour
Improvisieren musste der niederbayerische Liedermacher auch bei dem Song „Johnnie B. Goode“ von Chuck Berry, den der amerikanische Sänger seinem langjährigen Pianisten und musikalischen Partner gewidmet hat. Kellner sang stattdessen über den Stoiber Mane aus „Eschbanzeij“ (Elisabethszell), „der Gitarre spuit wia a g’sengte Sau“. Einfacher hatte es der Musiker beim Titel „The Boxer“ von Simon & Garfunkel. Hier musste er den Refrains „Lei-lei-lei“ nicht übersetzen.

Aber das Publikum bekam auch Eigenproduktionen von Matthias Kellner zu hören. Zum Beispiel die sehr traurige Ballade „Da Doktor sagt“, den der Musiker als „Titel zum Angstkriegen“ bezeichnete. Die Diagnose des Mediziners: „Sie ham an Vog’l. Es muaß a großer sei“. Beim Lied „Zeit is a Sau“ geht es um ein Gespräch zwischen alten Männern. „Omei, omei“ heißt der Titel, in dem sich die alten Herren über ihre Krankheiten unterhalten.
Zu hören gab es auch viele Geschichten aus seiner Kinder- und Jugendzeit, die ihn zu seinen Texten inspiriert haben. So zum Beispiel eine Erzählung über die erste Mofa-Tour mit seinen Kumpels ins nahe gelegene Straubing, wo sie nach ihrem ersten Goaßmaß-Rausch den Heimweg über Schleichwege gesucht, aber dabei die Mofas vergessen hatten.
Afrokubanische Rhythmen klangen schließlich am Sonntagabend vom Spitalgarten in die Schwandorfer Innenstadt. Die kubanische Sängerin Yeni Toro und ihre Begleitband Afroson brachten mit ihrem energiegeladenen Auftritt karibisches Flair in die Große Kreisstadt. Congas, Gitarre, Posaune, Trompete, Bass und Piano infizierten auf Anhieb die Zuhörer mit einem Mix aus Rumba, Jazz und Salsa. Es dauerte keine fünf Minuten, da waren schon die ersten Tanzpaare in Aktion. Das Kulturamt hatte sogar eigens eine Tanzlehrerin aus Regensburg engagiert, die interessierten Gästen vor der Veranstaltung Grundkenntnisse im Salsa beibrachte. Der sitzende Teil des Publikums begleitete alles mit rhythmischem Klatschen.

Die abendlichen Temperaturen passten sich am Ende dem Programm an. Ein Pullover wie an den Konzerttagen zuvor war diesmal nicht erforderlich. Nichts fehlte zu einem perfekten kubanischen Abend – außer vielleicht Palmen und das Meeresrauschen.