Gefühl der Ohnmacht nach tödlicher Messerattacke in Bank: Eine Tat, die Regensburg aufwühlt

Im Rennplatz Zentrum ist am Freitagvormittag schon wieder viel los. Die Menschen huschen über die Gehwege in die Geschäfte. Autos parken ein und aus. Die Sonne scheint strahlend vom Himmel. Und doch lastet über allem ein dunkler Schatten. Von der schrecklichen Tat am Tag zuvor. Vom Tod eines Menschen. „Das hier ist doch eigentlich eine so ruhige Gegend, das macht das alles irgendwie noch schlimmer“, sagt ein Passant und geht dann mit traurigem Blick weiter.
Mit einem Messer bewaffnet reichte ein 20-Jähriger am Donnerstag in einer Bankfiliale am Rennplatz dem späteren Opfer kurz vor 15 Uhr einen Zettel mit „etwas von Überfall und Bankraub“, wie die Polizei am Freitag bekannt gab. Direkt danach verletzte der Deutsche den 58-jährigen Bankmitarbeiter mit mehreren Messerstichen. Kunden und ein Kollege zogen ihn in ein Büro und dann durch ein Fenster ins Freie. Der Mann war aber zu schwer verletzt, er überlebte nicht. Der Angreifer versteckte sich zunächst, wurde später aber von einem SEK-Polizisten verhaftet. Er leistete dabei keinen Widerstand.
Plötzlich stehen Polizisten im Hausflur
Kurz nach 18 Uhr wurde der festgenommene 20-Jährige vom Tatort weggebracht. Danach durchsuchten Polizeibeamte noch das gesamte Gebäude, einige Zeit später durften die Menschen, die hier wohnen, wieder ein- und ausgehen. „Gestern nachmittags standen ja plötzlich Polizisten mit Maschinenpistole im Hausflur. Das waren wohl Spezialeinsatzkräfte“, erzählt am Freitag ein Mann. Er heiße Markus und wohne direkt hier im Haus, über der Bank, sagt er. Von den Beamten habe er erfahren, dass er seine Wohnung vorerst nicht verlassen darf. Das sei zwar eine eigenartige und ungewohnte Situation gewesen, „aber man hat natürlich auch Verständnis dafür, dass es jetzt eben nicht anders geht“.
Die schreckliche Tat vom Vortag wühlt ihn sichtlich auf. Er habe einige der Bankmitarbeiter gekannt, sagt er. Und er fragt sich: „Was war eigentlich der Grund für den Täter? Es weiß doch jeder, dass die Banken kein Geld vorrätig haben.“ Eine Frau, sie heißt Doris, kommt dazu. Sie wohne zwei Straßen weiter, erzählt sie. Sie sei am Donnerstag durch das riesige Polizeiaufgebot darauf aufmerksam geworden, „dass etwas passiert sein muss“. Die ganze Straße entlang seien links und rechts Einsatzwägen gestanden.
Man hat schon ein schlimmes Gefühl. Weil es einfach furchtbar ist, was da passiert istMan hat schon ein schlimmes Gefühl. Weil es einfach furchtbar ist, was da passiert ist
In der Tat hatten sich dort gespenstische Szenen abgespielt. Vermummte Beamte luden ihre Maschinengewehre durch und bezogen im Laufschritt Position rund um die Bank. Später traf ein Sondereinsatzkommando ein und rückte in Kettenhemden und mit Lanzen vor. Es war ein beispielloser Einsatz im Stadtwesten: Polizeivizepräsident Erwin Frankl spricht später in einer Pressekonferenz von 372 Beamten, die vor Ort waren.
Seit Donnerstagabend versuchen die Menschen im Westen nun irgendwie, so gut es eben geht, wieder in ihren Alltag zurückzukehren. „Das ist schaurig, hier vorbeizugehen“, sagt eine ältere Dame am Gehstock, die schon am frühen Morgen am Rennplatz unterwegs ist. Als Nachbarn sie tags zuvor informierten, was im Einkaufszentrum vorging, habe sie Fenster und Türen verschlossen. „Schlimm“, presst sie heraus, als ihr die Tränen in die Augen steigen. Das sei alles wie im Film, meint sie und ergänzt: „Dieser arme Mann und seine Familie.“
Immer wieder kommen Menschen an den Tatort
Den gesamten Vormittag suchen immer wieder Menschen den Tatort auf. Zwei Radler fahren an der Fassade der Bankfiliale entlang und wagen einen Blick hinein. Durch eine der riesigen Glasscheiben sind auf dem Boden und an einer Glastür Markierungen der Spurensicherung zu sehen. Die Jalousie des Büros ist zerknickt und hängt halbverhakt in einem Kleiderständer.
Vor der großen Eingangstür zur Bank, die von der Kriminalpolizei versiegelt wurde, haben schon am Donnerstagabend Bürger Kerzen und Blumen abgestellt. Den ganzen Freitag geht das weiter. „Ruhe in Frieden“ ist neben Herzen auf Kerzen zu lesen oder „Deine Spur führt in unser Herz“. Die tiefe Betroffenheit ist greifbar. In Unterhaltungen am Tatort schwingt die Frage nach dem Warum mit: „Weiß man denn schon was?“ Eine Frau legt eine Sonnenblume nieder. Sie wohne hier im Westen, erzählt sie. Für sie sei es nahezu unfassbar, was hier, direkt in der Nähe ihrer Wohnung, geschehen sei. „Was geht bloß im Kopf eines Menschen, der so etwas tut, vor?“, fragt sie sich. Und sie denkt an die Familie des Opfers, an die Familie eines Menschen, „der einfach so aus dem Leben gerissen wird“.
Ermittler schildern Tathergang: So äußerte sich die Polizei auf der Pressekonferenz am Freitag
Die schreckliche Bluttat weckt bei einigen auch böse Erinnerungen: Vis-à-vis des jetzigen Tatortes hatten im November 2022 niederländische Automaten-Bomber zugeschlagen und die Filiale eines anderen Regensburger Kreditinstituts in die Luft gesprengt. Die Explosion mitten in der Nacht schreckte damals zahllose Menschen, die hier wohnen, aus dem Schlaf. Auch ein Mann, der heute am Tatort steht, erinnert sich daran: „Das war ja quasi nur ein paar Meter weiter“, sagt er – und deutet auf das Gebäude, in dem damals der Sprengsatz detonierte.

Die Bestürzung jetzt ist aber natürlich noch viel größer. Schließlich ist am Donnerstag ein Mensch gestorben. Für viele Mitarbeiter der Geschäfte im Einkaufszentrum ist der Freitag eine große Belastung. Sie müssen schließlich wieder da sein, wieder arbeiten. Eine Frau aus einem Zeitschriften-Laden weist die vielen Reporter, die nach und nach bei ihr anfragen, freundlich darauf hin, dass sie nichts sagen will: „Ich möchte zu allem einfach Abstand gewinnen.“ Eine Verkäuferin aus einem Schuhladen erzählt, dass sie am Vortag selbst nicht da war. Sie habe von ihrem Chef erfahren, dass der Laden wegen der Tat in der Bankfiliale bereits ab dem Nachmittag geschlossen war. Und heute, als sie herfuhr, habe sie ein beklommenes, ein schlimmes Gefühl gehabt: „Weil es einfach furchtbar ist, was da passiert ist.“
Bank-Sprecher: „Wir sind zutiefst bestürzt“
Die schreckliche Tat scheint auch die gesamte Stadtgesellschaft aufzuwühlen. Regensburgs Oberbürgermeister Thomas Burger veröffentlichte noch am Tatabend eine Beileidsbekundung: „Den Angehörigen gilt mein tiefstes Mitgefühl.“ Seine Gedanken seien „auch bei allen, die das Geschehen unmittelbar miterleben mussten“. Und auch bei der betroffenen Bank herrscht tiefe Trauer. Ein Sprecher aus München teilt mit: „Wir sind zutiefst bestürzt über den Verlust eines unserer Kollegen infolge dieses tragischen Vorfalls.“ Und weiter: „Unsere Gedanken sind bei seiner Familie und seinen Freunden sowie bei den weiteren betroffenen Kolleginnen und Kollegen.“
Wie der Einsatz am Donnerstag abgelaufen ist, lesen Sie in unserem Nachrichtenticker nach
Am Regensburger Rennweg reißt der Strom der Menschen, die zum Tatort gehen, bis zum Abend nicht ab. Und was praktisch die ganze Zeit und überall zu spüren ist, ist das Gefühl der Ohnmacht gegenüber solchen Gewalttaten. „Es wird immer schlimmer“, sagt eine Frau.