Vom Haus Ritter Haug ins HPS: Ein emotionaler Neuanfang für Parsbergs Senioren

Von Markus Rath · 24. Juli 2026 um 05:00

74 Bewohner verlassen das Haus Ritter Haug und ziehen ins neue Haus für Pflege und Soziales am Parsberger Gesundheitscampus im Landkreis Neumarkt. Für Rosa und Johann Beer ist es bereits der zweite Umzug innerhalb von sechs Monaten. Die Reportage begleitet den emotionalen Abschied, erzählt von Angst, Hoffnung und einem Neuanfang im Alter – und zeigt, warum am Ende sogar gelacht wird.

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Leere Schränke und Regale, dafür überall Umzugskisten. Die Betten sind abgezogen, die Wände kahl. Zu sehen sind noch die Spuren der Bilder, die hier einmal hingen. Rosa Beer (77) entschuldigt sich wortreich: „Ich bin nicht einmal richtig gekämmt, meine Haarbürste ist schon verpackt.“ Mit ihrem Mann Johann (80) sitzt sie quasi auf gepackten Koffern. Es ist Mittwoch. 10 Uhr. Haus Ritter Haug in Parsberg. Der Umzug eines ganzen Altenheims hat begonnen.

Ziel ist das neue Haus für Pflege und Soziales (HPS) am Gesundheitscampus der Stadt. Hier werden die 74 Bewohner vom Dallmeierkreuz künftig leben. Für Rosa und Johann Beer ist es der zweite Umzug in sechs Monaten. Das Paar lebt erst seit Weihnachten im Haus Ritter Haug. Jetzt der erneute Einschnitt.

Felicitas Full und Elena Mederer mit den Senioren, die darauf warten, dass sie der betreute Fahrdienst des BRK abholt. - Foto: Markus Rath

„Wir haben einen Mann betreut, der seit mehr als 20 Jahren hier gewohnt hat“, erzählt Felicitas Full und berichtet von Angst, Nervosität und auch Stress bei den Menschen, die nun in ein neues Zuhause kommen. Die 17-Jährige absolviert aktuell eine Ausbildung zur Fachkraft für Altenpflege an der Neumarkter Akademie für Pflege und Soziales (NAfG) und unterstützt zusammen mit 21 Kollegen seit Montag in Parsberg als zusätzliche Betreuungskraft das Umzugsprojekt.

„Wir haben viel mit den Bewohnern geredet, haben ihnen erzählt, wie schön das neue Haus ist“, berichtet ihre Mitschülerin Elena Mederer (17), wie Full ebenfalls eine der Auszubildenden. „Ich glaube schon, dass wir den Menschen helfen konnten“, sagt sie.

Basteln und Ballspielen gegen den Umzugsstress der Senioren

Die Altenpflegeazubis treffen am Montag in Parsberg ein, besichtigen erst einmal das HPS und nehmen dann Kontakt zu den Senioren auf. „Wir haben die Bewohner, für die wir zuständig sind, kennengelernt und uns auch erkundigt, wie alles ablaufen wird“, sagt Full.

Im Minutentakt werden die Umzugskisten verladen und ins neue Gebäude gebracht. - Foto: Markus Rath

Am Dienstag geht es dann darum, die Bewohner zu beschäftigen und abzulenken, während um sie herum der Umzugstrubel so richtig Fahrt aufnimmt. Während Möbelpacker Schrank um Schrank leerräumen, basteln die Senioren Türschilder für ihre neuen Zimmer. „Im besten Fall merken sie von dem ganzen Umzugsstress gar nichts“, sagt Mederer.

Denn für die Menschen, die zum Teil schon so lange an einem Platz wohnen, ist es „ein Riesenabschied, viele sind schon sehr nervös gewesen“, erkennt Full. „Sie haben hier ein gewohntes Umfeld, haben sehr viele Erinnerungen an dieses Haus. Das prägt sie natürlich.“

Vom Azubi zum Pflegedienstleiter – ein halbes Leben im Haus Ritter Haug in Parsberg

Geprägt hat das Haus Ritter Haug – wie das ehemalige Phönix Altenheim heute heißt – auch Jonas Reichel. Der 36-Jährige hat hier 2009 seine Ausbildung absolviert. „Ich habe mein halbes Leben hier verbracht“, erzählt er. Heute ist er stellvertretender Pflegedienstleiter und froh, dass er dem Gebäude den Rücken zukehren kann. „Es ist inzwischen einfach heruntergekommen und auch die neue Wohnform, die wir künftig haben werden, ist viel zeitgemäßer. Auch wenn es für uns eine große Umstellung ist, finde ich es spannend, diesen Neuanfang zu begleiten.“

Noch während die Bewohner einziehen, laufen im HPS letzte Arbeiten. - Foto: Markus Rath

Eine solche Aufbruchsstimmung spürt Full auch bei den Bewohnern. Die Lust auf etwas Neues, das sie und Mederer nach ihrer Besichtigungstour schon ziemlich genau beschreiben können. „Wir haben ihnen erzählt, wie toll die neuen Zimmer sind“, berichten Mederer und Full von ihrem Wissensvorsprung – über das tolle Pflegebad mit Whirlpool, Beleuchtung oder den Kühlschrank im Nachtkästchen der Zimmer.

Einen solchen Wissensvorsprung hat auch Johann Beer. Er hat das neue Zimmer schon gesehen, zu dem er mit seiner Gattin Rosa nun aufbricht – mit dem eigenen Auto übrigens. Sie dagegen ist gespannt, wie das neue Domizil aussieht. „Immerhin ist es näher an daheim“, sagt ihr Mann. Denn wenn Johann Beer von „daheim“ spricht, meint er immer noch, dass er in seinem Haus in Parsberg vorbeischaut, dass keine 50 Meter Luftlinie vom HPS entfernt steht.

Der betreute Fahrdienst des BRK fährt die Bewohner in ihr neues Zuhause. - Foto: Markus Rath

Der Maurer und die Näherin erzählen, dass der Haushalt und die Arbeit auf dem Grundstück einfach zu viel geworden sind. Deshalb sind sie ins Altenheim. „Ich habe von Anfang an gesagt, wenn, dann nur gemeinsam“, sagt Johann. Dass sie nun erneut umziehen müssen, macht die beiden zwar nicht nervös, es ist halt beschwerlich. „Zuvor sind wir nach der Hochzeit ins Haus gezogen, das war vor 56 Jahren“, erzählt Rosa. Und jetzt kurz hintereinander ein zweites Mal, sagt Rosa und ermahnt den Gatten, dass das Haus in Parsberg nicht mehr zählt.

Der letzte Umzug für Rosa und Johann ist geschafft

„Wir sind jetzt hier zu Hause“, sagt sie sanft und greift nach seiner Hand, ehe sie mit ihm zum Auto geht. Vorbei an den anderen Senioren, die auf den Fahrdienst des BRK warten, an den Möbelpackern, die Kisten aufladen und das Haus Ritter Haug Stück für Stück in ein Geisterhaus ohne Bewohner verwandeln.

Im HPS wartet Klinikumsvorstand Markus Graf auf die neuen Bewohner. Es gibt Blumen, die Kaffeemaschine läuft. Doch wer geglaubt hat, mit dem Ortswechsel dem Trubel zu entkommen, irrt.

Umzug ins Haus für Pflege und Soziales geschafft: Rosa Beer freut sich über die Blumen zur Begrüßung. - Foto: Markus Rath
Johann Beer inspiziert das neue Bad. - Foto: Markus Rath
Im neuen Zimmer: Rosa und Johann Beer lesen endlich die Tageszeitung. - Foto: Markus Rath

Handwerker schrauben noch an Türen und Schränken, Kisten werden angeliefert. In der Küche des Wohnbereichs blubbert schon das Mittagessen im Topf. Doch dafür haben Rosa und Johann keinen Blick übrig.

Nachdem sie zum neuen Zimmer erst einmal falsch abgebogen sind, sind sie angekommen. Johann öffnet die Badezimmertür, inspiziert das geräumige Bad. Rosa breitet die Zeitung auf dem Esstisch aus. Angst vor der ersten Nacht im neuen Bett haben sie nicht. Johann schaut seine Frau an, kneift die Augen zusammen und sagt: „Wir werden wie immer beide vor uns hin schnarchen.“