Ein Seniorenheim in Parsberg zieht um – doch was macht der Einschnitt mit den Menschen?

Von Markus Rath · 6. Juni 2026 um 05:00

Einen alten Baum verpflanzt man nicht – außer man muss. Doch wie ist es eigentlich mit einem alten Menschen in einem Seniorenheim? Sabine Ramsauer zieht mit den Bewohnern innerhalb von Parsberg (Kreis Neumarkt) vom Haus Ritter Haug ins neu gebaute Haus für Pflege und Soziales. Im Interview verrät sie, wie sie diese Aufgabe angeht.

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Frau Ramsauer, Sie vergleichen den Umzug eines Seniorenheims mit dem Verpflanzen eines alten Baumes. Warum?

Sabine Ramsauer: Ich finde den Vergleich sehr charmant. Weil man einen alten Baum nicht einfach ausgräbt und irgendwo anders wieder einsetzt. Man muss ihn lange vorbereiten. Ich habe gelesen, dass man dafür mindestens ein Jahr braucht. Genau so ist es auch bei alten Menschen. Sie brauchen Zeit, um sich innerlich auf so einen Schritt einzustellen.

Der für die Bewohner nicht einfach, aber eben alternativlos ist.

Ramsauer: Richtig. Das Haus Ritter Haug wird geschlossen, die Immobilie ist verkauft. Wir haben keine Wahlmöglichkeit. Deshalb war von Anfang des Jahres an klar: Alle Bewohner müssen umziehen. Unsere Aufgabe ist jetzt, diesen Schritt so sanft wie möglich zu gestalten.

Wie haben die Bewohner und Angehörigen auf die Nachricht reagiert?

Ramsauer: Ganz unterschiedlich. Manche freuen sich auf das neue Haus und sagen: „Das wird schön.“ Andere haben große Sorgen. Angehörige fragen natürlich: „Schafft meine Mutter oder mein Vater diesen Umzug überhaupt noch?“ Viele Bewohner spüren die Veränderung jetzt schon sehr stark.

Woran merken Sie das?

Ramsauer: Allein das Einpacken macht etwas mit den Menschen. Einige sagen: „Vielleicht sterbe ich ja vorher noch.“ Andere werden unruhig oder schlafen schlechter, der Appetit lässt nach. Das ist ähnlich wie bei Kindern vor einem großen Ausflug – die Aufregung arbeitet im Unterbewusstsein.

Auszubildende übernehmen Umzugs-Patenschaften

Wie wollen Sie den Bewohnern diese Angst nehmen?

Ramsauer: Wir versuchen, die Menschen Schritt für Schritt mitzunehmen. Die Bewohner wissen seit Januar Bescheid. Die Zimmerpläne hängen aus, die Gruppen sind eingeteilt und einige konnten das neue Haus beim Tag der offenen Tür im April bereits anschauen. Außerdem ziehen wir ja gemeinsam um – Bewohner, Pflegekräfte und Betreuungspersonal. Niemand geht allein.

Besonders außergewöhnlich klingt das geplante Patenprojekt mit Pflegeschülern.

Ramsauer: Ja, das ist ein Herzensprojekt. Mir war wichtig, dass gerade Bewohner ohne Angehörige während des Umzugs jemanden an ihrer Seite brauchen. Deshalb unterstützen uns 25 Auszubildende zum/zur Pflegefachmann/frau aus dem zweiten Ausbildungsjahr.

Wie läuft das konkret ab?

Ramsauer: Die Auszubildenden übernehmen eine Patenschaft. Sie lernen die ihnen zugeteilten Bewohner bereits einen Tag vor dem Umzug kennen. Sie frühstücken gemeinsam, verbringen Zeit miteinander und begleiten die Menschen dann am Umzugstag persönlich ins neue Haus. Dort zeigen sie ihnen das neue Zimmer und essen gemeinsam zu Mittag. Sie bleiben auch danach an ihrer Seite und erkunden die Umgebung. Selbst am Tag nach dem Umzug kommen die Paten noch einmal vorbei.

„Es geht um Menschlichkeit.“

Das klingt nach weit mehr als nur Organisation.

Ramsauer: Absolut. Es geht um Menschlichkeit. Es geht darum, Menschen nicht nur als Rädchen im Getriebe zu sehen, sondern Empathie, Respekt und individuelle Bedürfnisse in den Vordergrund zu stellen.

Neben der menschlichen steckt aber auch eine logistische Aufgabe hinter so einem Umzug?

Ramsauer: Die Vorbereitung läuft seit Monaten. Wir haben eine Spedition beauftragt, die bereits vor Ort war und alles aufgenommen hat. Die ersten 500 Kartons stehen bereit. Jetzt beginnt nach und nach das Einpacken. Den Bewohnertransport organisieren wir gemeinsam mit unserem Partner, dem BRK Neumarkt.

Was müssen die Bewohner überhaupt mitnehmen?

Ramsauer: Die Kleidung läuft weiterhin über die Wäscherei, das ist relativ unkompliziert. Schwieriger sind die persönlichen Gegenstände – also Fotos, Erinnerungsstücke, kleine Möbel oder liebgewonnene Dinge aus dem Alltag. Genau diese Sachen machen ein Zuhause aus.

Angehörige spielen eine wichtige Rolle

Welche Rolle spielen dabei die Angehörigen?

Ramsauer: Eine ganz wichtige. Wir haben die Angehörigen gebeten, gemeinsam mit den Bewohnern die Sachen einzupacken und auch auszusortieren. Dieses bewusste Ein- und Auspacken ist emotional wichtig. Man spricht noch einmal über Erinnerungen und entscheidet gemeinsam: Was kommt mit? Was bleibt zurück?

Gleichzeitig haben sie einen großen Vorteil.

Ramsauer: Die Möbel bleiben im alten Haus. Im neuen Heim ist alles neu ausgestattet – von den Betten bis zur Technik. Dadurch müssen wir keine kompletten Zimmer abbauen und transportieren. Das erleichtert den Ablauf enorm.

Trotzdem bleibt viel zu organisieren.

Ramsauer: Natürlich. Die Kartons müssen beschriftet werden, Hilfsmittel und persönliche Dinge an den richtigen Ort kommen. Parallel müssen wir im neuen Haus alles testen – vom Aufzug über den Brandschutz bis zu Heiz- und Kühlsystemen. Es geht auch um Logistik bei der Essensversorgung, der Wäsche und vielem mehr. Die eigentliche Herausforderung ist weniger das Ausziehen als die Inbetriebnahme eines komplett neuen Hauses.

Was wird dort anders?

Ramsauer: Sehr vieles. Wir wechseln von einer klassischen Heimstruktur zu kleinen Wohngruppen mit jeweils elf Bewohnern. Dort wird gemeinsam gekocht, gegessen und gelebt. Es gibt keine großen Speisesäle mehr und keine zentrale Versorgung wie bisher.

Auch für die Mitarbeiter ist es eine Veränderung

Das bedeutet auch Veränderungen für die Mitarbeiter.

Ramsauer: Ja, natürlich. Sie sind teilweise neugierig, teilweise total euphorisch, weil sie durch den Tag der offenen Tür ja wirklich gesehen haben, was für eine tolle Einrichtung sie bekommen. Gleichzeitig verunsichert die neue Konzeption für die Pflege. Künftig wird viel gemeinschaftlicher gearbeitet und noch mehr Rücksicht auf die Selbstbestimmung gelegt. Pflegekräfte räumen dann zum Beispiel auch mal mit Bewohnern zusammen die Spülmaschine ein. Das ist für viele komplett neu und benötigt viel Einfühlungsvermögen.

Wie bereiten Sie Ihr Team darauf vor?

Ramsauer: Mit Schulungen und viel Austausch. Aber klar ist auch: Nicht alles wird vom ersten Tag an perfekt funktionieren. Veränderungen brauchen Zeit. Wichtig ist, dass die Motivation stimmt – und die stimmt bei uns. Echtes Wachstum braucht Zeit und schließt Lernprozesse und kleine Rückschläge mit ein. Wichtig sind passende Etappenziele.

Zum Abschied gibt es eine Auszugsparty

Trotz aller Herausforderungen spürt man bei Ihnen Vorfreude.

Ramsauer: Ja, tatsächlich. Es ist eine enorme Aufgabe, aber auch etwas Besonderes mit vielen Emotionen und Vorfreude. Ich glaube, den Umzug eines kompletten Pflegeheims mit 77 Bewohnern in eine neue Einrichtung erlebe ich nur einmal im Leben. Wir planen eine Auszugsparty im alten Haus und eine Einzugsparty im neuen Heim. Wir wollen diesen Schritt nicht nur organisieren, sondern gemeinsam erleben und so den Abschied mit einem wunderbaren Neuanfang verbinden.

Und wie fühlen Sie sich persönlich dabei?

Ramsauer: Ich bin sehr dankbar, diese Aufgabe mit übernehmen zu dürfen. Ich werde wahrscheinlich selbst die ersten Nächte im neuen Haus verbringen. Einfach, um da zu sein. Für die Bewohner, für die Mitarbeiter, um Vertrauen aufzubauen, den Menschen die nötige Sicherheit zu geben und selbst ein Gespür für die Atmosphäre zu entwickeln – vielleicht auch, um selbst zu erleben, wie sich dieser Neuanfang anfühlt.