Risiko für Anschläge steigt: Was heißt das für Veranstaltungen in der Region?

Von Isolde Stöcker-Gietl · 23. Juli 2026 um 08:00

Oktoberfest, Gäubodenfest und Open Airs: Welche Maßnahmen werden jetzt ergriffen und wie hoch ist die Gefahr tatsächlich? Wir haben bei Veranstaltern und im bayerischen Innenministerium nachgefragt und blicken auf Zahlen und Warnungen im Verfassungsschutzbericht.

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Die Nachrichten über einen vereitelten Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt im Raum Dingolfing-Landau hatten im Dezember vergangenen Jahres für bundesweite Schlagzeilen gesorgt. Damals wurden ein islamistischer Prediger und vier weitere Männer aus Syrien und Marokko inhaftiert. Sie sollen geplant haben, „möglichst viele Menschen zu töten oder zu verletzen“, so die Einschätzung der Generalstaatsanwaltschaft München. Die Vorbereitungen wurden rechtzeitig gestoppt.

Am vergangenen Wochenende hat nun Bundesinnenminister Alexander Dobrindt die Anschlaggefahr noch einmal nach oben gestuft. Es sei „jederzeit mit dem Risiko zu rechnen“, so seine Aussage. Was bedeutet das für Bayern und für die Region und für die stattfindenden Veranstaltungen?

Das Bayerische Innenministerium stellt auf Nachfrage der Mediengruppe Bayern klar, „dass derzeit keine Erkenntnisse über konkrete Anschlagspläne in Bayern bekannt sind“. Dennoch seien die Sicherheitsbehörden hellwach und ergriffen die rechtlich und tatsächlich möglichen präventiven und repressiven Maßnahmen, um die Sicherheit in Bayern bestmöglich zu gewährleisten, so ein Sprecher weiter.

Die Zahlen: Islamisten und Extremisten in Bayern

Wer sich einen Überblick über das Gefahrenpotenzial in Bayern verschaffen will, muss sich zunächst durch die Zahlen des Verfassungsschutzberichtes arbeiten. Den dortigen Angaben zufolge werden derzeit rund 2770 Menschen in Bayern dem Islamismus zugerechnet, weitere rund 3190 Personen dem ausländerbezogenen Extremismus. Hinzu kommen rund 2730 Rechtsextremisten, von denen 620 als Neonazis und rund 1070 als gewaltbereit eingestuft werden. Knapp 900 von ihnen sind in Parteien organisiert. 3200 Personen werden im linksextremistischen Spektrum verortet (2500 von ihnen in Parteien und Vereinigungen organisiert), hier gelten 900 als gewaltbereit. Der Kreis der Autonomen/Anarchisten wird auf 820 Personen geschätzt.

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Detaillierte Zahlen zu laufenden Ermittlungsverfahren mit extremistischem Hintergrund will die Generalstaatsanwaltschaft München auf Nachfrage nicht nennen. Laut Verfassungsschutz wird der vereitelte Anschlag auf den niederbayerischen Weihnachtsmarkt als extremistische Tat gewertet. Zum Sachstand teilte die Generalstaatsanwaltschaft mit, dass die drei Beschuldigten mit marokkanischer Herkunft in ihr Heimatland abgeschoben wurden. Die Ermittlungen gegen den ägyptischen sowie den syrischen Tatverdächtigen dauerten an. Der Haftbefehl gegen den ägyptischen Beschuldigten sei gegen Meldeauflagen außer Vollzug gesetzt worden.

Bahn setzt auf Videotechnik und mehr Sicherheitskräfte

• Zusammenarbeit: Die Deutsche Bahn arbeitet nach eigenen Angaben eng mit den Sicherheitsbehörden zusammen. „Neben dem Schutz unserer Fahrgäste und Mitarbeitenden gehören dazu auch unsere Infrastrukturanlagen“, so eine Sprecherin.

• Ausbau: In den letzten 12 Monaten habe die DB die Anzahl ihrer Sicherheitskräfte von 4500 auf 5000 Personen gesteigert. Rund 180 Millionen Euro seien seit 2021 in Videotechnologie geflossen. An rund 1000 Bahnhöfen seien 11.000 Kameras im Einsatz.

• Videotechnik: Im Kampf gegen Kriminelle komme mobile und stationäre Videotechnik zum Einsatz, ebenso wie Trittschallsensoren und Wärmebildkameras. Ziel sei es, Bahnanlagen, Bahnhöfe sowie Gleis- und Abstellanlagen zu überwachen.

• Drohnen: Künftig sollen Drohnen bei Ansprechen von Sensorik im Gleisbereich automatisiert aufsteigen und schnell Bilder übertragen, mit denen beurteilt werden könne, ob sich etwa Metalldiebe oder spielende Kinder in den Gleisen aufhalten.

Als extremistisch wird auch die Tat eines 24-jährigen Afghanen eingestuft, der im Februar 2025 mit einem Auto in München in eine ver.di-Demonstration fuhr und dabei eine Frau und ihr Kleinkind tötete. Mehrere Male taucht im Zusammenhang mit Islamismus auch die Oberpfalz im Verfassungsschutzbericht auf. Bei einem in der Region lebenden Teenager (15) gab es eine Durchsuchung, weil er Fragen und Antworten zum Bombenbau und zu islamistischen Anschlägen verbreitete. Ein 23-jähriger, als islamistischer Gefährder eingestufter Deutscher aus Weiden, soll wiederum auf Telegram-Kanälen den bewaffneten Jihad glorifiziert haben. In Ingolstadt geriet ein 18-Jähriger wegen konkreter Anschlagpläne ins Visier.

Sieben von insgesamt 132 Straftaten in Bayern im islamistischen Milieu wurden 2025 vom Verfassungsschutz als terroristische Handlungen eingestuft, ebenso wie eine Tat im ausländerbezogenen Extremismus. Außerdem wurden zwei rechtsextreme Taten sowie ein Vorfall in der Reichsbürgerszene entsprechend beurteilt. In der linken Szene gab es demnach 2025 keine terroristisch motivierte Tat.

Wie geht Bayern mit den Äußerungen von Dobrindt um?

Wie geht Bayern nun mit den Äußerungen von Bundesinnenminister Dobrindt um? Sind sie tatsächlich als dringliche Warnung zu verstehen oder, wie manche Kommentatoren vermuten, Kalkül, um eine im August angesetzte Debatte im Bundeskabinett zu einer umfassenden Reform des Nachrichtendienstrechts zu stützen?

Die Sicherheitsberichte aller Polizeipräsidien in Bayern weisen für 2025 steigende Zahlen im Bereich der extremistischen Straftaten aus. In Niederbayern beispielsweise ein Plus von fast 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Deshalb noch einmal ein Blick auf die Zahlen aus dem vergangenen Jahr: In der Oberpfalz wurden 17 Straftaten im Bereich der religiösen Ideologien verortet, in Niederbayern 21, im Bereich des Polizeipräsidiums Oberbayern-Nord 14, Oberbayern-Süd 12. Im linken Spektrum waren es 102 Straftaten in der Oberpfalz, 277 in Niederbayern, 99 im Bereich Oberbayern-Nord und 137 in Oberbayern-Süd. Rechtsextremistische Taten gab es 285 (Oberpfalz), 277 (Niederbayern). 365 (Oberbayern-Nord) und 356 (Oberbayern-Süd). Sie reichten von antisemitischen Äußerungen, Hass und Hetze über Sachbeschädigungen bis zu Gewaltdelikten.

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Für Veranstalter – wie etwa die bevorstehenden größten Volksfeste Bayerns in Straubing und München – bedeutet eine höhere Gefährdungslage eine neuerliche Überprüfung der Konzepte. Wie eine Sprecherin des Kreisverwaltungsreferats (KVR) München auf Nachfrage sagte, würden die eingereichten Sicherheitsmaßnahmen grundsätzlich in Bezug auf aktuelle Gefährdungslagen überprüft und die Veranstalter bei Bedarf aufgefordert, nachzusteuern. Aktuell trifft dies etwa die anstehenden Konzerte am Münchner Königsplatz. Hier befindet sich das KVR eigenen Angaben zufolge im engen Austausch mit den Veranstaltern sowie den Polizeibehörden. „Wie üblich wird es Maßnahmen zum Schutz vor Überfahr-Taten geben“, so eine Sprecherin. Weitere Details will man nicht öffentlich machen.

Sicherheitskonzepte kommen auf den Prüfstand

Die Gefährdungslage, sowohl für Veranstaltungen als auch für Personen, Institutionen und Einrichtungen, werde von den bayerischen Sicherheitsbehörden fortlaufend sehr genau beobachtet und bewertet, heißt es dazu aus dem Innenministerium. Bayern setze auf eine starke und sichtbare polizeiliche Präsenz, um erkennbar einen Beitrag zur Sicherheit der Menschen zu leisten. Auch Videoüberwachung und Zufahrtssperren sowie Handtaschenkontrollen gehören zum Konzept. „Reisenden empfehlen wir grundsätzlich, ausreichend Zeit für Sicherheitskontrollen oder auch Grenzkontrollen an Flughäfen einzuplanen.“

Die Ansage aus dem bayerischen Innenministerium ist dabei klar: Das Sicherheitsgefühl sei Teil der Lebensqualität. „Und wir lassen uns nicht von Terroristen und Extremisten einschüchtern und verstecken uns nicht. Denn genau das ist es, was sie erreichen wollen.“