Sie überlebte Todeskampf: Neutraublinger sammelt Geld, um Bein seiner Schwester (23) zu retten

20 Stunden Todeskampf unter Trümmern: Der Vater und die Schwester von Yazan Alhalabi aus Neutraubling (Landkreis Regensburg) liegen seit dem verheerenden Erdbeben in Venezuela im Krankenhaus – und müssen alle Kosten selbst tragen. Eine Spendenaktion soll dringend notwendige Operationen ermöglichen.
Das letzte, an das sich Janet Alhalabi aus ihrem alten Leben erinnern kann, ist Sand, der von der Decke fällt. „Dann habe ich mein Bewusstsein verloren.“ Als die 23-Jährige aufwachte, waren sie und ihr Vater unter einem fünfstöckigen Haus begraben. Auf Janets Beinen lag eine Küchenzeile, der Kopf ihres Vaters steckte zwischen Balken fest. Panikattacken. Hilfeschreie. Resignation. Die beiden nahmen ein Abschiedsvideo auf – für viel mehr war Janets Handy nicht zu gebrauchen, Empfang hatte es keinen.
Gebete. Neuer Mut. Hilfeschreie. Rettung. „Wie durch ein Wunder“, sagt Janet, überlebten sie und ihr Vater das Erbeben, das Venezuela am 24. Juni heimgesucht hat und laut Regierungsangaben mindestens 4829 Menschen das Leben gekostet hat. Auch Yazan Alhalabi bezeichnet es als „absolutes Wunder“, dass seine Schwester und sein Vater nicht tot sind. „Doch der Kampf ist noch nicht vorbei“, sagt der 27-Jährige, der in Neutraubling lebt. Er sammelt Geld, um das Bein seiner Schwester zu retten.
Erdbeben in Venezuela: Bilder sind nichts für schwache Nerven
„Mein Papa und meine Schwester Janet liegen nun schon sehr lange im Krankenhaus“, schrieb Yazan Anfang vergangener Woche auf der Online-Spendenplattformen GoFundMe. Zu diesem Zeitpunkt beliefen sich die Kosten für die Behandlungen schon auf etwa 14.000 Euro – „und sie steigen jeden Tag weiter“. Janet brauche dringend weitere Operationen an ihrem Bein. „Venen und Nerven müssen wieder verbunden werden“, erklärt der 27-Jährige. Auf Bildern, die er der Mediengruppe Bayern zeigt, ist die von oben bis unten aufgeschlitzte Wade seiner Schwester zu sehen. Nichts für schwache Nerven – genau wie die vielen Videos vom Unglücksort, die er geschickt bekommen hat.

Janet fällt es nicht leicht, über das Erlebte zu sprechen. Vom Krankenhaus aus schickt sie der Mediengruppe Bayern Sprachnachrichten, in denen sie ihre Geschichte erzählt. Immer wieder braucht sie Pausen, wenn sie von der Nacht in den Trümmern erzählt. Von ihrem tauben Bein, vom blutverschmierten Gesicht ihres Vaters, vom Nachbeben, das die Mauer über den beiden hätte einstürzen lassen können. „Es ist sehr hart“, sagt die 23-Jährige, die in Dubai lebt. In ihrer Heimat Venezuela war sie nur, weil sie ihren Reisepass erneuern musste. „Irgendwie hatte ich schon in den Tagen vor der Tragödie ein ungutes Gefühl und wollte nur nach Hause.“ Jetzt, einen knappen Monat später, ist sie in Venezuela ans Bett gefesselt.
Es gehe ihr „ok“, sagt Janet. „Ich danke Gott jeden Tag, dass mein Vater und ich noch am Leben sind.“ Die 23-Jährige versucht, möglichst nicht über die Unglücksstunden nachzudenken. Das klappt nicht immer. „Ich weine viel.“ Die Frage, die sie sich in dunklen Stunden immer wieder stellt: „Warum?“
GoFundMe-Aktion: „Jeder Euro zählt und ist eine riesige Unterstützung“
Janet ist dankbar, dass ihr Vater die ganze Zeit an ihrer Seite war und ist – in den Trümmern und im Krankenhaus. Auch er wird nach wie vor behandelt. Weil die Alhalabis keine Auslandskrankenversicherung besitzen, müssen sie für die Behandlungen selbst aufkommen.
„Wir haben als Familie schon so viel wie möglich gegeben“, schreibt Yazan bei GoFundMe. Nun ließen sich die Rechnungen nicht mehr stemmen. „Bitte helft uns. Jeder Euro zählt und ist eine riesige Unterstützung“, lautet der Appell des 27-Jährigen, der vor vier Jahren als Flüchtling nach Deutschland gekommen ist, seit drei Jahren in Neutraubling lebt und gerade seine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann bei einem großen Möbelhaus macht.
So viel Hilfe habe ich nicht erwartet. Ich kann nur immer wieder danke sagen.Yazan Alhalabi
Wie hoch die Krankenhauskosten am Ende ausfallen, wissen weder Yazan noch Janet. Erst am Samstag ist die 23-Jährige wieder operiert worden. Wie viele Eingriffe noch nötig sind? Auch das kann heute keiner sagen. In zwei bis drei Wochen könne sie das Krankenhaus vielleicht verlassen, hofft Janet.
Yazan hat bei GoFundMe 7000 Euro als Spendenziel angegeben. Binnen sieben Tagen sind über 3500 Euro zusammengekommen. Der 27-Jährige ist überwältigt. „Ich dachte, ich kann meiner Schwester ein paar Hundert Euro schicken. So viel Hilfe habe ich nicht erwartet. Ich kann nur immer wieder danke sagen.“