Technologie von Huber SE aus Berching holt Medikamente und Hormone aus dem Abwasser

Von Wolfgang Endlein · 6. Juli 2026 um 11:00

Wenn es um Abwasser und dessen Reinigung geht, gibt es im Landkreis Neumarkt einen Spezialisten: Die Firma Huber SE entwickelt entsprechende Technologien. Auch solche für die vierte Reinigungsstufe, die kleinste Stoffe wie Medikamentenrückstände aus dem Abwasser holen soll. Im Interview erklären Rainer Köhler und Thomas Netter vom Berchinger Unternehmen, wie die Technologie funktioniert und wann viele Kläranlagen auf diese umgerüstet werden.

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Herr Netter, Was filtert die vierte Reinigungsstufe aus dem Abwasser?

Thomas Netter: Kläranlagen reinigen Abwasser üblicherweise in drei Stufen und entfernen Feststoffe, Nährstoffe (Stickstoff und Phosphor) und organische Verbindungen. Übliche Kläranlagen sind aber nicht darauf ausgelegt, Mikroschadstoffe zu entfernen.

Thomas Netter ist Produktmanager für Filtration bei Huber SE aus Berching. - Foto: J. Wittmann

Was sind das für Stoffe?

Netter: Arzneimittel wie das Schmerzmittel Diclofenac und Blutdrucksenker gehören dazu. Aber auch Hormone, Pestizide, Industrie- und Reinigungschemikalien sowie PFAS – dazu gehört beispielsweise Teflon – fallen darunter.

Was für Folgen hat das?

Netter: Im Gewässer führen sie bereits in geringen Konzentrationen zu Schädigungen von Fischen und Wasserlebewesen und belasten das Ökosystem. Über das Grundwasser gelangen sie auch wieder zurück zu uns Menschen, wo sie beispielsweise den Hormonhaushalt beeinflussen können.

Wie viel dieser Stoffe können Anlagen der vierten Reinigungsstufe herausfiltern?

Netter: Damit können viele dieser Mikroschadstoffe größtenteils entfernt werden, manche sogar nahezu vollständig. Gemäß der neuen EU-Kommunalabwasserrichtlinie sind mindestens 80 Prozent aller Mikroschadstoffe zu entfernen. Da die Zahl dieser Stoffe nahezu unendlich groß ist, sind in der Richtlinie bestimmte Leitsubstanzen wie beispielsweise Diclofenac angeführt, deren Entfernung auch nachgewiesen werden muss.

Wie funktionieren die Anlagen von Huber SE für die vierte Reinigungsstufe?

Netter: Unsere Anlagen bestehen meist aus einer Kombination von Filtrationsstufen und Aktivkohle. Bei Bedarf kann eine oxidative Stufe (Ozonung) zwischengeschaltet werden. Die Filtration entnimmt dem Abwasser, das bereits in drei Klärstufen gereinigt wurde, die noch enthaltenen Feststoffe. Bei der Ozonung werden die Moleküle von Medikamenten, Pestiziden und Hormonen mit Hilfe von Ozon zusätzlich „zerlegt“. Die Aktivkohle bindet die gelösten Schadstoffe und holt sie damit aus dem Wasserkreislauf.

Wie weit ist die Technologie?

Rainer Köhler: Die Technologien sind weitgehend marktreif und im Einsatz. Die Schweiz setzt sie bereits seit 2014 ein. In Deutschland konzentrieren sich die etwa 50 Anlagen auf Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Bei einigen hat Huber SE Lösungen für die vierte Reinigungsstufe geliefert. Zum Beispiel für Deutschlands bisher größte Verfahrenskombination aus Ozonung und Aktivkohle im Klärwerk Uhldingen am Bodensee. Hier haben wir die gesamte Aktivkohle-Stufe geliefert.

Rainer Köhler ist Technologie-Vorstand beim Berchinger Unternehmen Huber SE. - Foto: Nadine Rupp

Kann man abschätzen, wie viele Kläranlagen in den kommenden Jahren eine vierte Reinigungsstufe bekommen?

Köhler: Die EU-Kommunalabwasserrichtlinie ist seit Anfang 2025 in Kraft und muss bis 31. Juli 2027 in nationales Recht umgesetzt sein. Eine vierte Reinigungsstufe ist verbindlich für Kläranlagen mit mehr als 150 000 Einwohnergleichwerten. Die Kläranlage Neumarkt fällt darunter. Außerdem ist sie auch für kleinere Kläranlagen verpflichtend, wenn diese in Risikogebieten wie etwa Trinkwassereinzugsgebieten liegen. Nach aktuellen Schätzungen brauchen rund 600 Kläranlagen eine vierte Reinigungsstufe. Die Umsetzung soll gestaffelt bis Ende 2045 erfolgen. Derzeit ist ein starker Fokus auf Information und Planung in Deutschland zu sehen. Viele Kommunen haben begonnen, das Thema aktiv anzugehen. Die Umsetzung selbst ist aber noch in der Anfangsphase.

Klingt nach positiven Aussichten für Huber SE?

Köhler: Bei Huber schätzen wir die Marktentwicklung in Deutschland und EU-weit positiv ein. Auch weil die Richtlinie die Reinigungsleistungen von Kläranlagen verschärft und das zu Investitionen führen wird. Aber auch für außereuropäische Märkte gehen wir von steigenden Potenzialen aus.