Ständig neue Hitzerekorde: Experte erklärt „Regensburg-Phänomen“ – Wie heiß ist es wirklich?

36 Grad – und es wird noch heißer: Regensburg eilt dieser Tage von Hitzerekord zu Hitzerekord. Dahinter steckt ein bestimmtes Phänomen.
Erst diese Woche machte Regensburg wieder als heißeste Stadt in ganz Deutschland Schlagzeilen. Vergangenes Wochenende knackte die Domstadt gar einen Uralt-Rekord. Es wurden 37,2 Grad gemessen – so heiß war es im Juni seit 1873 nicht mehr. Zur Einordnung: Seinerzeit war Otto von Bismarck auf dem Höhepunkt seiner Macht. Warum ist die Oberpfalz-Metropole so ein heißes Pflaster? Der Diplom-Meteorologe Dominik Jung spricht von einem „Regensburg-Phänomen“ – für das er drei Gründe ausgemacht hat.
Warum ist es in Regensburg immer so heiß? Wetter-Experte liefert drei Erklärungsansätze
Erstens die Lage: „Regensburg liegt vergleichsweise tief im Donautal, eingebettet zwischen Fränkischer Alb im Nordwesten und Bayerischem Wald im Osten. In so einem Becken kann sich warme Luft stauen und schlecht abfließen – ein klassischer Wärmestau.“ Zweitens beobachtet er hier den sogenannten Lee-Effekt. Bei den typischen Hochsommerlagen mit südwestlicher bis südlicher Strömung liege Regensburg im „Windschatten“, also im Lee der Mittelgebirge und der Alpen. „Die Luft sinkt auf der abgewandten Seite ab, wird dabei zusammengedrückt, erwärmt sich und trocknet aus. Föhnähnliche Effekte verstärken die Hitze also zusätzlich.“ Und drittens: die kontinentale Prägung. „Ostbayern liegt weit von der See entfernt, der ausgleichende, kühlende Einfluss des Atlantiks fehlt weitgehend. Festlandsluft heizt sich tagsüber kräftiger auf als Luft in Küstennähe. Kommt dann noch trockener Boden dazu – wie aktuell –, fehlt die Verdunstungskühlung und die Werte schießen nach oben.“
Wichtig zur Einordnung des „Regensburg Phänomens“ sei dabei, dass dieses auch mess- und wahrnehmungsbedingt sei. „Regensburg ist eine etablierte, namentlich bekannte DWD-Station, die Redaktionen schnell zitieren – andere, ähnlich heiße Orte tauchen in den Schlagzeilen seltener auf“, sagt Jung. Hinzu komme, dass das Umfeld der Wetterwarte über die Jahrzehnte zunehmend bebaut wurde, was die gemessenen Werte zusätzlich nach oben gedrückt hat. „Es ist also eine Mischung aus echter Großwetterlage, lokaler Geografie und einem Stück Statistik- und Medieneffekt.“
Regensburg hat zwei Stationen, die das Wetter messen – darum liegen die Daten bisweilen deutlich auseinander
Gudrun Mühlbacher ist Sprecherin des Deutschen Wetterdienstes DWD. Auch sie bestätigt, dass sich die Messungen durch die zunehmende Bebauung an der Station verändert hätten. Man habe sich durchaus bemüht, auch in der Altstadt eine Messstation zu errichten. Mehrere Anläufe schlugen fehl. Vor einigen Jahren habe man allerdings eine Station auf dem Parkplatz der Rentenversicherung in der Gabelsbergerstraße eingerichtet. Diese entspreche zwar nicht den internationalen Standards und liefere daher keine offiziellen Daten. Dafür sei die Station urban geprägt – und damit durchaus relevant für den DWD.
„Uns interessiert, wie sich innerstädtische Temperaturen verändern.“ Die Station bei der Rentenversicherung gebe das ganz gut wieder, betont Mühlbacher. Gerade der Vergleich mit den Messwerten der Einrichtung im Stadtnorden an der Amberger Straße sei interessant. Auf der Webseite des Wetterdienstes kann man die Messungen einsehen. Dabei wird deutlich: Die Werte unterscheiden sich bisweilen deutlich. Ein Blick auf die Daten, die Dienstag auf Mittwoch gemessen wurden, zeigt, dass es in der Stadtmitte deutlich weniger abkühlt. Der Unterschied beträgt in etwa drei Grad. Untertags nähern sich die Werte dagegen wieder an.
Selbst in der Regensburger Altstadt ist es nicht überall gleich heiß
Die Frage, wie heiß es in Regensburg wirklich ist, ist in diesem Lichte betrachtet schwierig zu beantworten. Das sagt auch Mühlbacher. Sie gibt zu bedenken: „Menschen haben ein unterschiedliches Temperaturempfinden.“ Zudem sei es ein großer Unterschied, ob man durch eine schattige Gasse geht oder über einen Platz, der den ganzen Tag in der Sonne liegt. Kurzum: „Die Altstadt hat ein unterschiedliches Temperaturprofil.“ Naturgemäß könne eine einzelne Temperaturstation dies nicht abbilden. Es gehe darum, eine Relation herzustellen. Die Station auf dem Parkplatz sei durchaus mit dem Haidplatz zu vergleichen.
Also: In Regensburg ist es unterschiedlich heiß. Alles klar. Aber: Wo ist es besonders heiß? Fragen wir die Stadt. Eine eigene Wetterstation habe man nicht, geht aus einer Antwort von Stadtsprecherin Katrin Butz auf eine MZ-Anfrage hervor. Aber: „Die Stadt hat momentan eine aktualisierte Stadtklimaanalyse in der Fertigstellung, die das Klimagutachten von 2014 ersetzt und um wichtige Themenkarten ergänzt.“ Vorläufige Ergebnisse ordneten etwa den Haidplatz und den Neupfarrplatz gleichermaßen dem typischen Innenstadtklima mit einem hohen Wärmerisiko zu.
Der Neupfarrplatz in der Regensburger Altstadt ist vielleicht gar nicht so heiß, wie man meint
Zudem hat die Stadt Regensburg auf ihrem Geoportal eine Karte veröffentlicht, auf der die Ergebnisse einer sogenannten Thermalbefliegung einzusehen sind. Dabei wurden die Oberflächentemperaturen in der Stadt erfasst. Dabei besonders auffällig: der Alleengürtel. Dieser ist im Vergleich zu vielen anderen Orten deutlich kühler. Mit Blick auf den Haidplatz und den Neupfarrplatz sagt Stadtsprecherin Butz: „Wenngleich es sich bei beiden Plätzen um versiegelte Flächen handelt, profitiert der Neupfarrplatz im Gegensatz zum Haidplatz mit seiner zugehörigen Kirche noch von größerem Schattenwurf.“
Den Neupfarrplatz hat die Stadt genauer unter die Lupe genommen. Ein Ergebnis ist die neue Nebelsprühanlage. Auch der Alte Kornmarkt und der Augustinerplatz wurden im Laufe eines Projekts untersucht. „Für den Haidplatz liegen solche einzelnen Analysen derzeit noch nicht vor.“
In Anbetracht der Wetterprognosen dürfte die Analyse vieler Regensburger, die über den Haidplatz hecheln, schon feststehen: Es ist heiß, verdammt heiß.