Granitkanten als Stolpersteine: Deshalb gibt's so viele Stürze in der Chamer Altstadt

Von Johannes Schiedermeier · 16. Juni 2026 um 05:00

Granitkanten, weite Fugen, verschobene Steine: Die Chamer Altstadt ist ein hartes Pflaster – vor allem für Radler und Fußgänger. Einfache Lösungen für das Problem gibt es nicht.

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Es scheppert direkt vor dem Fenster der neuen Redaktion. Auf dem Gehweg in der Rosenstraße liegt eine Radfahrerin samt Untersatz. „Das da“, sagt sie, „hatte ich nicht gesehen!“ Sie deutet auf die zwei Zentimeter hohe Abgrenzung des Gehwegs gegenüber der Fahrbahn. Die Redaktion ist erst seit gut einer Woche an diesen Ort umgezogen. Seitdem sind fünf Leute gestürzt. Drei Radfahrer, eine alte Dame und ein indischer Student auf dem E-Scooter.

„Die kleine Kante übersieht man leicht“

Woran liegt das? „Der Gehsteig sieht genauso aus wie die Straße. Die kleine Kante übersieht man leicht“, sagt die Radfahrerin. Ihr Knie blutet, aber sie winkt ab: „Das geht schon!“

Im Rathaus kennt man die Probleme aus eigener Anschauung: Seit Jahren entpuppt sich der Granit auf den Straßen der Altstadt als hartes Pflaster, an dem sich alle Beteiligten mehrfach die Zähne ausgebissen haben: Planer, Pflasterer, Straßenbauer.

Wo die Ästhetik auf harte Realität trifft

Dabei sind sich in einem alle einig: Rein von der Ästhetik her ist die Lösung vom Feinsten. Doch in der Praxis hat sich das Pflaster als Fahrbahnbelag in vielen Bereichen nicht bewährt. Der Sog der darüberrollenden Autoreifen zieht den Brechsand aus den Fugen. Oft so tief, dass die Steine sich verschieben. Vor allem dort, wo trotz Tempo-30-Beschilderung höhere Geschwindigkeiten gefahren werden. Das führt dann zu lauten Abrollgeräuschen. Regelmäßiges Einsanden der Fugen bewirkt, dass die scharfen Steinchen von den Sohlen der Schuhe in die Geschäfte getragen werden, was den Böden dort schadet und zu Reinigungseinsätzen führt.

So kommentiert unser Reporter Johannes Schiedermeier das Problem.

In den Kurven verschiebt sich der Pflasterbelag durch die Zentrifugalkräfte der Autoreifen. Da hilft bisher nur, die Steine in Beton zu verlegen. Doch auch hier muss die Stadt mit Vorsicht zu Werke gehen. Die Städtebauförderung hat den Granit nicht nur deswegen bezuschusst, weil er das Bild der Altstadt aufwertet. Ein wichtiger Aspekt dabei war auch die Versickerungsfähigkeit durch die durchlässige Verfugung. Wer hier kein Fingerspitzengefühl walten lässt, der kann 25 Jahre lang zur Rückzahlung von Zuschüssen verdonnert werden.

Inzwischen war die Stadt mehrfach zu Kompromissen gezwungen. Zum Beispiel am Ende der Fuhrmannstraße. Dort, wo gebremst werden muss, bevor es auf die Fleischtorbrücke geht. Hier wurde teilweise sogar auf Asphalt rückgebaut. „Asphalt ist für die Fahrbahn halt immer noch die beste Lösung“, sagt Stadtbaumeister Volker Skibba.

Auch in Cham sind Plätze in der Regel viereckig

Er sagt aber auch, dass sein Vorgänger Franz Pamler Recht gehabt hat, was die Ästhetik betrifft. „Fahrbahnen und Gehweg in Granit zu machen, das sieht gut aus und hebt die Altstadt ab“, findet Skibba. Es gibt aber Orte, an denen die Stadt – still und leise – dem Druck der Realität nachgegeben hat. Es ist grundsätzlich eine Binsenweisheit, das ein Auto keine Ecken fahren kann. Trotzdem wurde der Spitalplatz in den Kurven eckig gepflastert. Der damalige Stadtbaumeister Franz Pamler hatte sich gegen jede Veränderung nachdrücklich gewehrt und darauf verwiesen, dass der Platzcharakter sonst verloren gehe. Und Plätze sind halt viereckig.

In der Folge läuft es nicht rund. Autofahrer fahren über die Ecke. Fußgänger und Radfahrer fühlen sich gefährdet. Poller werden aufgestellt und reihenweise wieder umgefahren. Jetzt sind die Ecken rund. Der Platz hat es überlebt.

Abgerundet: die Ecke am Chamer Steinmarkt - Foto: Johannes Schiedermeier

Aber selbst dort, wo die Ecke rund ist, lauern weiter Gefahren. „Bei der Buchhandlung Beer muss man auch aufpassen. Insbesondere, wenn Kinder dabei sind. Die betrachten die Fläche als Gehweg, während die Autofahrer die Pflasterung in der Kurve überfahren“, berichtet Stadtbaumeister Skibba aus eigener Anschauung.

Die Kante, an der mancher über die Klinge springt

Und da ist noch diese Idee mit der leichten Absetzkante zwischen Fahrbahn und Gehweg. Die lässt offensichtlich Fußgänger und Radfahrer immer wieder über die Klinge springen Auch Bürgermeister Martin Stoiber hat mitbekommen, dass es solche unangenehmen Begegnungen gibt, die buchstäblich an der Kante verlaufen. „Ich habe mich damit schon beschäftigt. Aber ich dachte, das ist ein Einzelfall. Wenn sich das häuft, müssen wir nochmal über Lösungen nachdenken.“

Für Radfahrer und Fußgänger bildet die zwei Zentimeter hohe Granitkante zwischen Fahrbahn und Gehweg eine Stolperfalle und führt zu Stürzen. - Foto: Johannes Schiedermeier

Das hat Stadtbaumeister Volker Skibba schon. Er würde sich wünschen, dass die Kante bleiben kann und die Leute aus Eigenverantwortung halt besser hinschauen. „So ganz sind wir noch immer nicht von diesem Revierdenken weggekommen, dass jeder – Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger – seinen Raum für sich beansprucht...“

Aber irgendwie ist er angesichts der Realität noch zu keinem befriedigenden Ergebnis gekommen, wie man dieser Kante den Schneid abkaufen könnte. Denn alles, was man nach der Fertigstellung machen könnte, dürfte teuer sein.

Lösung? Dringend gesucht

Farbe zu verwenden wäre ein ziemlicher Eingriff ins Stadtbild. Man könnte vielleicht ein gut sichtbares farbiges Band einfräsen. Das wäre aber aufgrund der laufenden Meter und der nötigen Arbeitsstunden ein ziemlich kostenintensives Unterfangen. Das Gleiche gilt für die Idee, die Kante noch etwas mehr abzuflachen. „Man könnte die Kante schon brechen“, sagt Ortsbaumeister Skibba, zweifelt aber, ob die Altstadt damit einen Schönheitspreis gewinnen würde. Lösung dringend gesucht.