Kelheim ist bestes Zuckerrüben-Gebiet – aber der Anbau bereitet Landwirten derzeit Sorgen

Von Martina Hutzler · 12. Juni 2026 um 19:00

Im Landkreis Kelheim wächst, was unser Essen versüßt: die Zuckerrübe. Für Landwirte wie Franz Steil und seine Tochter Lisa Kipfelsberger aus Herrnsaal hat der Anbau derzeit aber einen bitteren Beigeschmack: Die Preise sind weltweit im Keller, ein kleines Insekt macht große Probleme - und jetzt sind sie zudem besorgt wegen eines Vorhabens der Bundesregierung.

„Und ausgerechnet jetzt“, seufzt Dr. Helmut Ring, Geschäftsführer beim Verband bayerischer Zuckerrübenanbauer e.V., beim Gespräch auf dem Hof von Franz Steil: „Ausgerechnet jetzt fällt der Politik nichts anderes ein als die Einführung einer Zuckerabgabe!“ Die Abgabe auf zucker-gesüßte Getränke ist einer der Vorschläge zur Reform der gesetzlichen Krankenversicherung; Bundes-Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) will ihn ab 2028 umsetzen (siehe Info am Textende). Die Debatte darüber fällt zusammen mit einer satten Krise am Zuckermarkt. Der sei sowieso seit 2017 sehr störanfällig, schildert Helmut Ring.

2017 lief die „Europäische Zuckermarkt-Ordnung“ aus. Mit der hatte die EU Anbau und Verarbeitung der Zuckerrübe vor dem Weltmarkt abschotten und schützen wollen. „Die Produktion von Zucker aus Zuckerrohr ist billiger“, erklärt Franz Steil; auch, weil in den entsprechenden Anbaugebieten, etwa in Südamerika, niedrigere Arbeits-, Umwelt- und sonstige Standards gelten würden. Trotzdem hätten die europäischen Anbaugebiete eigentlich einen Vorteil – der aktuell aber quasi ins Gegenteil umschlägt, erklärt Henning Raß, Agrarökonom der Südzucker AG.

Kelheim liegt inmitten von Europas „Rübengürtel“

Quer durch Europa von Frankreich und den Niederlanden über Süddeutschland bis nach Polen und die Ukraine, erstreckt sich nämlich eine Zone – „Rübengürtel genannt“ – in der die Zuckerrübe bestens gedeiht. Das hat sie allerdings, mit gleich drei Rekord-Ernten in der letzten Dekade, so gut bewiesen, dass sich jetzt EU-weit in den Silos der Zuckerfabriken ein Zuckerberg von fast drei Millionen Tonnen auftürmt. Freilich auch, weil die Landwirtschaft den Anbau der wirtschaftlich interessanten Feldfrucht ausweitete, und weil die Politik Import-Beschränkungen lockerte, etwa für die kriegsgeplagte Ukraine. All das hat nun Folgen auch für Franz Steil und Lisa Kipfelsberger.

„Zucker ist ein hoch spekulatives Produkt“, erklärt Helmut Ring: Zeichnet sich eine schlechte Ernte ab, schießen die Preise nach oben: Da bringt Weißzucker ab Werk schon mal 800 Euro pro Tonne. Nach Spitzen-Ernten stürzen sie ab; aktuell sind es rund 500 Euro. „Da verdient keiner was damit“, sagt Henning Raß nüchtern.

Deshalb haben sich unter anderem die Südzucker AG und ihre Rüben-Lieferanten – viele davon sind zugleich Aktionäre – eine freiwillige Rosskur auferlegt bei der Anbaufläche. Die ergibt sich aus den Lieferrechten, die Bauern und Südzucker vereinbaren. 20 Prozent weniger sollten heuer angebaut werden. EU-weit hat man sich ein Minus von 16 Prozent für zwei Jahre vorgenommen. Wenn all das halbwegs klappt, „wären die Überschüsse bis etwa Mitte 2027 abgebaut“, so Ring.

Die Schilf-Glasflügelzikade ist im Rübenanbau auf dem Vormarsch. Das Insekt saugt an Pflanzen und überträgt dabei bakterielle Pflanzenkrankheiten. Mit einer Klebefalle wird das Auftreten der Zikade überwacht, erklären Dr. Helmut Ring (li.) und Henning Raß. Bei hohem Befall kommen Pflanzenschutzmittel zum Einsatz. Raß koordiniert dies für die Südzucker-Lieferanten. - Foto: Hutzler

Am Herrnsaaler Betrieb, einem von rund 7000 Anbauern in Bayern, soll’s jedenfalls nicht scheitern: „Wir machen mit – wir wollen unseren Markt ja stützen“, sagt Betriebsleiter Franz Steil. Leer bleiben die Äcker natürlich nicht, „wir haben Mais und andere Früchte angebaut“, erklärt seine Tochter, studierte Landwirtin mit Schwerpunkt Pflanzenbau. Fruchtfolge, also das Wechseln zwischen der Rübe und (botanisch weit entfernten) Getreidesorten, ist sowieso Standard.

Hohe Kosten, geringer Erlös: Aktuell ist Anbau unlukrativ

Trotzdem hofft Kipfelsberger, die zusammen mit ihrem Mann den Hof übernehmen wird, dass die Zuckerrübe bald wieder die „Königin des Ackers“ ist auf ihren 60 Hektar eigenen und gepachteten Ackerflächen. Auf die sehr spezielle Anbautechnik ist der Betrieb ja auch ausgelegt, mit Gerätschaften wie der Sämaschine, und mit überbetrieblichen Zusammenschlüssen, über die etwa die sehr teuren Rübenroder und Verlademaus angeschafft sowie den Transport der Rüben in die Fabrik nach Rain am Lech organisiert werden. All dies zu finanzieren, plus Saatgut, Dünger, Pflanzenschutz, sei mit aktuell 32 bis 35 Euro Erlös pro Tonne Rüben schwierig. „Ein guter Preis wären etwa 50 Euro“, erläutert Franz Steil.

Der Anbau von Zuckerrüben erfordert einiges an Technik. Die Sämaschine zum Ausbringen des Saatguts - das Franz Steil im Bild zeigt - hat der Herrnsaaler Hof selbst; andere Maschinen wie Rübenroder und Verlademaus werden gemeinschaftlich gekauft. Lisa Kipfelsbergers Mann Martin kümmert sich mit seinem Lohnunternehmen außerdem um den Rüben-Transport in die Südzucker-Fabrik Rain am Lech. - Foto: Hutzler

Und zur trüben Marktlage gesellt sich nun die geplante Zuckerabgabe. Lisa Kipfelsberger findet es „schwierig, wenn man Konsum über Abgaben steuern will: Das sollte doch jeder für sich selbst entscheiden können.“ Kritisch sieht sie, wenn „Zucker pauschal als was Schlechtes dargestellt wird“ – sie selbst verwendet ihn „ganz normal“ in der Küche. Die Menge macht’s, findet ihr Vater: Das sei bei anderen Genussmitteln wie Bier genauso. Den beiden sind eher Stevia oder künstliche Ersatzprodukte suspekt.

Die aber werde die Lebensmittel-Industrie wohl verstärkt verwenden, falls die Zucker-Abgabe komme, vermuten sie. Und diese Industrie nimmt hierzulande 85 bis 90 Prozent des „weißen Goldes“ ab, für Getränke, Süßwaren, Konserven und Co. Nur 10 bis 15 Prozent landen klassisch als Zucker direkt in unseren Einkaufswägen.

Aufschlag auf süße Getränke geplant

• Sparzwang: Weil die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) am Anschlag ist, hat eine von Bundesgesundheitsministerin beauftragte Finanzkommission 66 Spar- und Reformvorschläge erarbeitet. Einen Teil davon hat Warken zu einem Gesetzespaket geschnürt, das Ende April im Grundsatz vom Bundeskabinett gebilligt worden ist.

• Einnahmequelle: Ein Vorschlag lautet, dass für Getränke mit mehr als 5 Gramm Zucker auf 100 Milliliter eine Abgabe von 26 Cent pro Liter erhoben wird; und 32 Cent bei mehr als acht Gramm. Das soll der GKV rund 500 Millionen Euro pro Jahr einbringen. Ob das so kommt, ist aber noch offen.

• Unsicherheit: Denn die Zuckerabgabe ist koalitionsintern umstritten: Nina Warken, die laut „Ärzteblatt“ noch zu Jahresbeginn für Aufklärung und Freiwilligkeit beim Zuckerkonsum plädiert hat, sieht eine Abgabe nun positiv. Landwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) hat sich bislang dagegen ausgesprochen. Derzeit stimmen sich die Ministerien ab.

• Pro und contra: In der öffentlichen Debatte verlaufen die Fronten erwartbar: Verbände und Vertreter aus dem Gesundheitssektor fordern schon lange Abgaben auf zuckerhaltige Produkte: Sie sehen Zucker als Auslöser für „Volkskrankheiten“ wie Diabetes, Übergewicht, Karies und hoffen, dass seine Verteuerung schon bei der Lebensmittel-Herstellung zu einem sparsameren Einsatz führt. Dagegen wollen Verbände des Agrar-Sektors und der Zuckerindustrie bei freiwilligen Maßnahmen wie Ernährungsbildung und Kalorien-Kennzeichnung bleiben; Verbraucherinnen und Verbraucher sollten ihren Konsum selbstverantwortlich steuern dürfen.