Akkordeon mit Nachwuchssorgen: Musikschulen im Landkreis Kelheim haben so ihre Probleme

Von Eva Flierl · 10. Juni 2026 um 19:00

Der zwölfjährige Franz Kreil strahlt über beide Ohren als er sein Akkordeon zur Hand nimmt und gemeinsam mit Musiklehrer Viktor Dukart, Leiter der Musikakademie Bad Abbach, den Klassiker „In the Mood“ von Glenn Miller anspielt. Schon als Zweijähriger wollte er Akkordeon spielen lernen – heute gehört er damit eher zu einer Ausnahme. Denn im Landkreis Kelheim entscheiden sich immer weniger Musikschüler für das vielseitige Instrument.

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Dabei vereint das Akkordeon Tradition und Moderne wie kaum ein anderes. Um seine musikalische Vielfalt stärker ins Bewusstsein zu rücken, wurde es von den Landesmusikräten zum „Instrument des Jahres 2026“ gewählt.

Sein Klang entsteht durch den Balg, der sich durch Zug und Druck wie eine atmende Lunge bewegt – und dem Instrument eine beinahe stimmähnliche Ausdruckskraft verleiht. „Es ist fast wie ein Spiegel der menschlichen Atmung“, beschreibt der Kelheimer Akkordeonist Josef Wallner das Instrument. Bereits im Alter von sieben Jahren begann er zu spielen.

Mit seinem Können gewann er im August 2024 den Irmler-Musikwettbewerb der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Trotz seiner besonderen Ausdruckskraft haftet dem Akkordeon bis heute häufig das Klischee der reinen Volksmusik an. Lange Zeit sei es unterschätzt und vorschnell als „Quetschkommode“ der Volksmusik abgestempelt worden, sagt Wallner. Dabei sei das Akkordeon ein wahres Weltinstrument, das unterschiedlichste Stimmungen und Musikrichtungen vereint.

Musikschulen ringen um Nachwuchs

Musikschulen im Landkreis Kelheim berichten überwiegend von sinkenden Schülerzahlen im Akkordeonunterricht. „In den letzten Jahren hatten wir zwei Schüler, dieses Jahr keinen einzigen“, sagt Albert Galimzanov, Leiter der Städtischen Musikschule Kelheim. Anders sieht die Lage in Neustadt aus: Dort sind die Anmeldungen in den letzten Jahren relativ konstant geblieben, wie Akkordeonlehrer Fritz Krebler sagt. Er unterrichtet aktuell neun Schüler, insgesamt gäbe es zehn. Gründe für die sinkenden Schülerzahlen sehen die regionalen Akkordeonisten vor allem im Image des Instruments. Katharina Kegl-maier, Inhaberin der Musikwerkstatt Abensberg, vermutet, dass viele Menschen das Akkordeon noch immer ausschließlich mit Volksmusik verbinden. Auch Josef Wallner bedauert, dass kaum Bewusstsein für die musikalische Bandbreite des Instruments existiert.

Mit der geringen Nachfrage sinkt zugleich die Zahl der Lehrkräfte. In der Musikwerkstatt Abensberg gibt es derzeit keinen Akkordeonlehrer, wie Kegelmaier unserer Zeitung erklärt. Während das Akkordeon in der Region um Nachwuchs kämpft, erlebt die Steirische Harmonika einen deutlich stärkeren Zuspruch. „Aktuell haben wir etwa zehn bis zwölf Schüler“, berichtet Keglmaier. Auch Kreismusikpfleger Berthold Wecker beobachtet diesen Trend. Er selbst spielt seit Ende der 1960er Jahre Akkordeon und kennt die Szene gut.

Dennoch gibt es durchaus Chancen für einen Aufschwung des Instruments. Nach Einschätzung von Günter Wein, Akkordeonlehrer an der Städtischen Musikschule Kelheim, gibt es aktuell einen Wandel zurück zu akustischen Instrumenten. Besonders gefragt seien in diesem Sinne zwar weiterhin Klavier und Gitarre, doch auch das Akkordeon könne davon profitieren.

Maria Reiser - Foto: Delia Ebn

Bleibt das alte Image trotz moderner Musikstile?

Viele Akkordeonspieler wünschen sich vor allem eines: dass die Vielseitigkeit des Instruments endlich wahrgenommen wird. Josef Wallner findet es schade, dass das Akkordeon oft falsch dargestellt wird. „Viele wissen gar nicht, welche unterschiedlichen Musikrichtungen man darauf spielen kann“, sagt er. Dabei reicht das Repertoire weit über Volksmusik hinaus. Nico Graz, Musiker und Multiinstrumentalist aus Kelheim, spielt bevorzugt Jazz, Wallner selbst widmet sich Tango, Klassik und Barock.

Die Musikerin Maria Reiser entwickelt mit dem Akkordeon seit einigen Jahren eigene Stilrichtungen wie Jodel-Reggae, Jodel-Pop und Bavarian Rap. Inspiriert wurde sie dabei auf einer Reise nach Indien. Sie bezeichnet das Instrument als „Wanderinstrument“ – robust, leicht zu transportieren und wie ein Orchester zum Mitnehmen.

Auch Berthold Wecker betont, dass das Akkordeon heute längst nicht mehr nur als Instrument für Alleinunterhalter gesehen werden sollte. Entscheidend sei das gemeinsame Musizieren. Die Motivation komme dabei häufig aus dem persönlichen Umfeld, sagt er.

Leicht zu erlernen ist das Instrument allerdings nicht ganz. Zwar betont Nico Graz, dass man schnell gute Ergebnisse erzielen und bereits früh vollwertig musizieren kann, dennoch stimmen ihm auch Josef Wallner und Günter Wein in dem Aspekt zu, dass es durchaus viel Übung bedarf, wenn ein höheres Niveau erreicht werden will.

Der Rückgang beim Akkordeon-Nachwuchs sei kein Einzelfall, sagt Reiser: „Nicht nur das Akkordeon verliert junge Musiker, das betrifft viele Instrumente.“ Als Grund nennt sie vor allem die wachsende Nutzung von Smartphones und digitalen Medien. „Früher hat man sich entweder für ein Instrument oder für Sport entschieden – ich habe damals die Musik gewählt.“ Zudem gelte das Akkordeon unter Jugendlichen oft noch als „uncool“.

Gerade deshalb könnte der Titel „Musikinstrument des Jahres 2026“ eine Chance sein – nicht nur für das Akkordeon selbst, sondern auch für die Rückkehr der Musik in den Alltag junger Menschen und für die Wiederentdeckung der Bedeutung gemeinsamen Musizierens.

• Das Instrument des Jahres

• Wahl: Der Landesmusikrat Schleswig-Holstein wählt seit 2008 jährlich das „Instrument des Jahres“, um das Musizieren zu stärken sowie die Vielfalt eines Instruments hervorzuheben. Auch die Landesmusikräte anderer Bundesländer beteiligen sich mit Aktionen rund um das jeweilige Instrument des Jahres.

• Würdigung: Der international renommierte Akkordeonist Stefan Hussong ist offizieller Schirmherr für Bayern im Akkordeon-Jahr 2026. Er sagt: „Über viele Jahrzehnte wurde das Akkordeon unterschätzt. Dabei ist es in der Volksmusik ebenso zu Hause wie in der Klassik, im Jazz und besonders in der zeitgenössischen Musik“.

• Vielseitigkeit: Zur Rolle des Akkordeons sagt Stefan Hussong: „Das Akkordeon ist nah bei den Menschen: mobil, vielseitig und zugleich von großer künstlerischer Tiefe“, sagt der Schirmherr, „wenn wir ihm eine Bühne geben, stärken wir das gemeinsame Musizieren, den kulturellen Austausch und die Freude am Klang“.