Der 15. Bayernslam kehrt nach Regensburg zurück, wo alles anfing

Von Katharina Kellner · 28. Mai 2026 um 16:02

Dichten, bis das Mikro brennt: Vor 25 Jahren gab es Regensburgs ersten Poetry Slam, vor 15 Jahren die erste bayerische Meisterschaft. Hans Krottenthaler und Ko Bylanzky erzählen von der Erfolgsgeschichte des Literaturformats.

Beim Poetry Slam steht schon mal das Mikro in Flammen. Nicht wortwörtlich, aber auf jeden Fall gefühlt. Dieser sportliche Wettstreit nur mit Worten, diese furiose Dichtkunst fesselt das Publikum, seit diese Mischform aus Prosa, Rap, Comedy, Lyrik und Performancekunst aus den USA nach Europa herüber schwappte.

Regensburg ist eine bayerische Hochburg dieses Formats, das vom Zusammenspiel von Form und Inhalt lebt. Wenn nun am 5. Juni das große Finale des Bayernslam im Audimax der Universität steigt, dann gibt es dieses Hochfest der bayerischen Spoken-Word-Bewegung stolze 15 Jahre und kehrt dahin zurück, wo alles seinen Anfang nahm: Im Mai 2010 wurde die Entscheidung der ersten bayerischen Poetry-Slam-Meisterschaften im Regensburger Velodrom ausgetragen.

Schon damals war das brennende Mikro das Plakatmotiv. Beim aktuellen Bayernslam überreicht Regensburgs Kulturreferent Wolfgang Dersch einen Siegerpokal mit demselben Logo. Eine weitere Konstante: Hans Krottenthaler, Geschäftsführer und künstlerischer Leiter des Kulturzentrums Alte Mälzerei und Ko Bylanzky, Münchner Literaturveranstalter und Slam-Master, arbeiten zusammen wie schon beim ersten Bayernslam.

2016 wurde der Poetry Slam offiziell Hochkultur

Sie waren es, die im April 2001 die Geburtsstunde des Poetry Slam in Regensburg einläuteten. Krottenthaler kontaktierte Bylanzky, der da schon eigene Erfahrung mit Slams hatte: 1996 hatte er mit Rayl Patzak den Munichslam in der Kultkneipe Substanz etabliert. Am Telefon erzählt Bylanzky, dass sie dafür viele alte Zöpfe des dort bestehenden Literatur-slams abschnitten: „Wir wollten das lebhafter gestalten und uns abheben vom gescheiterten Versuch unseres Vorgängers.“ So schafften sie nicht nur den Tisch auf der Bühne ab, sondern auch die Jury und die Praxis, A- und B-Noten zu vergeben: „Die fanden wir total manieriert und deplatziert.“ Sie entschieden sich für die demokratische Variante: Das Publikum stimmte per Applaus ab.

Genauso machten – und machen – sie es auch in der Alten Mälze. Bylanzky sagt, er habe damals die Begeisterung des Regensburger Publikums wahrgenommen. Die ist seither ungebrochen: Der Mälzeslam ist regelmäßig ausverkauft. Laut Krottenthaler ist Poetry Slam nicht länger nur für Studierende attraktiv. Zum Sommerslam im Thon-Dittmer-Palais kommen alle Altersgruppen und Gesellschaftsschichten. Auch sei das Niveau nicht mit dem der Anfangsjahre vergleichbar: „Es ist jetzt durchgehend sehr hoch.“ Von zwölf bis 14 Poeten auf der Bühne seien zehn spitze. Bei den Slams erlebt man Slammerinnen und Slammer aus dem deutschsprachigen Raum, die Honorare bekommen. Für Neueinsteiger gibt es kleinere Slams oder die U-20-Meisterschaften. Rund 1500 Poetinnen und Poeten waren es seit dem Start des Formats in rund 200 Veranstaltungen, hat Krottenthaler ausgerechnet.

Die deutschsprachige Poetry-Slam-Szene gilt als eine der größten der Welt. 2016 nahm die UNESCO den deutschsprachigen Poetry-Slam in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes auf. Damit war er offiziell Hochkultur. Die UNESCO-Begründung: Es habe sich „eine selbstständige künstlerische Form mit eigener Ästhetik entwickelt, die sich (...) im aktuellen Literatur- und Kleinkunstkanon etabliert hat.“

Was macht einen guten Abend für Bylanzky aus, der schon unzählige Poetry Slams erlebt hat? „Manche wollen Themen und Botschaften, andere wollen es humorvoll und lustig. Wenn für alle etwas dabei ist, wenn Stile und Textarten bunt gemischt sind, ist mir das am Liebsten.“ Auch ein guter Auftritt zähle – handwerkliches Können solle erlebbar sein.

Der Bayernslam am 5. Juni versammelt jene zehn besten Bühnenpoeten, die sich nach Vorrunden und Halbfinals in verschiedenen bayerischen Städten fürs Finale qualifiziert haben. „Das Finale ist megaspannend, die Texte der Finalistinnen müssen richtig stark sein“, sagt Krottenthaler. Dabei wird sich zeigen, ob Julius Althoetmar aus München, der dreimal in Folge den Bayernslam gewann, den Titel erneut verteidigen kann. Eines steht schon fest: Kein Regensburger wird ihn entthronen – diesmal hat sich kein hiesiger Poet für das Finale qualifiziert. Allerdings ist die Regensburger Poetry Slammerin und Podcasterin Lena Krebs dabei – sie moderiert zusammen mit Ko Bylanzky.

„Wer sich auf die Bühne traut, wird vom Publikum gefeiert“

Die Entscheidung über den Gewinner liegt beim Bayernslam in den Händen einer Jury. „Wir brauchen beim Bayernslam ein klares, nicht anfechtbares Ergebnis“, sagt Bylanzky. Krottenthaler gibt zu bedenken, bei 600 Zuschauern sei es schwierig, die Applaus-Intensität zu messen. „Am Ende entscheiden Zehntelpunkte.“

Allerdings, sagt der Mälze-Chef, sei der Wettbewerbsgedanke beim Poetry Slam „nicht so tierisch ernst wie es sich anhört: Jeder, der sich auf die Bühne traut, wird vom Publikum gefeiert“. Letztlich gebe nicht die Perfektion von Inhalt und Form den Ausschlag, sondern die Glaubwürdigkeit des Vorgetragenen: Wenn das Publikum merke, dass die Worte ganz von innen heraus kommen, dann entflammt so ein brennendes Mikro den ganzen Saal.

INFO: Poetry Slam:

Regeln: Die Texte müssen selbst geschrieben sein, Gesang, Requisiten oder Kostüme sind nicht erlaubt. Es gibt ein Zeitlimit von wenigen Minuten.

Wurzeln: Mitte der 1980er Jahre in den USA: Weil dem Dichter Marc Kelly Smith traditionelle Lesungen mit Buch und Wasserglas zu langweilig waren, erfand er das neue Format. Als der erste Poetry Slam 1986 in Chicago über die Bühne ging, gab es den Namen noch gar nicht. Der Dichterwettstreit verbreitete sich rasend schnell und kam in den 1990ern nach Europa.