Alexander Etzel-Ragusa bringt in Furth im Wald Stephen Kings Thriller auf die Parkarena-Bühne

Seine eigene Romanfigur Misery wird für einen Bestsellerautor zum Verhängnis. Denn eine Frau, die sein besessener Fan ist, greift zu rabiaten Mitteln, weil ihr der Ausgang seiner Geschichte nicht passt. Nun kommt „Misery“ von Stephen King an vier Terminen als Freilichtspiel nach Furth im Wald.
Diese Geschichte hat Kultstatus: In der Waldeinsamkeit des US-Bundesstaates Colorado findet Anwohnerin Annie nach einem Autounfall einen schwer Verletzten. Sie zieht ihn aus dem Wrack, nimmt ihn mit nach Hause. Annie Wilkes weiß genau, wen sie sich ins Haus holt: Paul Sheldon, Autor jener Liebesromane, die sich um die Heldin Misery drehen und deren fanatischer Fan Annie ist. Als sie entdeckt, dass Misery im neuesten Roman sterben muss, ist sie außer sich: Sie isoliert den hilflosen Schriftsteller und zwingt ihn, einen neuen Roman zu schreiben: Misery muss zurückkehren.
Diese Geschichte bekommt nun in Furth im Wald eine besondere Bühne in der im Mai 2025 eröffneten Parkarena. Gebaut aus regionalem Holz , war sie Herzstück der Landesgartenschau 2025 und als Langfrist-Projekt angelegt: Die spektakuläre Holzgitterkonstruktion wird weithin bewundert, auch von Stararchitekt Sir Norman Forster. Sie spannt sich 45 Meter weit über 450 Zuschauerplätze und eine großzügige Bühne. Für den berühmten Further Drachenstich ist sie zwar zu klein – die Aufführungen mit 300 Darstellern, Pferden und Kutschen brauchen die 1500 Plätze, die der Stadtplatz bietet, wie Alexander Etzel-Ragusa sagt. Doch der Regisseur des Drachenstichs freut sich sehr über den Parkarena-Neubau: „Anderswo werden Theater gekürzt und geschlossen, Furth ist eine der wenigen Kommunen in Deutschland, die eine Spielstätte eröffnet.“ Etzel-Ragusa vereinbarte mit Bürgermeister Sandro Bauer und dem Stadtrat eine große Theaterinszenierung für die Parkarena. Mit „Misery“, dem Stück nach dem gleichnamigen Roman von Stephen King, hofft er, ein breites Publikum anzulocken.
Bei Annie wirkt der Kitschroman wie eine Droge
Annies und Pauls psychologische Abgründigkeit machte „Misery“ zum höchst erfolgreichen Thriller. Der Stoff wurde verfilmt und 1990 für den Broadway adaptiert. An dieser Version orientiert sich auch Etzel-Ragusa für seine Inszenierung – allerdings bringt er durchaus eine eigene Lesart der Geschichte ein, wie er am Telefon erklärt: Für ihn ist „Misery“ eher Psychodrama als Horrorstoff. „Der Horror kommt subtiler daher, er wird durch Abhängigkeitsverhältnisse transportiert.“ In diesem Stück seien „zwei aufeinander angewiesen, die man trennen sollte“.
Etzel-Ragusa will Annie nicht auf die böse Krankenschwester, Paul nicht auf den armen Schriftsteller reduziert sehen. „Wir sehen es differenzierter, beide sind Opfer und Täter.“ Paul biete Annie mit seiner Romanreihe den willkommenen Eskapismus aus ihrem einsamen Leben. Doch der Kitschroman wirke wie eine Droge: „Dessen Fantasiewelt löse keine Problem.“ Auch der Schriftsteller ist nicht nur ein Sympath: Er kommen „aus einer harten Selbstfindungsphase“: Sein neues Buch handele von seinen „schlimmsten Jahren in Hybris und Drogen, seine Frau und Tochter haben sich von ihm abgewandt, er drohte, am eigenen Erfolg zu ertrinken“, erklärt Etzel-Ragusa. Dass Annie ihn dominieren wolle, bekämpfe er „mit fairen und unfairen Mitteln“: Sein Bildungsvorsprung ihr gegenüber, seine Weltläufigkeit, die Ironie, die sie nicht versteht: All das könne „eine böse Waffe sein“.
Weil er die Kitschfigur Misery sterben lassen will, Annie aber eine Art Junkie ist, greift sie zu rabiaten Methoden. Das könne man auch als Empowerment-Story sehen, sagt der Regisseur: „Zum ersten Mal setzt sich Annie durch.“ Dazu muss man wissen: Sie ist nicht derart gewalttätig wie in der Buchvorlage, auf Splatter-Elemente wird verzichtet. Für den Regisseur ist Annie eine dramatische Figur, die aus einer unglücklichen Ehe kommt und in Paul Sheldon verliebt ist. „Unsere Lesart ist: Jeder ist ambivalent. Dagegen sperrt sich das Stück nicht.“
Etzel-Ragusa freut sich, in Katy Karrenbauer und Christian Erdt zwei großartige Hauptdarsteller zu haben, die die Facetten von Annie und Paul zur Geltung bringen. Wer Karrenbauer aus ihrer Serie „Hinter Gittern – Der Frauenknast“ kennt, in der sie rund zehn Jahre lang die Rolle der dominanten Gefängnisinsassin Christine Walter spielte, sollte nicht den gleichen Typus erwarten, sagt der Regisseur. Eher das Gegenteil: Karrenbauer zeige Annie in ihrer Verletzlichkeit: „Man kann eine andere Katy Karrenbauer erleben, als man sie gewöhnlich kennt.“
Katy Karrenbauer – mal anders, als man sie kennt
Erdt, geboren in Furth im Wald, spielte an verschiedenen Bühnen – Staatstheater Wiesbaden, Münchner Residenztheater, Berliner Ensemble – und in TV-Rollen wie „Polizeiruf 110“, „Die Bergretter“, „Der Alte“, „SOKO“ oder „Tatort“. Etzel-Ragusa arbeitete mit beiden schon zusammen – mit Karrenbauer bei den Römerfestspielen Trier, mit Erdt beim Drachenstich. Der habe dort „seine ersten Theaterschritte gemacht und in jungen Jahren eine Hauptrolle von mir bekommen“. In einer kleinen Rolle sucht Thom Nowotny als Sheriff nach dem verschwundenen Paul Sheldon. Ansonsten bespielen Karrenbauer und Erdt die Freilichtbühne der Parkarena, die Annies Haus und Garten umfasst. Etzel-Ragusa sagt, die „Naturbühne entfalte in der Inszenierung ihren Charme: „Es ist schön, Platz zu haben. Pauls Fluchtversuche enden hier nicht an der Haustür.“

Info: Misery in Furth im Wald: Der Dramaturg und Regisseur Alexander Etzel-Ragusa war an verschiedenen Theatern tätig und schrieb Theaterstücke, Musicals und Revuen. Er betreut als künstlerischer Leiter Freilicht- und Festspiele. Seit rund 20 Jahren führt er Regie beim Further Drachenstich, dessen Geschichte er aktualisierte. „Misery“ mit Katy Karrenbauer und Christian Erdt hat Premiere am 10. Juni. Weitere Vorstellungen : 11. Juni, 19 Juni (jeweils 19.30 Uhr) und 20. Juni um 19 Uhr in der Park-Arena Furth im Wald. Eine Aufführung dauert gute zwei Stunden mit Pause. Infos und Ticket-Vorverkauf: www.misery.icu