MR-Chef Maier-Scheubeck: „Der Staat hat die Menschen entmündigt“

Von Christian Eckl · 7. Mai 2026 um 18:30

Nach 30 Jahren an der Spitze geht MR-Chef Nicolas Maier-Scheubeck in den Ruhestand. Im Interview mit der Mediengruppe Bayern spricht er offen über Deutschlands wirtschaftliche Stagnation, die seiner Meinung nach gescheiterte Energiewende und einen Staat, der seinen Bürgern den Leistungsgedanken aberzogen hat. Und auch die Regensburger Stadtpolitik kommen nicht ungeschoren davon.

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Herr Maier-Scheubeck, Sie haben kürzlich Ihren Rückzug aus der Geschäftsführung der MR angekündigt. Warum?

Nicolas Maier-Scheubeck: Am 31. März habe ich mein dreißigstes Jahr als Geschäftsführer vollendet – das ist nicht alltäglich und auch genug. Das Leben ist endlich. Zudem geht man gerne, wenn es am schönsten ist.

Was hat sich in diesen 30 Jahren verändert?

Scheubeck: Als ich hier angefangen habe, hatten wir 115 Millionen Euro Umsatz, 1050 Mitarbeiter und fünf Beteiligungen. Heute sind es 1,5 Milliarden Euro, 5500 Mitarbeiter und 50 Beteiligungen. Was sich nicht verändert hat: Der Stufenschalter ist Kern unseres Lösungsangebots, Reinhausen der dominante Standort und die MR noch immer ein Familienunternehmen.

MR ist in Reinhausen verwurzelt. Wäre es ein anderes Unternehmen, wenn es nicht so wäre?

Scheubeck: Wir haben uns vor 125 Jahren per Namenswahl zum Ort bekannt. Seither sind wir der stets verlässliche, gute Nachbar. Das stärkt auch die Wahrnehmung als Familienunternehmen.

Dr. Bernhard Jansen hat 1926 eine Erfindung gemacht, die bereits hundert Jahre währt und tausende Familien ernährt. Wäre das heute noch möglich?

Scheubeck: Ich bin überzeugt, dass es solche Erfinder an vielen Stellen in der Welt gibt, auch in Deutschland. Das Besondere an Dr. Jansen war jedoch die Verbindung von drei Aspekten: Er selbst hatte die Erfindung gemacht, diese zugleich branchenweit als Standard etabliert und darüber hinaus hier in Regensburg industrialisiert. Diese Fähigkeit zur Etablierung eines komplexen Ökosystems würde heute durch Compliance-Regeln erschwert werden. Vielleicht hätte er als Vorstand des Energieversorgungsunternehmens zurücktreten oder das Patent abgeben müssen, weil die Erfindung in seinem Tätigkeitsfeld Verwendung findet.

Hat für Sie in diesen 30 Jahren ethische Unternehmensführung eine Rolle gespielt?

Scheubeck: Wenn der Sitz des Unternehmens mit dem Schwerpunkt der Wertschöpfung zusammenfällt, eine Verbindung von der Unternehmensführung zu den Eigentümern besteht und man am Ort wohnt, dann diszipliniert das auch. Ich kann und will mir manches nicht erlauben, weil wir sonst in Regensburg schief angesehen werden. Ansonsten ist die Compliance-Diskussion etwas aufgeblasen und kommt oft von Firmen, die ihren Mitarbeitern eher misstrauen. Es sind aber nicht Familienunternehmen mit Gesetzesverstößen auffällig, sondern die börsennotierten Großunternehmen mit einem Übermaß an Hochglanz-Aussagen und Regelwerken.

Sie sind international unterwegs. Wenn Sie hierzulande etwas ändern könnten – was wäre das?

Scheubeck: Das Einfachste wäre die Einrichtung von Sonderwirtschaftszonen. Das kostet den Staat kein Geld. Man erklärt etwa große Industrie- und Gewerbegebiete zum Experimentierfeld und dort gelten 30 Jahre lang eine Vielzahl von Regeln nicht. Wenn es dort erwartungsgemäß schneller und besser voranginge, müsste sich unsere Gesellschaft fragen, warum das so ist. Diese Selbsterkenntnis muss man allerdings aushalten und daraus lernen wollen.

Viele Gesetze und Regulierungen wurden ja eingeführt, um unser Land besser zu machen.

Scheubeck: Deutschland erreichte in den letzten zehn Jahren im Durchschnitt kurs- und inflationsbereinigt nicht einmal ein Nullwachstum, die USA und China dagegen zwei und 5,5 Prozent. Seit langer Zeit lassen wir jedes Jahr leichtfertig ein bis zwei Prozentpunkte volkswirtschaftliches Wachstum liegen. Und das spüren alle Bürger im Geldbeutel. Da kann man nicht von einem Wohlstandsgewinn durch kluge Regulierung sprechen.

Sind wir Deutschen zu neidisch?

Scheubeck: Der Reichenbegriff geht bereits mitten durch unsere Belegschaft. Ab welchem Jahreseinkommen greift die höchste Progressionsstufe der Einkommensteuer? Da ist bei uns längst schon der Gruppenmeister in der Fertigung dabei. Und weil das so viele Menschen betrifft, wird obendrein noch die Beitragsbemessungsgrenze für die Sozialversicherung angehoben. Das waren früher vielfach SPD-Wähler.

Ab welchem Jahreseinkommen greift die höchste Progressionsstufe der Einkommensteuer? Da ist bei uns längst schon der Gruppenmeister in der Fertigung dabei.Nicolas Maier-Scheubeck

Woher kommt das?

Scheubeck: Der Staat hat die Menschen entmündigt. Er gaukelt uns vor, nicht einmal mehr Kinder zeugen zu müssen, um einen auskömmlichen Ruhestand genießen zu können. Dabei kann der Staat das, was er vorgibt, alles gar nicht. Und dann fordert er immer mehr Geld, um den Anschein zu erwecken, er könne es in Zukunft doch. Umgekehrt vernachlässigt der Staat das, was nur er kann. Schauen Sie die Chinesen an: Schon im Jahr 2017 durfte man in bestimmten Stadtteilen von Wuhan nur noch mit Elektroautos fahren – und plötzlich haben die einen Vorsprung bei dieser Technologie. Das bringen wir weder intellektuell noch mit viel Geld zustande, wie ja auch die Energiewende lehrt. Wir schaffen es aber, gleichzeitig die Elektromobilität zu fördern und in der Nordgaustraße einen Lärmschutzdeckel basierend auf Emissionswerten für Verbrennungsmotoren zu fordern.

Die Deutschen jammern zwar viel über Überregulierung. Aber kann es nicht sein, dass wir den starken Staat alle wollen?

Scheubeck: Ein Freund erzählte mir kürzlich von einer Ausschreibung, auf die sich junge Leute bewarben, die alle nur drei Tage in der Woche arbeiten wollten. Auch bei uns kündigen Mitarbeiter in der Probezeit, weil sie keine Mehrarbeit entsprechend Arbeitsanfall leisten wollen. Den Menschen ist durch die Sozialpolitiker aller Parteien der Leistungsgedanke aberzogen worden. Viele haben hierzulande kein Verständnis mehr dafür, dass und wie man durch Leistung an Selbstwert gewinnt. Lust durch Leistung – für immer mehr Mitbürger ist das offensichtlich unvorstellbar.

Viele denken, dass es sich gar nicht mehr so sehr lohnt, mehr zu arbeiten. Ist das ungerecht?

Scheubeck: Unser Steuer- und Abgabensystem demotiviert die Leistungswilligen, unser Sozialsystem begünstigt die Leistungsunwilligen. Der kolumbianische Philosoph Nicolás Gómez Dávila hat die Lösung auf den Punkt gebracht: Ungerechte Ungleichheit heilt man nicht durch Gleichheit, sondern durch gerechte Ungleichheit. Wir sind nicht mehr bereit zu akzeptieren, dass ein nennenswertes Maß an Ungleichheit als Motivator für den Fortschritt der Gesellschaft notwendig ist und dass der Markt mehr von Gerechtigkeit versteht als jede Regierung.

Kürzlich gab es eine Umfrage, wonach 85 Prozent der Deutschen glauben, dass es hierzulande ungerecht zugeht. Was sagen Sie?

Scheubeck: Allein die realistische Chance auf ein selbstbestimmtes Leben wirkt glückssteigernd. Diese muss eine Gesellschaft den Bürgern glaubwürdig bieten – in Form von guten Schulen, Gesundheitsvorsorge, Infrastruktur, Demokratie. Hier geht es uns besser als anderen Nationen. Die Menschen sehen aber auch, wie vieles derzeit verfällt, wie die Schulen und der Wohnungsmarkt die Last der Migration nicht mehr tragen können, der Staat bei der Wahrung der Sicherheit versagt, alles teurer und fremdbestimmter wird. Möglicherweise liegt hierin die Wurzel dieser Unzufriedenheit. Ich war kürzlich in Indien: Dort ist vieles wesentlich schlechter als bei uns, die Menschen scheinen aber insgesamt besser drauf zu sein.

Ich hätte die schmerzhaften Reformen sofort gemacht, dafür braucht man keine Kommissionen. Jetzt hat man die Erwartungen allseitig enttäuscht.Nicolas Maier-Scheubeck

Sind Sie enttäuscht von der derzeitigen Bundesregierung?

Scheubeck: Es ist auf jeden Fall besser als das, was vorher war. Meine Koalitionsvereinbarung umfasste jedoch keine 144, sondern lediglich 10 Seiten. Und ich hätte die schmerzhaften Reformen sofort gemacht, dafür braucht man keine Kommissionen. Jetzt hat man die Erwartungen allseitig enttäuscht. Der Herbst und das Frühjahr der Reformen sind verstrichen. Bald ist die erste Hälfte der Legislaturperiode vorbei, ohne dass wirklich etwas passiert wäre. Und das liegt halt nicht an der vielzitierten mangelnden Kommunikation, sondern an einem Nebeneinander des Unvereinbaren im Regierungsprogramm.

Halten Sie die Energiewende in Deutschland für gescheitert?

Scheubeck: Die Ideologen haben es auf eine Zielgröße verkürzt: Wenn wir Kohle, Gas und Atomkraft loswerden und durch Sonne und Wind ersetzen, dann ist es eine viel schönere Welt. Das funktioniert allerdings aus drei Gründen nicht.

Erstens kostet es viel mehr Geld, als Jürgen Trittin dem Durchschnittshaushalt im Jahre 2004 mit seiner „Kugel Eis pro Monat“ weiß machen wollte. Eine norwegische Analyse errechnete jüngst, dass der Atomausstieg die Energiewende je Bürger um 3600 Euro verteuert habe. Zweitens vernachlässigt die bisherige Energiepolitik die Systemkosten: Man muss Netze und Batteriespeicher bauen – diese Investitionen sind im Strompreis noch nicht enthalten. Der Südostlink ist noch gar nicht gebaut, obwohl wir seit 15 Jahren davon reden. Drittens: Unser CO2-Ausstoß hat sich nur in bescheidenem Umfang verringert. Auch die Atomabfälle haben wir noch und wissen nicht wohin damit.

Können wir mit Windkraft und Photovoltaik allein den Energiebedarf Deutschlands decken?

Scheubeck: Nominell schon, faktisch nicht. Wir nutzen den europäischen Verbund aus. Wenn die berühmte Dunkelflaute kommt, fließt der Atomstrom automatisch von Frankreich zu uns. Aber so, wie die VAE nun aus der OPEC ausgetreten sind, könnte auch Frankreich sagen: Wir liefern euch keinen Atomstrom mehr. Wenn wir glauben, dass Deutschland mit 100 Prozent nicht-fossiler Energie klarkommen kann, dann nur, weil wir unangenehme Szenarien systematisch ausblenden.

Zurück zur Region: Die Sallerner Regenbrücke ist ja ein Dauerthema in Regensburg, für das Sie sich einsetzen. Jetzt droht ein Bürgerentscheid. Was halten Sie davon?

Scheubeck: Ich halte dies und die entsprechenden Festlegungen der neuen Rathaus-Koalition für verfehlt. Sämtliche Einsprüche gegen das vor bald einem Vierteljahrhundert begonnene Planungsprojekt sind gescheitert. Zuletzt hat das Bundesverwaltungsgericht 2024 die Revision gegen die Planfeststellungsbeschlüsse zurückgewiesen. Jenseits bloßer Obstruktionspolitik fehlt mir jegliche Phantasie, wie man einen Bürgerentscheid für zulässig erklären könnte. Die Stadt vermittelt da einen verheerenden Eindruck: Infrastruktur muss der Zukunft verlässlich vorauseilen.

Aber passt eine Brücke noch in die Zeit, wo wir den Individualverkehr reduzieren wollen?

Scheubeck: Unsere Stadt ist nicht nur von Regen und Donau, sondern auch von Wohnungsnot geprägt. Wir haben im Stadtgebiet für den motorisierten Verkehr nur drei rein innerstädtische Querungen. Die Idee, den Individualverkehr zu bekämpfen, kommt aus einer Zeit, wo dieser laut und stinkend war. Stellen Sie sich vor, das sind alles Elektromobile. Die sind leise, stinken nicht und stoßen auch kein CO2 mehr aus. Die Grünen müssten eigentlich sagen: Sallerner Regenbrücke, cool – das bekämpft die Landflucht, aber vorzugsweise mittels Elektromobilität. Das wäre wenigstens konsequent zukunftsorientiert.

Haben Sie einen Wunsch an den neuen Regensburger Oberbürgermeister?

Scheubeck: Ich könnte den Job nicht machen. Denn der politische Kompromiss ist der Tod jeglichen Fortschritts. Diese Einsicht und die Fähigkeit zur Führung einer ausufernden Verwaltung, das wünsche ich dem Oberbürgermeister.