Tempolimit vor Schwandorfs Tierheim gefordert – Doch Zahlen sprechen andere Sprache

Wird vorm Tierheim in Schwandorf und dem benachbarten Reiterhof zu schnell gefahren? Tierheim-Mitarbeiter und Pferdefreunde berichten von Gefahrensituationen, schließlich dürfte auf der Straße Am Sollring mit bis zu 100 km/h gefahren werden. Faktisch sind Verkehrsteilnehmer dort aber wesentlich langsamer unterwegs, wie eine verdeckte Geschwindigkeitsmessung der Stadt ergab.
Jana Nießen, stellvertretende Vorsitzende des Tierschutzvereins Stadt und Landkreis Schwandorf, holt ihr Handy heraus. Die Bilder, die sie auf ihrem Smartphone gespeichert hat, sind keine leichte Kost. Mehrere Fotos zeigen die Tierkadaver, die kürzlich mitten auf der Fahrbahn Am Sollring lagen. Es waren Gänseküken, sie dürften erst wenige Wochen alt gewesen sein, als sie nichts ahnend über die Straße marschierten und erfasst wurden.

Die Tierschützerin ist sich sicher: Das wäre nicht passiert, wenn zwischen der Einmündung in die Kreisstraße nach Steinberg am See und dem Pferdehof „Luxi Stables“ ein Tempolimit gelten würde. „Die Fahrzeuge kommen teilweise regelrecht angeschossen“, lautet die Beobachtung von Jana Nießen.
Nießen: Tempo 30 vorm Tierheim wäre wünschenswert
Und in der Tat: Verkehrszeichen verbieten in dem Abschnitt nur dem Schwerlastverkehr die Durchfahrt und warnen vor Fußgängern. Ein Tempolimit gibt es in der Straße Am Sollring nicht. Und da sich diese außerorts befindet, darf dort mit bis zu 100 km/h gefahren werden, sofern es die örtlichen Gegebenheiten zulassen und dadurch niemand gefährdet wird. Viel zu schnell, findet Jana Nießen. Sie fordert ein Tempolimit. „Eine 30er-Zone wäre wünschenswert“, sagt die Tierschützerin.
Unterstützung erhält die stellvertretende Chefin im Tierheim von Rita Luxi. Die 60-Jährige betreibt den Pferdehof „Luxi Stables“, der sich in unmittelbarer Nachbarschaft zur Tierschutzeinrichtung befindet. 40 Pferde und Ponys leben dort. Luxi erklärt, dass Pferde Fluchttiere seien. Gehen diese durch, sei die Gefahr nicht nur für die Reiter sondern auch für andere Verkehrsteilnehmer groß. Daher sollte man sich Pferden immer langsam nähern und an den Tieren auf keinen Fall vorbeirasen.

Ist die Straße Am Sollring im Schwandorfer Westen also eine Gefahrenzone? Die Zahlen im Rathaus und bei der Polizei sprechen eine andere Sprache. So berichtet Polizeihauptkommissar Deniz Birol auf MZ-Anfrage, dass es in den vergangenen zehn Jahren in der betreffenden Straße zu keinerlei Verkehrsunfällen gekommen sei, die aufgrund überhöhter Geschwindigkeit ausgelöst wurden. „Aus diesem Grund kann davon ausgegangen werden, dass die Verkehrsteilnehmer ihre Geschwindigkeit anpassen und mit ausreichend Vorsicht am Tierheim und der Reitanlage vorbeifahren“, konstatiert der Verkehrssachbearbeiter.
Am Sollring sind täglich bis zu 400 Fahrzeuge unterwegs
Diese Feststellung untermauert eine ganztägige, verdeckte Messung der Stadt. Sie wurde laut Pressesprecher Andreas Hofmeister im Zeitraum vom 8. bis 22. Oktober 2025 durchgeführt. Das Ergebnis: Die Durchschnittsgeschwindigkeit aller Verkehrsteilnehmer – pro Tag sind das Am Sollring zwischen 300 und 400 Fahrzeuge – lag zwischen 35 und 41 km/h. Die überwiegende Mehrheit sei an der Stelle also „verantwortungsvoll und mit angepasster Geschwindigkeit“ unterwegs, resümiert der städtische Pressesprecher.
Verkehrsmessungen der Stadt verdeutlichen, dass die überwiegende Mehrheit der Verkehrsteilnehmer die Straße verantwortungsvoll und mit angepasster Geschwindigkeit befährt. Andreas Hofmeister, Pressesprecher der Stadt Schwandorf Hofmeister appelliert dennoch an die Vernunft der Verkehrsteilnehmer. Diese dürften mit Blick auf die Straßenverkehrsordnung nur so schnell fahren, dass sie ihr Fahrzeug ständig beherrschen. „Auf Fahrbahnen, die so schmal sind, dass dort entgegenkommende Fahrzeuge gefährdet werden könnten, muss so langsam gefahren werden, dass mindestens innerhalb der Hälfte der übersehbaren Strecke gehalten werden kann“, erklärt der Pressesprecher.
Der Straßenverlauf im Bereich des Tierheims sei in beide Richtungen sehr übersichtlich. „Fahrzeugführer sehen schon von weitem, ob sich vor dem Tierheim Personen auf der Fahrbahn aufhalten. In diesem Fall muss die Geschwindigkeit so weit herabgesetzt werden, dass niemand gefährdet wird“, teilt Hofmeister auf MZ-Anfrage mit.
Rathaus: Tempolimit setzt Gefahrenlage voraus
Für die Einführung eines Tempolimit brauche es zunächst eine Gefahrenlage, „die aufgrund besonderer örtlicher Verhältnisse das allgemeine Risiko einer Beeinträchtigung für wichtige Schutzgüter im Straßenverkehr erheblich übersteigt“. Verkehrszeichen dürften laut Rathaus nur dann angeordnet werden, wenn sie aufgrund besonderer Umstände zwingend erforderlich sind.
Das Bayerische Innenministerium habe ferner im Rahmen des Bayerischen Verkehrssicherheitsprogramms 2020 ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der „Schilderwald“ abzubauen sei. Vielmehr sollten die allgemeinen Verkehrsregeln in den Vordergrund rücken. Mit Blick auf die geforderte Geschwindigkeitsbeschränkung beim Tierheim resümiert Pressesprecher Hofmeister daher: „Eine weitere Beschilderung erscheint aufgrund der geschilderten Rechts- und Tatsachenlage aktuell nicht erforderlich.“