Ein leises „Dankeschön“ als große Motivation - Ein Blick hinter die Kulissen der Abensberger Tafel

Für ihn war es ein Abend wie jeder andere. Rudolf Buchner, damals Hausmeister eines Supermarktes, schließt die Ladentüren ab, dreht den Schlüssel um und will nach Hause. Doch dann fällt ihm etwas Ungewöhnliches auf: Ein älteres Ehepaar, gebückt über Mülltonnen hinter dem Supermarkt, holt dort das heraus, was andere weggeworfen haben. „Das hat mich nicht losgelassen“, sagt Buchner heute. „Sie sind schon so alt geworden, aber jetzt auf diese Tonnen angewiesen“. Seine Schlussfolgerung: „Das kann‘s doch nicht geben.“
Diese Erkenntnis ließ ihn nicht mehr los. Buchner macht sich schlau, stößt auf eine Berliner Gruppe, die nach dem Vorbild des New Yorker City Harvest die erste Tafel in Deutschland gründete. Mittlerweile sind es 978, drei davon im Landkreis Kelheim. Heute versorgen sie an drei Ausgabestellen im Landkreis Kelheim schätzungsweise bis zu 2000 Menschen mit Lebensmitteln. Bundesweit sind rund 1,5 Millionen Menschen auf die Tafel angewiesen.
Eine Entspannung der Situation ist nicht in Sicht. Vor allem Flüchtlingswellen und die KI machen den Ehrenamtlichen der Tafel die Arbeit nicht leichter.
Jeden Freitag um 15 Uhr öffnet seit mittlerweile 20 Jahren die Abensberger Tafel ihre Türen. Doch schon Stunden vorher herrscht dort reger Betrieb. Kisten werden gestapelt, Lebensmittel sortiert, Brotkörbe gefüllt. An der Station für Obst und Gemüse schichtet Marion Hinterreiter (26) Äpfel, Paprika und einen Salatkopf in eine Kiste. Wie viel jeder Abholer bekommt? „Das muss man nach Gefühl machen“, sagt sie. Wer selbst mit anpackt, merkt schnell: Dieses Gefühl will geübt sein. Zu wenig, und es reicht nicht für eine ganze Woche. Zu viel, und es bleibt am Ende nicht genug für alle. „Ich mach‘s voll gerne“, sagt die Studentin, „das ist wie Kaufladen spielen.“

Jeden Freitag dreieinhalb Tonnen Lebensmittel
Vier Stationen gibt es beim Kisten-Packen insgesamt: für Brot und Gebäck, Obst und Gemüse, gekühlte Produkte und Konserven. „Rund dreieinhalb Tonnen Lebensmittel bewegen die Ehrenamtlichen an einem einzigen Freitag“, sagt Rudolf Buchner. Die eigentliche Arbeit beginnt jedoch lange vor dem Freitag. Lebensmittel werden oft schon unter der Woche abgeholt, ins Haus getragen und sortiert. Dabei wird jede Lieferung sorgfältig kontrolliert, Stichproben genommen, Verdorbenes aussortiert. Erst wenn ein Verantwortlicher sein Okay gibt, wandern die Lebensmittel in die Kühlschränke. „So sind wir jetzt 20 Jahre lang gut gefahren“, bilanziert Buchner.
Kurz vor Öffnung der Lebensmittelausgabe am Bad Gögginger Weg stehen draußen bereits die ersten Menschen: Familien, Alleinstehende, junge Eltern mit Kinderwagen. Punkt 15 Uhr öffnet Buchner dann die Tür. Wer eintritt, zahlt einen Euro und zeigt seinen Berechtigungsschein oder die gelbe Tafelkarte vor. Dann geht alles ganz schnell: Mitarbeiter der Tafel reichen den Kunden die gefüllten Kisten. Im Packzelt packen die Kunden dann Lebensmittel je nach Bedarf für die nächste Woche ein, der Rest geht zurück zur Lebensmittelausgabe. Immer wieder fallen leise Dankesworte, kurze Gespräche entstehen.
Eine Familie aus der Ukraine ist zum vierten Mal bei der Abholung. Die Produkte seien gut, sagen sie. Und man treffe Menschen mit ähnlichen Geschichten, tausche Informationen aus.

Eine andere Abholerin aus Abensberg, ebenfalls Ukrainerin, erzählt, die Tafel helfe ihr, sich während der Ausbildung zur Pflegefachfrau über Wasser zu halten. „So viel Freundlichkeit wie hier habe ich in anderen Ländern nicht erlebt“, sagt sie.
Zwei junge Frauen mit Kleinkind stehen zum ersten Mal in der Schlange. Der Umzug habe das Geld aufgebraucht, sagen sie. Für Lebensmittel reiche es gerade nicht mehr.
Als die Abensberger Tafel 2006 gegründet wurde, kamen rund 40 Menschen regelmäßig zur Ausgabe – vor allem Senioren und Spätaussiedler. Heute sind es jede Woche zwischen 120 und 140 Abholer. Der Ukrainekrieg habe einiges verändert, sagt Buchner.
Gleichzeitig gebe es viele deutsche Rentner, die nicht kommen, obwohl sie Anspruch darauf hätten. Stolz und ihre Erziehung hielten sie davon ab, Hilfe anzunehmen, weiß Buchner und sagt: „Der Rentner-Anteil müsste hier viel höher sein, ist er aber nicht.“
Längst gibt es drei Tafeln im Landkreis Kelheim. Die Abensberger Tafel war auch „Geburtshelfer“ für die Tafel in Kelheim, die seit vielen Jahren unter dem Dach der Caritas den Menschen hilft.

„Die Nachfrage steigt seit Jahren kontinuierlich“, sagt Raimund Fries, Beauftragter der Kelheimer Tafel. Jede Woche werden dort Lebensmittel an rund 220 Menschen ausgegeben – etwa 70 Haushalte, sowohl Familien als auch Einzelpersonen. Weitere 40 Haushalte stehen aktuell auf der Warteliste. Die Mainburger Tafel, ebenfalls unter dem Dach der Caritas, zählt rund 70 Abholer pro Woche, sagt Gertrud Enzinger aus dem Orga-Team. Hinter diesen 70 stünden sehr oft Familien mit bis zu vier Kindern.
Ein Trend, der viele Tafeln beschäftigt, spiegelt sich somit auch im Landkreis wider: Immer mehr Bedürftige treffen auf immer weniger Ressourcen. Mit den steigenden Abholerzahlen wächst die größte Sorge des Vereins: ausreichend Lebensmittel zu bekommen. Früher hätten Supermärkte „eingekauft wie die Weltmeister“, erinnert sich Buchner. Was übrig blieb, landete bei der Tafel. Heute würden viele Geschäfte KI-gestützt bestellen – abgestimmt auf Nachfrage und Verkaufszahlen. Da bleibt weniger über.
Sie sind schon so alt, aber jetzt auf die Tonnen angewiesen. Das kann's doch nicht geben.Rudolf Buchner über seine Beobachtung von zwei alten Menschen an den Mülltonnen eines Supermarktes. Daraufhin initiierte er die Abensberger Tafel.
Die Folge: Ehrenamtliche aus Abensberg fahren inzwischen regelmäßig nach Nürnberg, Weiden oder Schwandorf, um zusätzlich Lebensmittel abzuholen. „Noch passt das“, sagt Buchner. „Aber es wird schwieriger.“
Gleichzeitig werden die ehrenamtlichen Helfer immer älter. 86 Ehrenamtliche engagieren sich insgesamt, viele zwischen 70 und 85 Jahre alt. „Da kommt automatisch irgendwann der Tag, an dem auf einmal zehn verschwinden“, sagt Buchner, der selbst 74 Jahre alt ist. Wenn Hilfe gebraucht wird, verbreitet sich der Aufruf dennoch schnell – und meist melden sich neue Unterstützer.

Darum engagiert sich Ahmed Alobada bei der Tafel
Einer von ihnen ist der 37-jährige Ahmed Alobada. Seit 2016 hilft er regelmäßig und bringt oft seine beiden Söhne mit. Er spricht Persisch, Arabisch und Deutsch, kennt viele Menschen vor der Tür. „Ich möchte etwas zurückgeben“, begründet er sein Engagement. Seiner Familie sei viel geholfen worden, als sie nach Deutschland kamen. „Meine Kinder sollen früh lernen, wie wichtig es ist, anderen zu helfen.“
Dankbarkeit ist es auch, die viele Ehrenamtliche antreibt. „Schön, dass es euch gibt“, hören sie immer wieder. Für Buchner ist das der Grund, weiterzumachen. Inzwischen sei die Tafel für ihn eine Fünf-Tage-Woche. Am Wochenende müsse er aufpassen, dass er nicht auch dann noch „umeinander gruschelt“.
Am 25. April blickt die Abensberger Tafel auf ihr 20-jähriges Bestehen zurück, im Juni soll das Jubiläum gefeiert werden. Viel Zeit zum Innehalten bleibt bis dahin jedoch nicht, denn auch am kommenden Freitag werden wieder tonnenweise Lebensmittel bewegt, geprüft und Dutzende Kisten gepackt.