Zum Ende der Bayerwald-Klinik: Wo über 700 Chamer das Licht der Welt erblickten

Von Christoph Klöckner · 16. April 2026 um 05:00

Auch, wenn der Platz etwas abgelegen ist – hier am Waldrand in Windischbergerdorf – war doch über rund 100 Jahre immer etwas los. Mal war dort ein Arbeitslager, mal ein kurzlebiger Platz für Gestrandete, dann Geburtsstätte vieler Chamer. Zuletzt war hier die Bayerwald-Klinik zuhause, um Patienten mit Herzproblemen wieder auf die Beine zu helfen. Damit ist Ende April Schluss.

Video ansehen

Die Klinik beherbergt gerade die letzten Patienten. Ein Teil der rund 100 Beschäftigten hat die Klinik dem Vernehmen nach bereits verlassen und sich etwas Neues gesucht, einige sind nach der Kündigung vors Arbeitsgericht gezogen, um mehr Klarheit etwa über eine mögliche Abfindung zu bekommen.

Auch lesenswert dazu: Paukenschlag: Bayerwald Klinik in Windischbergerdorf schließt vollständig den Betrieb

Die wirtschaftliche Lage war von der Muttergesellschaft der Klinik, der Maternus AG, die wiederum zur Cura-Gruppe gehört, als Grund für das Aus genannt worden. Wobei die Klinik vor allem unter dem Sanierungsstau litt – durch den nur behelfsmäßigen Brandschutz über Gerüsttreppen waren nicht alle Betten nutzbar. Entsprechend fiel das Ergebnis der Klinik lange Jahre negativ aus.

Die Zukunft der Immobilie ist weiter offen

Wie es nach dem 30. April mit der großen Immobilie, die mindestens acht Häuser umfasst, weitergeht, steht noch nicht fest. Es gebe eher lockere Kontakte, so Bürgermeister Martin Stoiber auf Nachfrage, jedoch wenig Greifbares. Die Nachfrage, ob die Stadt ein wirkliches Interesse an solch einer Immobilie habe, ließ Stoiber offen. Auch das Landratsamt kann dazu nur wenig mitteilen.

„Der Landkreis steht ebenso wie die Stadt der Eigentümerin des Gebäudes beiseite, ergebnisoffen alle Alternativen für eine Nutzung zu prüfen. Ganz einfach wird unser gemeinsames Ziel, eine passende Nachfolgenutzung für das Gebäude zu finden, aber sicherlich nicht“, so Fabian Koller, Pressesprecher des Landratsamtes. Von der Cura AG gab es auf Anfrage keine Stellungnahme, was mit den Gebäuden passieren soll und, ob es Interessenten dafür gebe.

In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts ein Lager des Reichsarbeitsdienstes (RAD)

Der Platz an der Klinikstraße, die als Name womöglich als einzige Erinnerung an die jetzige Nutzung bleiben wird, hat schon viel gesehen in jüngerer Vergangenheit. In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde hier ein Lager des Reichsarbeitsdienstes (RAD) der Nazis betrieben. Es gehörte zum Arbeitsgau „Bayrische Ostmark“ und bestand aus Holzbaracken.

Die hierfür eingezogenen Arbeiter legten Straßen, Gräben oder Brücken an – doch diente das Lager vor allem zur vormilitärischen Ausbildung. Nach dem Krieg wurden die Baracken dann von Displaced Persons (DPs) bezogen – durch den Krieg und die Gewaltherrschaft der Nazis entwurzelte Menschen, die ihre Heimat verloren hatten.

Auch der Cousin des Königs von Albanien weilte hier im Lager

Nach Recherchen des Nürnberger Instituts für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts beherbergte das Lager ab August 1946, was als Eröffnungsmonat angegeben wird, fast 700 DPs. Die Zahl sank dann nach und nach meist durch Auswanderung ins damalige Palästina, später in den Staat Israel, bis das Lager im Juni 1947 wieder geschlossen wurde. Es gab dort für diesen kurzen Zeitraum sogar eine Schule und einen Kindergarten wie einen Betsaal vor Ort.

Wobei dies eher die offiziellen Zahlen sind, nach dem Chaos nach Kriegsende. Ein David Kerrigan schreibt 2008 in einem Internetblog, sein Vater habe als US-Leutnant das Lager von Mai bis August 1945 geleitet – also gleich nach dem Krieg. Das Lager, eines der ersten solcher UNRRA-Lager (United Nations Relief and Rehabilitation Administration) in der Region, soll etwa 1200 Personen beherbergt haben – etwa Zwangsarbeiter, die in der Landwirtschaft eingesetzt wurden – die meisten stammten aus Polen, Russland oder der Ukraine.

Darunter sei sogar der Cousin von König Zog von Albanien und auch ein chinesischer Akrobat namens Mickey gewesen. Es sei nicht einfach gewesen, im Lager für Frieden unter den Nationen zu sorgen, insbesondere wenn einer der Kollaboration mit den Deutschen verdächtigt wurde, so Kerrigan aus den Erzählungen seines Vaters.

Statt eines Ferienheims entstand eine Frauenklinik

Nach dem Ende des Lagers kam Anfang der 50er Jahre wieder Bewegung an den Platz. Es entstand dort 1950/51 das erste Gebäude für eine private Frauenklinik, da es im Krankenhaus Cham keine Belegbetten für die Gynäkologen Dr. Boruth und Dr. Roth gab. Nach dem Text zur Geschichte von Windischbergerdorf, der laut Stadtarchivar Timo Bullemer vermutlich vom ehemalige Lehrer Windischbergerdorfs, einem Herrn Kölbl, stammt, baute ein Landwirt, Xaver Gruber aus Selling, das erste Klinikgebäude.

Eingereicht hatte er einen Bauplan, wonach er ein Ferienheim bauen wollte. Doch entstand stattdessen eine Frauenklinik mit 30 Betten. Und die hatte zu tun: Bis 1957 gab es dort 2500 Operationen. Gleich im ersten Jahr kamen dort schon 58 Chamer zur Welt, bis 1958 erblickten dort 731 Kinder das Licht der Welt. Bereits 1957 wurde erweitert mit den nächsten Bauten – aus 30 Betten wurden kurzerhand 80. Die Privatklinik war bestens ausgestattet mit Telefon auf jedem Zimmer und sogar einer Sauna. Das Ende der Geburtenklinik folgte im Dezember 1958 – Cham bekam ein neues Krankenhaus mit Geburtsstation.

Aus der Frauenklinik zum Bayerwald-Sanatorium

Investor und Landwirt Xaver Gruber reagierte und machte aus der Frauenklinik das Bayerwald-Sanatorium, eine Kurklinik für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten. Dafür wurde durch ihn wie durch Heinrich und Rita Schneider, der Tochter des Landwirts, nochmals angebaut – wieder ohne öffentliche Mittel. Insgesamt 100 Räume gab es nun, davon 46 Einzelzimmer, einen großen Speisesaal und einen großen Aufenthaltsraum. 70 bis 75 Patienten passten ins Haus. Die ärztliche Leitung hatte Dr. Riegel, die Verwaltung führte Rita Schneider. Somit war der Weg zur Bayerwald-Klinik eingeschlagen.

1961 wurde dann wieder gebaut – Hallenbad, Liegehalle, Lesezimmer, Musikzimmer und Badeabteilung kamen dazu. 1962 musste bereits der Speisesaal vergrößert werden, 1963 kamen zwei neue Etagen auf einen Flachbau: eine offene Liegehalle und eine Fangoabteilung, dann ein Massage- und Röntgenbereich. Medizinisch hatte das Haus alle modernen Diagnosegeräte und Ausrüstung zu bieten. Die Bettenzahl lag da schon bei 200, die der Beschäftigten bald bei 130.

Eine Kur mit allen Annehmlichkeiten war hier möglich

Mit dem Wachstum wuchs auch die Bedeutung für den Chamer Tourismus – aus ganz Deutschland reisten Erholungssuchende an, die hier fünf Wochen und länger kurten – mit allen Annehmlichkeiten, vom Kurschatten bis zum Windischbergerdorfer Nachtleben und dem Kurstüberl, wo sich auch viele Chamer hin „verirrten“. Und immer wieder wurde erweitert, was heute noch erkennbar ist im Mix der vielen Gebäude – damals sprachen die Chamer nicht umsonst von der „Burg“.

1972 kam das neunstöckige Haus mit Behandlungsräumen und 94 Einzelzimmern für 2,5 Millionen Mark dazu. Die Klinik war das größte Privatsanatorium der Bundesrepublik und der größte Beherbergungsbetrieb im Bayerischen Wald mit bis zu 300 Patienten und 150 Mitarbeitern in der Spitze Mitte der 70er Jahre. Zeugnisse aus dieser Zeit gibt es viele – jeder Patient schickte Postkarten nach Hause.

Später übernahm der Sohn von Rita Schneider, Robert, den Betrieb und machte daraus 1984 die Bayerwald-Klinik, die er dann wenig später als Reha-Einrichtung mit 240 Betten für Innere Medizin, Onkologie und Kardiologie an die Maternus-Kliniken AG verkaufte.

Kurz nach der Wende schaffte es die Klinik es sogar in den SPIEGEL

Die Bayerwald-Klinik schaffte es 1990 sogar in das Nachrichtenmagazin DER SPIGEL – als Beispiel für moderne Medizin im Westen im Vergleich zur ehemaligen DDR. Thema war die Arztflucht aus dem Osten nach dem Mauerfall.

Einer davon, ein Dr. Detlef Scholz, war in der Bayerwald-Klinik gelandet, die als hochmodern und bestens ausgestattet beschrieben wird – im Gegensatz zu DDR-Kliniken. 14 Ärzte, fünf Psychologen, 28 Schwestern und 150 weitere Mitarbeiter kümmern sich da um 250 Patienten, heißt es im Text. So war das einmal, damals 1990.