Fußgängerzone in der Innenstadt? Studenten legen Entwicklungskonzept für Bad Kötzting vor

Von David Salimi · 14. April 2026 um 11:00

Es ist ein Problem, das die meisten Kleinstädte landauf, landab beschäftigt: zunehmende Leerstände in den Zentren – und das seit Jahren. Mindestens ebenso lange sucht die Initiative FreiRäume nach Mitteln gegen den schleichenden Verlust an Leben in der Kötztinger Innenstadt. Die jüngste Maßnahme: Studierende der Technischen Universität München haben mehrere Wochen lang die Bad Kötztinger Kernstadt analysiert und ein Entwicklungskonzept erarbeitet.

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Am Freitag präsentierten Noah Kassner und Anny Chen ihre Ergebnisse in der Alten Metzgerei. Unter dem Motto „Von Kein.Stadtleben zu Klein.Stadtleben“ führten die beiden Architekturstudenten insbesondere in den Wochen vor Weihnachten Umfragen durch, sprachen mit Gebäude- und Geschäftsinhabern, sichteten Pläne und erkundeten die Stadt auf eigene Faust. So entstand ein umfassendes Bild. Die Initiative FreiRäume war zuvor mit der Bitte um Unterstützung auf die Masterstudenten mit Schwerpunkt Stadtplanung zugekommen.

Leerstadt betrifft nicht nur Ladenflächen

Als Großstadtbewohner habe sie bei Ausflügen zunächst die Natur ringsum verzaubert. In der Innenstadt holte sie jedoch rasch die Realität ein. „Rund 37 Prozent der Flächen in der Innenstadt stehen leer“, verdeutlichte Anny Chen. Als dringendsten Leerstand bezeichnete sie das Haas-Gebäude an der Ecke Ludwigstraße/Bahnhofstraße. Die Analyse von Kassner und Chen zeigt zudem: Nicht nur Geschäftsflächen sind betroffen, auch 7,6 Prozent der Wohngebäude stehen leer.

Laut Kassner wird sich die Verlagerung des Wohnraums an den Stadtrand in den kommenden Jahren weiter fortsetzen. In der Stadtplanung ist in diesem Zusammenhang vom sogenannten Donut-Effekt die Rede – einer Entwicklung, bei der die Ortskerne ausdünnen, während die Siedlungsränder wachsen, wie bei einem Donut mit Loch in der Mitte.

In der Alten Metzgerei stellten die Architekturstudierenden Noah Kassner (vorne links) und Anny Chen (vorne rechts) am Freitagabend interessierten Bürgern die Ergebnisse ihres Entwicklungskonzeptes für Kötztings Innenstadt vor. Dieses sieht unter anderem eine Fußgängerzone in der Innenstadt vor. - Foto: David Salimi

Grundlage der Überlegungen war auch das gut zehn Jahre zurückliegende Integrierte städtebauliche Entwicklungskonzept (ISEK) der Stadt. Viele heute relevante Aspekte seien damals noch nicht berücksichtigt worden. Kassner und Chen plädierten daher deutlich für die Erstellung eines neuen ISEK.

Wie bereits ein früheres Einzelhandelsgutachten sehen auch Kassner und Chen die Konkurrenzsituation zwischen dem Mittelzentrum Bad Kötzting und dem Oberzentrum Cham – insbesondere im Einzelhandel.

Hinzu kommt die periphere Lage Bad Kötztings ohne Anbindung an eine Bundesstraße oder Autobahn. Die geplante Verlegung der Staatsstraße bei Grafenwiesen zugunsten einer kürzeren Verbindung aus dem Lamer Winkel nach Cham bewerten die Studenten aus städtebaulicher Sicht daher als kontraproduktiv: Der Verkehr werde an der Stadt vorbeigeleitet, wovon letztlich Cham profitiere.

Gleichwohl sehen die Studierenden Potenzial. Bad Kötzting unterscheide sich von vergleichbaren Städten vor allem durch seine Rolle als Gesundheitsstandort im Bayerischen Wald. Diese Stärke gelte es auszubauen, um das Alleinstellungsmerkmal zu schärfen. Speziell die „Linie der Erholung bestehend aus TCM-Klinik, Sinocur und Aqacur“ müsse gestärkt werden. Eine Idee: den Weißen Regen als Freibad nutzbar machen, statt ihn als Barriere wahrzunehmen. In den Bereichen „Auf der Platte“ sowie „Hauser- und Schattenauerstraße“ könnten sich die beiden Studenten barrierefreies und altersgerechtes Wohnen in Mehrparteienhäusern vorstellen. Auch eine Erweiterung der TCM-Klinik in Richtung des ehemaligen Edeka-Gebäudes am Bahnhof halten sie für denkbar.

Die Studierenden Noah Kassner und Anny Chen haben ein Entwicklungskonzept erstellt. - Foto: David Salimi

Grundsätzlich setzen Kassner und Chen auf „Re-Use anstatt Abriss und Neubau“, wie sie erläuterten – insbesondere bei der Wiederbelebung leerstehender Flächen. Als Beispiel nannten sie die „Alte Metzgerei“, wo mit vergleichsweise geringem Aufwand ein zeitgemäßer Ort der Begegnung entstanden sei. Bürgermeister Markus Hofmann gab jedoch zu bedenken, dass die Sanierung im Bestand in der Regel teurer sei als ein Neubau. Gleichwohl liefen für viele Gebäude in der Innenstadt derzeit städtebauliche Beratungen.

Wenn wir jetzt die Stadt zur Fußgängerzone machen, läuft der Einzelhandel Amok.Markus Hofmann, Bürgermeister

Für ein hörbares Raunen im Publikum sorgte das Kernstück ihrer Überlegungen: Um die Innenstadt stärker als Begegnungsraum zu öffnen, schlugen die beiden vor, die Marktstraße in eine Fußgängerzone umzuwandeln. Dadurch entstünde mehr Raum für Aufenthalt und Austausch. Derzeit werde die Marktstraße weniger von flanierenden Menschen geprägt als von Autos und zeitweise auch von Staus.

Verkehr raus – Sitzmöbel rein?

Bei Nicole Frank, die seit einigen Jahren in der Kötztinger Innenstadt lebt und dort eine Heilpraxis für Psychotherapie betreibt, stieß dieser Vorschlag auf Zustimmung. Sie sprach von einer „komplett anderen Lebensqualität“ durch weniger Verkehr und regte an, zusätzlich Sitzmöglichkeiten zu schaffen. Bürgermeister Markus Hofmann machte hingegen deutlich, wie er den Vorschlag einordnet: „Wenn wir jetzt die Stadt zur Fußgängerzone machen, läuft der Einzelhandel Amok.“ Er verwies auf die Gewohnheiten vieler Kunden, die neben dem Onlinehandel Parkplätze möglichst direkt vor den Geschäften erwarteten.

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Zudem habe die Stadt bereits ein Verkehrsgutachten erstellen lassen, dessen Ergebnis unter anderem eine neue Quartiersgarage ist, die derzeit gebaut wird. Auch beim Thema Barrierefreiheit sei man seit Jahren schrittweise vorangekommen. Vieles von dem, was vorgeschlagen wurde, sei bereits in Umsetzung. Vielmehr konnte man sich bei einer anschließenden Diskussion darüber einigen, dass kostenfreie Parkplätze im Stadtinneren und kostenpflichtige an der Peripherie neue Anreize schaffen könnten.

Skeptisch äußerte sich der Rathauschef auch zur Fortschreibung des altes ISEK: „Eine Fortschreibung, wie vorgeschlagen, ist durchaus sinnvoll, aber die Probleme werden wieder ähnlich wie damals sein“, gab er zu bedenken.