Exklusiv-Interview mit David Garrett vor Besuch in Regensburg: „Wenige Künstler haben diesen Luxus“

Wie spielt man 13 Töne in einer Sekunde? Wie fühlt es sich an, drei Geigern von Guarneri zu haben? Und stimmt es, dass er ein Perfektionist ist, der bis in die Nacht arbeitet? David Garrett kommt am 14. Juli nach Regensburg. Vorab sprach er mit der Mediengruppe Bayern.
Lieber Herr Garrett, wo treffe ich Sie gerade an?
David Garrett: Ich bin in Berlin, in einer meiner Heimatstädte. Ich arbeite an einem Klassik-Album für die Deutsche Grammophon, das Ende 2026 erscheint, und habe das Press Kit gestern noch bis halb zwölf abends geshootet. Das heißt, ich bin im Klassikmodus unterwegs – freue mich aber, dass wir über Crossover und die „Millennium Symphony“ Konzerte im Sommer reden.
Sie sind im Juli in Regensburg zu Gast, bei den Thurn und Taxis Schlossfestspielen. Gehen Sie mit dem Album weiter auf Tour?
Garrett: Wir haben das Programm 2025 bereits viel präsentiert: USA, Asien, Skandinavien, Europa. 2026 folgen noch Konzerte in Deutschland, auch in Italien, eventuell in Polen.
Sein Tagespensum klingt nicht nach Work-Life-Balance
Sie sind sehr viel international unterwegs, gestern haben Sie bis nachts gearbeitet. Das klingt nicht nach Work-Life-Balance, sondern eher nach Work.
Garrett: Das ist absolut richtig. Ich wüsste nicht mal, wie die Trennung von Work und Life möglich wäre. Ich würde fast sagen, ich stehe mit Bewunderung vor Menschen, die das können. Für mich hat Arbeit unmittelbar mit meinem privaten Engagement, meinem privaten Kopf und meinen Gedanken zu tun. Ich lebe das, ich atme es ein und atme es aus, bis ich nachts einschlafe. Und wenn ich träume, arbeite ich weiter daran, um später die Ideen weiter auszuarbeiten.
Vor genau 20 Jahren brachten Sie Ihr erstes Crossover-Album heraus. Sie waren mit diesem Mix ein Pionier, das war etwas Neues, das nicht überall gut ankam. Wie ist die Akzeptanz heute?
Garrett: Ich fühle mich immer noch als Pionier. Ich wage mich immer auf neues Territorium. Die Musik wird dann witzigerweise – auch schönerweise, das ist ja ein Kompliment – von vielen Kollegen aufgegriffen. Mir ist es wichtig, immer wieder Neues zu bieten. Ich glaube, wenn man Dasselbe 20 Jahre macht, funktioniert es nicht. Man kann sicher einen Bereich bespielen, aber eben vielseitig, in Richtungen, die immer wieder auseinandergehen.
Sie komponieren und dirigieren auch. Wird das ein neuer Fokus Ihres Schaffens?
Garrett: Ich sehe es als Einheit mit allem, was ich sonst mache. Jedes Crossover-Album seit 2006 ist ja auch von mir arrangiert, das heißt, ich bin federführend. Dasselbe mache ich auch in der Klassik oft, mit Alben wie „Legacy“ oder wie „Classic Romance“, wo ich teilweise Stücke aus anderen Klassik-Bereichen auf Geige adaptiert und für Symphonieorchester neu arrangiert habe. Ich fühle mich da sehr, sehr wohl. Schon deswegen, weil ich neben Geige in New York auch Komposition studiert habe. Aber die Menschen sehen mich halt eher als Geiger im Klassik- und Crossover-Bereich. Dass ich das Projekt auswähle, inszeniere, arrangiere, bekommen die wenigsten mit.
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Sie gelten als Perfektionist. Hannes Ringlstetter nannte sie in seiner Show freundschaftlich „einen Kontrolletti‘“ der alles, auch das Bühnenlicht im Griff haben will.
Garrett: Absolut und in jeder Millisekunde. Und ich merke auch bei jeder Performance, wenn die Millisekunde eine Millisekunde zu spät kommt.
Stichwort Millisekunde: Wie gelingt es Ihnen, in einer Sekunde 13 Noten zu spielen? Das war ein Rekord von Ihnen.
Garrett: Mein wirklich großartiger Lehrer in New York, Itzhak Perlman, eine Legende, sagte: Practice slowly, langsam üben. Wenn man langsam spielen kann, fällt einem schnell nicht schwer. Ich konzentriere mich gerade beim Üben immer auf die langsamen Bewegungsabläufe. So lernst du Feinmotorik. Das hab’ ich, seit ich sehr, sehr jung war, beherzigt und noch vertieft an der Juilliard School in New York. Gerade das Langsamspielen hat den größten Impact aufs Gehirn.
Interessant! Ich will auf die Schlossfestspiele kommen: Sie sind ein Stammgast. Wann waren Sie das erste Mal da?
Garrett: Wenn das Festival im Schlosshof in Regensburg ist, war ich sehr, sehr häufig da.
Ich erinnere einen Aufritt, da war Ihre Schwester dabei. Sie waren stolz auf sie; sie hatte gerade ein Superabi geschrieben.
Garrett: Das muss dann 17 Jahre oder so her sein. Ja, meine Schwester macht alles sehr gut. Meine Brüder übrigens auch. Die sind alle sehr intelligent.
Spielen Sie Ihre Guarneri in Regensburg? Sie haben ja mehrere schöne alte Instrumente.
Garrett: Ich habe das große Glück, drei Guarneri zu haben und auch noch eine Stradivari. Fantastisch, surreal geradezu. Es ist wahnsinniger Luxus, den ich wirklich jeden Tag zu schätzen weiß. Ich verinnerliche mir, wie besonders das ist und dass ganz wenige Künstler in der Geschichte des Geigenspiels diesen Luxus genießen durften. Für Outdoor-Konzerte, da bin ich einfach pragmatisch und nicht risikofreudig, habe ich eine sehr schöne Guarneri-Kopie von Jean-Baptiste Guillaume aus dem 19. Jahrhundert. Vom Ton her macht das keinen Unterschied, weil die Tonabnahme direkt am Instrument ist. Falls die Witterung nicht optimal ist, ist es besser für ein Kulturgut wie eine Stradivari, sie nicht auf Tour im Open-Air-Konzert zu spielen.
Bevor im Herbst Ihr Klassikalbum erscheint: Was werden Sie in Regensburg spielen?
Garrett: Die größten Klassiker aus Pop und Rock aus den letzten 20 Jahren. Von Beyoncé bis Ed Sheeran, Rihanna oder Taylor Swift. Ein ganz breit gefächertes Programm mit Sachen, die einfach nur Bock machen, gerade wenn tolles Wetter ist, ein Event aus Instrumentalmusik zu gestalten. Mit großem Entertainment-Faktor. Musik zum Tanzen, um aus dem Alltag herausgerissen zu werden und einfach zu genießen. Die Kulisse im Schloss ist mit Sicherheit eine meiner Lieblings-Outdoor-Bühnen. Ich freue mich sehr. Bitte schaut vorbei!
Interview: Marianne Sperb
Info: David Garrett am 14. Juli in Regensburg
David Garrett hat 17 Alben veröffentlicht, die 18 Top-Ten-Platzierungen in Europa und den USA erreichten. Mehr als fünf Millionen CDs und 5,6 Milliarden Streams weltweit belegen seine internationale Popularität. Der Geiger hat 14 Platin- und 32 Gold-Auszeichnungen erreicht. „Millennium Symphony“ betrachtet David Garrett als seine persönliche „Crossover-Evolution“. Der Geiger und Komponist verbindet symphonische Klänge und Pop und interpretiert Hits neu, etwa von Taylor Swift, Rihanna, Ed Sheeran, The Weeknd, Avicii, Beyoncé und Harry Styles.
In Regensburg gastiert David Garrett am 14. Juli bei den Thurn und Taxis Schlossfestspielen, im Rahmen seiner Millennium Symphony Open Air Tour 2026. Alle Details und Tickets beim Veranstalter Odeon Concerte: schlossfestspoiele-regensburg.de, Telefon (09 41) 29 60 00