David Garrett begeistert das Regensburger Publikum mit seinem neuen Tourneeprogramm

Regensburg. Der Stargeiger David Garrett hat sich längst von der großen Bühne der seriösen Klassikszene verabschiedet. Oder doch nicht? Ist sein aktuelles Programm „Iconic“ noch ein Klassikkonzert im eigentlichen Sinne oder ein geschicktes Cross-Over-Konzept, dass sich den Hörgewohnheiten der jungen Generationen in gefälligen Dreieinhalb-Minuten-Häppchen geschickt anpasst?
Angesichts der schieren Begeisterung des Publikums im Audimax der Regensburger Universität fällt es schwer, den Blick zu schärfen und in der Betrachtung wesentlich zu werden. Denn, unter dem Aspekt der reinen Unterhaltung hat Garrett alles richtig gemacht. Er ist ein sympathischer, gutaussehender Popstar, der nach allen Regeln der Kunst die Attitüden einer gechillten und lässigen Unplugged-Session mit Gitarren- und Bassbegleitung in die Welt der Klassik transferiert, unbekümmert kleine und große Klassikhits für seine Zwecke arrangiert, verbastelt und mit einem opulenten Halb-Playback alles noch größer macht, als es eigentlich ist. Eingetaucht in eine dicke Farbillumination wird die emotionale Wucht noch auf die Spitze getrieben, falls es die Musik im Zweifel allein nicht schaffen sollte.
Überfrachtet und erdrückt
Garrett vertraut dabei tatsächlich nicht einen Moment den Originalen, das „Ave Maria“ von Franz Schubert oder Robert Schumanns Träumereien, die sich als kleine unverstärkte Miniaturen ebenso angeboten hätten wie die Traditionals „Greensleves“ und „Danny Boy“. Sie werden im übersüßen Geschwurbel orchestral zugespielter Klanggebirge überfrachtet, erdrückt und trivialisiert. In zwei Ausschnitten aus Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ macht sich das einstige Wunderkind kaum Mühe, virtuos zu glänzen, was auch zugegebenermaßen im synthetischen Klangsirup aus der Retorte nur wenig ins Gewicht fiel.
Dazwischen wird locker geplaudert, Fanfragen beantwortet und launige Komponisten-Anekdoten erzählt. Zwei Dinge sind David Garrett allerdings nicht abzusprechen: Die offensichtliche Liebe zur klassischen Musik und ein hellleuchtendes Violinspiel auf der Guarneri-Geige. Beides ist allerdings fast bis zur Unkenntlichkeit verzerrt.
Solisten werden zu Statisten
Der Grund sind nur selten erträgliche Arrangements und eine technische Verstärkung, die über den ganzen Abend aus einem Ofenrohr zu klirren scheint. Nicht besser das grobe Zuspiel des Orchesterklangs, das die drei Solisten teils nur noch zu Statisten werden ließ. Franck van der Heijdens feines Gitarrenspiel war nur selten wirklich zu hören, Rogier van Wegberg am Bassinstrument war eher mit dem Koordinieren der Zuspielungen beschäftigt als ein eigenständiges tragendes Element des Trios zu sein. Das alles war in eine dramaturgisch durchschaubare, aber höchst wirksame Gesamtperformance gekleidet, die jenseits des Anspruchs an ein Klassikkonzert gut funktioniert und beim Publikum sichtlich Gefallen findet.
Und da wären wir wieder am Anfang und der Frage, ob die niederschwellige Häppchenkultur eine Chance ist oder der Niedergang einer althergebrachten Musikkultur, die sich allerdings auch selbst schon längst überholt hat. Die Antwort liegt wie immer in der Mitte. Oder auch nicht.