Die Tage Alter Musik sind ein Wunder – und brauchen jetzt eine Zukunftsstrategie

Von Marianne Sperb · 27. März 2026 um 15:41

Die Konzertreihe an Pfingsten hat sich mit ihrem außergewöhnlichen Profil ein unvergleichliches Renommee erworben. Aber wer soll dieses Juwel künftig strahlen lassen?

Die Tage Alter Musik sind ein Juwel. In den 42 Jahren seit Gründung hat das Festival unvergleichliches Renommee errungen. Mainstream meidet es, Kassenschlager interessieren es nicht, in der Nische strahlt es. „Standard-Programm wird man bei uns nicht hören“, sagt Ludwig Hartmann, einer der drei Macher. „Die Brandenburgischen Konzerte hat man bei uns vielleicht in den 1980ern erlebt.“

Man muss nur mal das Programm 2026 studieren. Amadio Freddi (ca. 1580-1643) und seine Marienvesper zum Beispiel kennt fast kein Mensch – aber die Matinee der britischen Gonzaga-Band war ratzfatz ausverkauft. Oder diese Trüffel von russischen Höfen: Das Ensemble Altera Pars gräbt fast vergessene Musik aus und bringt sie zum Klingen – in Regensburg zieht auch das. Oder das Projekt Engelskonzert, für das man leicht verrückt sein muss oder sehr sehr passioniert: Hans Memling, der die meiste Zeit in Brügge lebte, malte um 1490 singende und musizierende Engel auf Tafelbilder für einen Altar, höchst naturalistisch alles. Auf Initiative von Wim Becu von Oltremontano Antwerpen bauten Spezialisten die Tasten-, Zupf-, Streich- und Blasinstrumente der Gemälde detailgetreu nach. Auf diesen Instrumenten führt Oltremontano nun mit dem Tiburtina Ensemble Prag Musik jener Zeit aus Brügge auf, die man extra ausfindig machte. Das Konzert „Paradisi Porte“, Pforte zum Paradies, findet auch noch nachts um 22.45 Uhr statt – und die Menschen rennen den Veranstaltern die Türen ein. Die 800 Karten für die Dominikanerkirche waren schon im Dezember alle weg. Das soll den Tagen Alter Musik erst mal jemand nachmachen.

Die Veranstalter des Festivals tragen das volle Risiko

Wie mit einen Laserpointer leuchten die Macher des Festivals also in die Nischen und erzeugen dort konzentrierte, maximale Strahlkraft. „Wir sind einzigartig, weil sich niemand auf freiwilliger Basis das zutraut und das auf sich nimmt“, sagt Ludwig Hartmann durchaus selbstbewusst. Er hat die TAM mit Stephan Schmid 1984 gegründet; anfangs war auch noch Christof Hartmann an Bord, seit vielen Jahren wird das Festival mit Paul Holzgartner als angestelltem Drittem im Bund gemanagt, in einer altmodischen GbR, das heißt: Die Veranstalter tragen das volle Risiko. Aber lang kann das so nicht weitergehen. Für die Tage Alter Musik stellt sich die Zukunftsfrage.

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Stephan Schmid ist heute 72, Ludwig Hartmann 68. Seit Ende 2026 stellen sie zunehmend dringlicher die Frage, wer das Ruder übernehmen kann, in einer gGmbH etwa oder als Kommunalunternehmen, mit jüngeren Kuratoren. Ja, das Festival bekommt reichlich Geld, 100 000 Euro allein von der Stadt Regensburg pro Jahr, großzügige Förderung von der Sparkasse Regensburg, seit 20 Jahren treuer Sponsor, Mittel vom Freistaat und auch vom Verein der Freunde und Förderer. Aber im Gegenzug müssen die Macher alle Kosten eigenverantwortlich tragen – nicht nur Gagen, Mieten oder Aufwand für Instrumente; auch jedes geklebte Plakat kostet Gebühr. Ein Ausgleich für die üppige Arbeitszeit der Gründer sind da nicht drin. „Mir ist das nicht wichtig“, sagt Hartmann. „Das ist halt Leidenschaft.“

Wer soll dieses Profil künftig sicherstellen?

Aber wer soll dieses Programm in dieser Exzellenz, mit dieser Nase, mit diesem Netzwerk künftig komponieren, ehrenamtlich womöglich auch noch? „Wir sind dran“, sagen Hartmann und Holzgartner beim Besuch bei der Mediengruppe Bayern. Man spreche mit „verschiedenen Stellen und Leuten“ und werde wohl bald mit Regensburgs neuem Oberbürgermeister Thomas Burger Fühlung aufnehmen. Auch beim Bund fühlt man vor.

Das Ensemble Il Gardellino, hier beim Bachfest Leipzig, führt in Regensburg eine rekonstruierte Passionsoratorium von J.S. Bach auf - Musik von Bach, die der Maestro so nie gehört hat. - Foto: Gert Mothes

Stand jetzt ist das Festival gut in Schuss sozusagen. Die Planung reicht zwei Jahre voraus. Das Programm 2027 steht komplett, aktuell befasst man sich mit 2028. Und die Tager Alter Musik 2026 laufen gewohnt erfolgreich an. Von 11 000 verfügbaren Tickets für die diesmal 18 (statt 16) Konzerte ist gut die Hälfte weg. Bachs Welt der Tasteninstrumente ist heuer ein Vierteiler voller Sonderblüten und Entdeckungen gewidmet. Außerdem hat Alexander Grychtolik, Leiter von Il Gardellino, ein rätselhaftes, unvollendetes Passionsoratorium des Barock-Maestro rekonstruiert und vervollständigt. Das belgische Ensemble führt also nun mit Chor und Orchester Musik von Bach auf, die Bach selbst so nie gehört hat.

„Man muss den Spirit behalten“, sagt Hartmann mit Blick auf die Zukunft. „Das ist kein Mainstream-Festival und auch nichts, womit man groß verdient, wenn man die Preise nicht hochschrauben will.“ Die künftige Ausrichtung der TAM wird also nicht einfach; aber sie verdient jede Anstrengung.

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Die Tage Alter Musik präsentieren von 22. bis 25. Mai 18 Konzerte mit Musik vom Mittelalter bis zur Romantik an historischen Stätten. Von 11 000 aufgelegten Tickets ist etwa die Hälfte bereits vergeben. Am Rand des Festivals kann man Nachbauten historischer Instrumente studieren und kaufen: im Salzstadel an der Steinernen. Beim Symposion zum Engelskonzert tauschen sich internationale Experten im Alumneum aus: am 22. Mai (9.30 bis 16.15 Uhr). Der Eintritt ist jeweils frei. Karten: ok.ticket.de, alle Details: www.tagealtermusik-regensburg.de.