Kleider für Könige und Knappen: So hilft Gabriele Wiendl aus Abensberg beim Sprung aus der Zeit

Ob Biedermeier, Barock oder Mittelalter: Gabriele Wiendl aus Sandharlanden bei Abensberg im Landkreis Kelheim gibt mit ihren Kostümen seit 25 Jahren Theatern und Festen den letzten Schliff. Was ihre Gewänder vom Fasching unterscheidet, lesen Sie hier.
Reißverschluss im Rokoko? Geht gar nicht! Wenn Gabriele Wiendl historische Filme guckt, dann fallen ihr solche Schlampigkeiten gleich auf. Reißverschlüsse gab es nämlich erst ein Jahrhundert später. Und wenn es schon authentisch zugehen soll im Film, dann bitte schön auch bis ins Detail – oder dann wenigstens so, dass man es nicht sieht.
Seit 25 Jahren betreibt die Sandharlandenerin ihren Kostümverleih. Auf dem Dachboden ihres Hauses reihen sich Mittelalter, Barock, Rokoko, Biedermeier oder die 1920er aneinander. Ob opulentes Ballkleid oder einfacher Mittelalterzwirn: Viele Theateraufführungen und unzählige historische Stadtfeste wären ohne ihren Fundus nur halb so schön. 1000 Kleider und Kostüme, die meisten davon selbst gemacht, hängen hier – ein jedes gibt es nur einmal.

Dass die hier alle Platz finden, ist ihrem Mann zu verdanken. Die Leidenschaft für Kostüme begann nämlich mit der 650-Jahr-Feier der Stadt, zu der Wiendl einige Teilnehmer ausstattete. Ihr Mann animierte sie dann dazu, das Ganze größer zu denken. „Er baute mir die Schränke ein. Und dann, kurz darauf, verstarb er am Küchentisch.“ Von einem Tag auf den anderen war sie alleine. „Und was machst dann den ganzen Tag im großen Haus? Dann brauchst eine Beschäftigung.“
Kunden kommen bis aus Nürnberg
Die Nähmaschine wurde zu einer Art Trauerbewältigung, „und dann ist es so ausgeartet“. Sie durchstöbert bis heute Flohmärkte für Requisiten, wie etwa Ketten, Taschen, Gürtel oder Trinkhörner, erweiterte Stück für Stück ihr „Imperium“. Und das sprach sich rum. „Die Leute kommen bis aus Nürnberg zu mir“, und zwar nicht nur Vereine, auch Privatpersonen. „Einmal kam einer, der sich als Prinz verkleiden wollte – um seiner Liebsten einen Heiratsantrag zu machen.“
Während Privatleute vielleicht nicht so einen hohen Anspruch an Detailtreue haben, schaut so mancher Verein genauer hin. Bei der Landshuter Hochzeit zum Beispiel durften Bedienungen ihre Kleider erst nach einer genauen Prüfung des Vereins tragen. Nicht ganz verkehrt findet Wiendl das, „denn sonst verkommt ja alles zum Fasching“. Den hohen Anspruch stellt sie auch an sich selbst. In Büchern oder Filmen findet sie Anregungen, macht sich Notizen, liest nach. „Es ist schon eine Weile her, dass ich ein Buch gelesen habe, das nicht mit der Historie zu tun hat“, so Wiendl.

Um die Kostüme so gut wie möglich nachzuschneidern, bedarf es, außer des besonderen Blicks, viel Wissen und noch mehr Geschicklichkeit, auch des besonderen Stoffs. Hier wird Wiendl auf Flohmärkten oder Nachlässen fündig. Bei der Farbe muss sie vielleicht ein ums andere Mal Abstriche machen, freilich wurde vor 500 Jahren anders gefärbt als vor 50 Jahren. Auch das Muster sollte zur jeweiligen Zeit passen. Und bei der Stoffbeschaffenheit muss Wiendl bisweilen Zugeständnisse machen – schließlich soll das Stück auch pflegeleicht sein, wenn es durch viele Hände geht.

Aber die Details, und das sind freilich an einem Rokoko- oder Barockkleid mehr als an mittelalterlichen Kleidern, die bedürfen dann schon viel Aufmerksamkeit. „Ich bin da schon ein Tüpferlscheißer“, sagt Wiendl, „und es muss halt alles stimmig sein, von der Hutfeder bis zum Schuhband.“
Jedes Kleidungsstück ist nummeriert
Wiendl lässt niemanden rausgehen, wenn es ihr nicht selbst gefällt. Auch, wenn es so manchem Mann oder Kind fast wurscht ist, Hauptsache, man ist schnell fertig mit der Anprobe. Bei Frauen, die sich beim Probieren viel begeisterter zeigen als Männer, kann es mitunter schon einmal länger dauern. „Die wollen alle Prinzessinnen sein“, meint Wiendl schmunzelnd. Damit es schneller geht, dürfen sich die Kunden im Vorfeld Fotos anschauen, die Wiendl von den Kostümen gemacht und nach Zeitabschnitten in Alben geordnet hat. Jedes Kostüm ist nummeriert. So manches Stück wiederum ist für besondere Anlässe reserviert. Wiendl zeigt auf eine große Puppe zwischen all den Kleidern und Schränken. „Das ist der Kaiser Heinrich mit seinem Krönungsmantel, für das Historienfest in Bad Abbach.“
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Aber nicht nur zu Festen im Sommer sondern auch um die Weihnachtszeit ist Wiendl gut beschäftigt. Der Schrank im Treppenhaus ist voller Engelsgewänder, Bischofsstäbe stehen in der Ecke. Ewig will die 80-Jährige den Verleih nicht mehr machen. „Ich wollte schon vor zehn Jahren aufhören“, meint sie, halb im Ernst. Das Nähen neuer Kleider hat sie ohnehin schon ad acta gelegt, „kein Platz mehr“.