Interview: Neuer Landrat Chams nennt Wahlsieg einen „lebensverändernden Einschnitt“

Von Martin Hennings · 23. März 2026 um 18:57

Er kommt ein bisschen später als verabredet zum Interview, der künftige Landrat. Kein Problem, Christian Schindler, 33, Chamer und am Sonntag mit 53,3 Prozent der Stimmen gewählt, muss grade viele Hände schütteln. Ab 1. Mai sitzt er auf dem Chefsessel im Landratsamt.

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Die Freien Wähler haben am Sonntagabend im Pub gefeiert, durchaus lautstark und fröhlich. Bis wann waren Sie dabei?

Bis viertel nach zwei. Und ich war nicht der Letzte, der gegangen ist.

Wie viele Glückwünsche haben Sie aufs Handy bekommen?

Unzählige, per Mail, WhatsApp und so weiter, dazu viele Anrufe. Über Nacht habe ich 650 neue Insta-Follower bekommen. Einfach so. Ich bitte alle um Nachsicht, denen ich im Moment nicht antworten kann. Es sind einfach zu viele.

Hat Sie das doch klare Ergebnis überrascht oder gar erschreckt?

Nein, erschrocken bin ich nicht. Überrascht schon. Es fühlt sich auch am Tag danach surreal an. Ich bin nicht der Typ, der in Freudentaumel ausbricht. Ich spüre aber das große Vertrauen, das mir entgegengebracht worden ist. Dem versuche ich, vom ersten Tag an gerecht zu werden. Es freut mich, dass ich mit meiner Art und meinem Ansatz, Politik zu machen, überzeugen konnte.

Was bedeutet der Erfolg für Sie persönlich?

Für mich ist das ein lebensverändernder Einschnitt. Wobei das ja nicht nur ein Erfolg der Person Schindler Christian ist. Es ist ein großes Team, das hinter mir steht. Es ist auch der Erfolg vieler Menschen, die über Jahre und Jahrzehnte die Fahne der Freien Wähler in einem CSU-dominierten Landkreis hochgehalten haben: Volker Heiduk, Hans Stangl, Max Schmaderer, Markus Hofmann, Julian Preidl, Charlie Vetter, Hans Kraus, Karin Bucher, um nur einige zu nennen.

Es ist auch der Erfolg vieler Menschen, die über Jahre und Jahrzehnte die Fahne der Freien Wähler in einem CSU-dominierten Landkreis hochgehalten haben: Volker Heiduk, Hans Stangl, Max Schmaderer, Markus Hofmann, Julian Preidl, Charlie Vetter, Hans Kraus, Karin Bucher, um nur einige zu nennen.Christian Schindler

Worauf führen Sie den Erfolg zurück? Nach dem ersten Wahlgang lagen Sie 13 Prozentpunkte hinter Michael Multerer.

Die CSU hat es offenbar nicht geschafft, ihre Wähler erneut zu mobilisieren. Dann war die Ausgangslage ja anders als vor dem ersten Wahlgang. Da haben Leute vielleicht taktisch gewählt, um zu verhindern, dass bestimmte Bewerber in die Stichwahl kommen. Und wir wussten, dass wir in den zwei Wochen bis zur Stichwahl nochmal einen Sprint machen müssen. Das haben wir getan.

Ohne auf die AfD zu schielen?

Ich habe immer Wert gelegt auf klare Grenzen und wollte nie von anderen Parteien abhängen. Mein Ziel war, es aus eigener Kraft zu schaffen. Auch wenn es dafür Prügel gab: Ich bleibe bei meiner Position, dass man mit allen reden muss. Ich weiß nicht, ob uns die Debatte über Brandmauern weiterbringt. Mann muss nicht alle Meinungen teilen, aber man muss sie sich schon anhören.

Gilt das auch für die künftige Kreistagsarbeit?

Wenn die AfD einen vernünftigen Vorschlag macht, dann muss man doch zumindest drüber reden. Alle Kreistagsmitglieder haben eine Bringschuld der Bevölkerung gegenüber. Und ich als künftiger Landrat muss allen Gewählten die Beachtung schenken, die der Wähler mit seiner Stimme zum Ausdruck gebracht hat.

Sie werden jetzt also auch Gespräche mit der AfD führen?

Ich werde mit allen Gespräche führen. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Der wichtigste Ansprechpartner dabei ist die CSU. Ich denke, dass sie auch künftig den Anspruch hat, aktiv mitzugestalten und die Erfolgsgeschichte des Landkreises weiterzuschreiben. Ohne die CSU-Fraktion wird es nicht gehen.

Ohne die CSU-Fraktion wird es nicht gehen.Christian Schindler

Zumindest hat der scheidende Landrat Franz Löffler eine geordnete Übergabe angekündigt.

Es ehrt ihn, dass er die Größe hat, mir Unterstützung anzubieten, obwohl sein Wunschkandidat unterlegen ist.

Umarmung für den Wahlsieger: Laura und Christian Schindler am Wahlabend. - Foto: SimonTschannerl

Wie werden Sie sich aufs neue Amt vorbereiten?

Vor allem viele Gespräche führen, innerhalb der Freien Wähler natürlich, aber auch mit vielen anderen. Das Ziel dabei ist klar: stabile politische Verhältnisse im Landkreis Cham. Meine jetzige Chefin Tanja Schweiger, die Landrätin von Regensburg, hat schon Unterstützung angeboten, ebenso unser Parteichef Hubert Aiwanger und die anderen Staatsminister der Freien Wähler.

Das neue Amt ist vielfältig, herausfordernd, verantwortungsvoll. Fühlen Sie sich bereit?

Das Leben ist immer eine Herausforderung. Ich hab mich neuen Situationen stets gestellt, in Beruf, Sport, Ehrenamt. Guter Rat und Unterstützung sind sicher geboten. Wichtig ist mir, dass ich mir am Ende eine eigene Meinung bilde und meinen eigenen Weg finde. Jemanden zu kopieren ist nicht mein Anspruch.

Die politischen Themen, die jetzt anstehen, sind die Themen aus dem Wahlkampf, nehme ich an?

Natürlich. Meine Ziele sind bekannt, jetzt gilt es, dafür Mehrheiten zu organisieren. Auf Kriege in der Welt oder steigende Spritpreise hat die Kreispolitik keinen Einfluss. Was wir aber angehen müssen: die gesellschaftliche Spaltung. Wir müssen aktiv werden, auf Menschen zugehen, das Gespräch suchen. Wenn wir nur sagen, die einen mag ich nicht und mit den anderen rede ich nicht, dann kommen wir nicht weiter.

Zum Abschluss eine persönliche Frage: Die sportliche Laufbahn des ASV-Handballers Christian Schindler ist mit dem gestrigen Wahltag beendet, oder?

Mit 33 Jahren bin ich eigentlich noch im besten Torwartalter. Es gibt wohl noch ein Abschiedsspiel, aber dann ist dieses Kapitel für mich beendet. Alles hat seine Zeit. Ganz werde ich dem Sport aber nie den Rücken kehren.