Regensburg leuchtet: Ein hochambitioniertes Festival lockt zu 15 Stationen

Von Marianne Sperb · 12. März 2026 um 17:22

Immersive Shows sind ja schwer in Mode, aber das Festival Re.Light hat nichts am Hut mit oberflächlichem Spektakel, kurzlebigem Kick oder billigem Synapsenfutter. Internationale Künstler, viele preisgekrönt, reagieren direkt auf Regensburg, in Arbeiten voller Tiefgang, Präzision und unerwarteter Twists.

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Regensburg ist dieser Abende kaum wieder zu erkennen. Neupfarrplatz, Velodrom oder das kleine Spitalkircherl: Lichtkunst lässt an 15 Stationen die Augen überlaufen und die Gedanken kreisen.

Immersive Shows sind ja schwer in Mode, aber das Festival Re.Light, das nun nach 2024 zum zweiten Mal startet, hat nichts am Hut mit oberflächlichem Spektakel, kurzlebigem Kick oder billigem Synapsenfutter. Das Team vom Kulturreferat mit Markus Apfelbacher und Kuratorin Nika Perne legen die Latte hoch, haben in der internationalen Szene die interessantesten Köpfe gecastet, viele preisgekrönt, und lassen sie nun direkt auf Regensburg reagieren, in Arbeiten voller Tiefgang, Präzision und unerwarteter Twists. Als würde in einen vertrauten Raum auf einmal das Licht von überraschender Seite einfallen.

Ein Stück wie für die Ewigkeit: „Inner Time“ im Dittmer-Hof

Drei Scheinwerfer-Arme, dazu Musik der Domspatzen – zu erleben im Thon-Dittmer-Hof - Foto: Tino Lex

Langsam, unbeirrbar dreht sich im Thon-Dittmer-Hof ein schwerer Lichtständer. Die drei Scheinwerfer-Arme streichen synchron zu gregorianischen Klängen über den ruhigen Wasserspiegel eines kreisrunden Bassins. Die Stimmen, die wie aus ferner Zeit erklingen, gehören Domspatzen: Tenor, Bariton und Bass. „Seit zehn Jahren wollte ich das schon realisieren“, sagt Sebastian Kite. Der Brite nahm für „Inner Time“ einige Minuten Musik mit dem 1050 Jahre alten Chor auf und zerdehnte sie zu 90 Minuten. Seine meditative Installation hebt Zeit und Raum auf, ein Stück wie für die Ewigkeit.

„Zeitrisse“ werden auf der Fassade der Neupfarrkirche sichtbar

Den Lauf der Zeit umkreist auch Liudmila Siewerski – auf dem Neupfarrplatz. Hier verkantet sich Regensburger Geschichte wie kaum irgendwo: erst Sklavenmarkt der Römer, später Ghetto der Juden, Wallfahrtsort der Katholiken und neue Pfarre der Protestanten, Bunker der Nazis, heute Herz des Weltkulturerbes und auch: Brache der Wirtschaftskrise mit dem abgewrackten Kaufhaus. Für ihr Mapping „Zeitrisse“ stieg Siewerski tief in die Archive, forschte auch bei der Unesco. Über die Neupfarrkirche flimmern Zitate aus Antike, Romanik, Gotik und Barock, jüdische Grabsteine und zerbrochenes Glas flackern auf, begleitet von Orgel- und Synthesizer-Klang. Ihre kraftvolle Arbeit mit der Textur der Stadt ist der ideale Auftakt zum Jubiläum „20 Jahre Welterbe“ diesen Sommer.

Die Neupfarrkirche als Bühne für die wechselvolle Geschichte des Welterbes - Foto: Tino Lex

Huch, was ist das? Passanten blicken bei den ersten Worten erst mal überrascht nach oben: Ein überlebensgroßes Frauengesicht, projiziert auf weich fließendes Tuch, spricht auf den Rathausplatz herunter, direkt am Regensburger Machtzentrum, wo ein paar Tage zuvor die Demo zum Frauentag durchgezogen ist. Vanessa Hafenbrädl hat für „No Flag“ über Menschenrechte und bayerische Reformerinnen der Jahrhundertwende geforscht, im Haus der Bayerischen Geschichte etwa und in der Monacensia München.

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Ihr weiblicher Luftgeist zitiert, so sanft wie beharrlich, große und kleine Beispiele aus einer Geschichte der Unterdrückung und der Auflehnung. Die Audiocollage dazu mixt Stimmen von Frauenchören aus Haiti und Tiflis zum Beispiel mit Zeilen von Wolf Biermanns „Ermutigung“. Auch wer nicht volle 18 Minuten verharrt, nimmt einen starken Eindruck mit.

Das Bayern-Museum am Donauufer mit seiner gut 100 Meter langen Fassade bietet die ideale Bühne für Lichtkunst. Daniel Rossa durchkreuzt hier die Erwartung, in ein farbsattes Bad abzutauchen. Er zeigt klare Kante, präzise auf den Takt der Reliefplatten abgestimmt. Ihm geht’s um Metafiktion. „Metatecture“ heißt seine Intervention, die kostspieligste des Festivals übrigens, ausgestattet mit zehn Projektoren von je 30 500 Lumen. Daniel Rossa arbeitet mit Bruchkanten und Cuts. Die ästhetische Illusion seiner Lichtbänder bricht immer wieder abrupt ab. Auf Farbwolken folgen Architekturskizzen und Technikpläne, auf Täuschung sozusagen Enttäuschung. Alles eben nur geträumt.

Das Haus der Bayerischen Geschichte am Donaumarkt: Daniel Rossa durchbricht die Erwartungen, arbeitet mit Bruchkanten und Cuts. - Foto: Tino Lex

„No barrier“ heißt die Arbeit von Margareta Hesse in der Dreieinigkeitskirche, also: keine Schranke – aber man traut der Sache nicht. Der Besucher zieht unwillkürlich den Kopf ein, wenn er durch die Lichtstäbe taucht, die am Portal einen Zaun markieren. Laserstrahlen schneiden Stahl, operieren Patienten, wehren Raketen ab; hier wirken sie so stabil, dass man auch beim vierten, fünften Mal verblüfft ist, sie ohne Verletzung, sogar ohne Widerstand zu passieren, um dann in ein Meer aus Millionen rotierender Lichtpünktchen zu tauchen.

Besucher vor Laserstrahlen, die nur scheinbar den Zutritt zur Dreieinigkeitskirche verwehren - Foto: Tino Lex

Margareta Hesse ist Minimalistin, nichts außer Laser in präzise kalkulierten Rastern füllt die Kirche, und setzt gleichzeitig auf pure Emotion. Der tiefe Ton, den der Organist für sie einspielte, stimuliert, macht einen ruhig und offen für Sinnesreize und Transzendenz.

Das Licht Dutzender Ampelanlagen verschiebt die Perspektiven im Velodrom. - Foto: Tino Lex

Das Velodrom, wegen Sanierung geschlossen, ist für Re.Light geöffnet. Das Duo cabosanroque und Studio Animal inszenieren auf der Baustelle ein rasante Choreografie aus 47 Ampeln, die schneller blinken als das Auge folgen kann. Der Sound bedient sich aus aufbrausenden Motoren, heulenden Kreissägen oder dem sphärischem „Lux Aeterna“ von Ligeti. Für Kulturreferent Wolfgang Dersch ist das Finale entscheidend: „Es endet mit grünem Licht – für die baldige Sanierung des Velodroms!“

Info: Alles zum Festival

Re.Light zeigt an zehn Abenden, bis 22. März (jeweils 18.30 bis 22.30 Uhr) internationale Lichtkunst an 15 Stationen in der Regensburger Altstadt. Der Eintritt ist frei, nur für Velodrom und Minoritenkirche braucht es ein Kombiticket (14 Euro). Im Festivalzentrum M26 kann man Tickets kaufen, Führungen buchen und kostenfreie Audioguides haben. Die Art-Mediators geben an vielen Stationen tiefere Einblicke. Im Rahmenprogramm sind Live-Konzerte der Domspatzen zu hören. Viele Bars bieten ein Re.Light-Gedeck. Alle Details: www.relight-regensburg.de