Starkoch Lucki Maurer im Interview: „Grenzenlos zu denken, das ist der Schlüssel“

Er ist direkt an der tschechischen Grenze aufgewachsen, in Bayern steht er für Spitzenküche und nachhaltige Wagyu-Zucht. Starkoch und Landwirt Lucki Maurer will ein Botschafter der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit sein. Beim Auftakt von „Kulinarische Brücken“, einem deutsch-tschechischen Expertenforum, haben wir uns mit ihm unterhalten.
Herr Maurer, Sie haben Ihren „Stoi“ in Schergengrub für die Auftaktveranstaltung zum Expertenforum „Kulinarische Brücken“ zur Verfügung gestellt. Warum?
Lucki Maurer: Weil ich finde, dass so ein Format längst überfällig ist. Ich bin sehr verbunden mit Tschechien. Schon als Kind in Neukirchen beim Heiligen Blut, nur fünf Kilometer von der Grenze entfernt, habe ich die Gegend hautnah erlebt. Auch meine Frau kommt aus der Nähe, aus Rittsteig, nur 800 Meter von der Grenze. Nach der Grenzöffnung 1989 kamen die ersten Gastarbeiter – damals oft mit Vorurteilen belastet. Ich erinnere mich, wie ein Busfahrer mich gefragt hat, ob wir nicht eine Bedienung brauchen. Ich wusste gar nicht, was das bedeuten sollte – und dann kam Rosa zu uns ins Hotel. Sie arbeitet heute noch dort. Für mich ist sie keine Mitarbeiterin, sondern fast ein Familienmitglied. Sie hat mich mit erzogen, mir Hausaufgaben erklärt, mir das Rechnen beigebracht.
Grenzüberschreitende Verständigung ist Ihnen also auch ein persönliches Anliegen.
Maurer: Absolut. Rosa hat zwei Brüder, die wir ebenfalls kennen. Wir sind später oft nach Tschechien gefahren – für uns damals Neuland. Als Kinder haben wir immer gedacht: „Hinter der Grenze ist die Welt zu Ende.“ Aber es war eigentlich gar nicht so. Die Menschen haben genauso Landwirtschaft betrieben, die Technik war ähnlich, und die Kultur war gar nicht fremd. Diese Erkenntnis hat meine Sicht komplett verändert.
Sprache ist nicht alles. Musik, Kulinarik – das ist auch eine Sprache.Lucki Maurer
Wie hat sich das auf Ihre Projekte ausgewirkt?
Maurer: Über die Jahre hat sich die Verbindung vertieft, über die Musik. Ich bin ja auch Musiker, wir haben viele Konzerte in Tschechien gespielt. Man merkt schnell: Sprache ist nicht alles. Musik, Kulinarik – das ist auch eine Sprache. Als ich gefragt wurde, ob ich bei „Kulinarische Brücken“ mitmachen möchte, war die Antwort deswegen klar: Auf jeden Fall.
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Was erhoffen Sie sich persönlich von diesem Projekt?
Maurer: Aufmerksamkeit und echte Zusammenarbeit. Letztes Jahr war ich im Hotel Oswald in Kaikenried, die Restaurantleiterin dort ist Tschechin und hat tschechische Weine gekauft. Ich war total begeistert – diese Qualität muss man sichtbar machen. Früher dachte man bei Tschechien eher an billige Produkte, Zigaretten oder Schnaps. Dabei sind unsere Küchen eigentlich ähnlich: Gulasch, Nudeln, Braten, Dampfnudeln – vieles überschneidet sich. Man muss sich nur mehr aufeinander zubewegen.
Wie könnte das konkret geschehen?
Maurer: Man könnte kulinarische Austausche organisieren: Ein tschechischer Koch kommt zu uns, wir präsentieren deutsche oder bayerische Gerichte in Tschechien. Oder umgekehrt: Wir kochen bayerisch, dazu deutsche Weine, in Prag oder Karlsbad. So entstehen Brücken über Kultur und die Küche. Außerdem kann man das mit Musik oder Reisen verbinden – ein Konzert in Prag, ein Wochenende in Marienbad – das schafft Nähe, ohne dass man viel spricht.
Besonders faszinierend finde ich Böhmische Knödel. Ich habe die mal bei „Kitchen Impossible“ meinen Freund Tim Mälzer machen lassen – das war ein Desaster.Lucki Maurer
Haben Sie ein tschechisches Lieblingsgericht?
Maurer: Böhmische Knödel, Gulasch, Liwanzen – alles richtig herzhaft und deftig. Besonders faszinierend finde ich Böhmische Knödel. Ich habe die mal bei „Kitchen Impossible“ meinen Freund Tim Mälzer machen lassen – das war ein Desaster. Die Kunst liegt darin, dass sie nicht zerfallen, die Soße richtig aufsaugen. Meine Oma konnte das noch, früher war das Alltag. Es zeigt, wie eng unsere Küchen kulturell verbunden sind.
Und das seit Jahrhunderten...
Maurer: Früher, vor dem Zweiten Weltkrieg, haben Bayern und Böhmen eng zusammengelebt. Erst der Krieg und der Kommunismus haben diese Nähe zerstört. Jetzt ist es Zeit, wieder zusammenzurücken. Grenzenlos zu denken, das ist der Schlüssel. Kulinarik, Musik, Begegnungen – all das kann helfen, alte Verbindungen zu pflegen und neue zu schaffen. Ich hoffe, dass das Projekt wächst, mehr Menschen erreicht und zeigt: Zusammenarbeit ist nicht nur möglich, sondern bereichernd. Wir sollten voneinander lernen, gemeinsam genießen und einfach mehr aufeinander zugehen – egal, welche Sprache man spricht.